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26. Juni 2017IG Nahverkehr

Verkehrserschließung des Neubaugebiets Michelangelostraße

In der Koalitionsvereinbarung für 2016 bis 2021 heißt es (auf den Seiten 47, 49 und 63): »Für neue Stadtquartiere muss eine leistungsfähige ÖPNV-Erschließung gewährleistet sein. … Die … Standorte Michelangelostraße … und Schumacher-Quartier … werden als ökologisch-soziale Modellquartiere für … Nutzungsmischung und innovative Mobilitätskonzepte entwickelt. … wird die Koalition sicherstellen, dass bei der Aufstellung von Bebauungsplänen … die Anforderungen durch einen Straßenbahnbetrieb berücksichtigt werden.«

Grundsätzliche Aussagen dazu finden sich im »Leitbild Mobilität in Berlin« vom Mai 2015, insbesondere in den Kapiteln »Was wir wollen« und »Verkehrsvermindernde Stadtplanung«.
 

Beschreibung des Neubaugebiets

Im Ortsteil Prenzlauer Berg angrenzend an Weißensee befinden sich nördlich der Michelangelostraße und südlich der Hanns-Eisler-Straße bereits Wohngebiete mit zahlreichen 4- bis 10-Geschossern und viel Grün dazwischen. Auf dem etwa 200 bis 300 m breiten Streifen zwischen Michelangelostraße und Hanns-Eisler-Straße, der zum Teil Wiese, zum Teil Autoabstellfläche darstellt, sollen 1300 Wohneinheiten geschaffen werden. Die Befürworter der Stadtautobahn begehren die Fläche ebenfalls; für diesen Zweck oder für eine Schnellstraße war sie bisher freigehalten worden.

Derzeitige Verkehrsanbindung

Der S-Bahnhof Greifswalder Straße befindet sich in 800 bis 1500 m Entfernung. Der Weg zum einzigen Zugang an dessen Westende stellt für viele Anwohner einen Umweg dar, der allerdings entlang der Greifswalder Straße mit Einkaufs- und Dienstleistungsaktivitäten verbunden werden kann.

Die Straßenbahnlinie M4 Richtung Alexanderplatz und nach Weißensee berührt das Neubaugebiet in 100 bis 800 m Entfernung an den Haltestellen Michelangelostraße und Thomas-Mann-Straße. Die Straßenbahn hat einen starken Verkehrsstrom zwischen Hohenschönhausen / Weißensee und dem Stadtzentrum zu bewältigen und ist trotz dichten Taktes oft überfüllt.

Die Buslinie 200 zum Alexanderplatz und Potsdamer Platz hat ihre Endhaltestelle im östlichen Teil der Michelangelostraße in 100 bis 600 m Entfernung vom geplanten Wohngebiet. Sie fährt im 10-min-Takt.

Die Buslinie 156 fährt im 20-min-Takt die Michelangelostraße entlang und verbindet das Wohngebiet mit den S-Bahn-Stationen Landsberger Allee und Prenzlauer Allee. Nachteilig ist der große Abstand zwischen den Haltestellen in der östlichen Michelangelostraße und der Ecke Greifswalder Straße.

Verbesserungen der Verkehrsverhältnisse sollen nicht nur dem Neubaugebiet dienen, sondern auch den bestehenden Wohngebieten nördlich und südlich der Michelangelostraße.

Autoberuhigtes Wohnen

Unklar ist, was in der Koalitionsvereinbarung mit »innovativen Mobilitätskonzepten« im konkreten Fall gemeint ist. Elektroautos oder fahrerlose Autos werden es wohl nicht sein, da sie bekanntermaßen nicht weniger Fläche als herkömmliche Autos beanspruchen und mit den notwendigen Ladestationen neue Probleme schaffen. Aber da die massenhaften Autoabstellplätze ohnehin der Bebauung weichen müssen, drängt sich die Idee auf, ein autoberuhigtes Wohngebiet für die schon vorhandenen und die neu zu errichtenden Wohnhäuser zu schaffen.

In anderen Städten hat sich das unter der Bezeichnung »Autofreies Wohnen« bewährt, aber auch dort lebt nur ein Teil der Bewohner wirklich autofrei, die anderen nutzen das Auto seltener oder gemeinsam mit anderen und haben es nicht direkt vor der Haustür.

Autoberuhigtes Wohnen erfordert Straßen nur an den Rändern des Wohngebiets. Nur dort sind einige Autoabstellplätze als Buchten vorzusehen. Zu den Häusern sollen nur Fuß- und Radwege führen und einige einspurige befestigte Zufahrtswege in Form von Schleifen oder Sackgassen, die als verkehrsberuhigter Bereich, auch Spielstraße genannt, zu kennzeichnen sind. Innerhalb des Wohngebiets sind keine Autoabstellplätze anzulegen, aber für jeden ein überdachter und verschließbarer Fahrradabstellplatz. Schulen, Kindergärten, Einkaufsmöglichkeiten, gastronomische Einrichtungen, Ärztehaus, Postfilialen und Paketstation müssen so angeordnet werden, dass sie vom ganzen Wohngebiet zu Fuß erreichbar sind. Die Form des neuen Wohngebiets – langgestreckt und schmal – bietet eine gute Voraussetzung, diese Bedingungen zu schaffen.

Das Auto verliert an Attraktivität, wenn die »Haltestelle« nicht vor der Haustür ist, sondern genauso weit entfernt wie die Haltestelle des öffentlichen Verkehrs. Mit den Vorteilen des autoberuhigten Wohnens – geringer Autolärm, weniger Autoabgase, höhere Sicherheit - muss geworben werden. Ansiedeln wird sich im neuen Wohngebiet nur, wer so wohnen und leben will.

Schwierig könnte es für die Menschen werden, die bereits dort wohnen und ihre Autos nicht mehr auf den zu bebauenden Flächen abstellen können. Wichtig sind deshalb attraktive Straßenbahnverbindungen und gute Erreichbarkeit der S-Bahn zu Fuß und mit dem Rad. Mit einer Einrichtung der gemeinschaftlichen Autonutzung (sogenanntes Car Sharing) könnte man den Altbewohnern entgegenkommen.

Straßenbahn

Das Straßenbahnkonzept der LINKEN vom Februar 2016 enthält in der Priorität 2 die Neubaustrecke Königstor – Am Friedrichshain – Kniprodestraße – Michelangelostraße – Ostseestraße (bis Ecke Prenzlauer Allee). Die Platzverhältnisse sind bestens für eine Straßenbahnstrecke geeignet, in der Michelangelostraße und Ostseestraße auf dem begrünten Mittelstreifen.

Eine Straßenbahnlinie auf dieser Strecke würde das Neubaugebiet Michelangelostraße mit dem Alexanderplatz und dem S-Bahnhof Bornholmer Straße verbinden. Sie würde den nordöstlichen Abschnitt der Buslinie 200 ersetzen und gleichzeitig die stark ausgelastete Strecke der M4, die kaum noch weitere Fahrgäste aufnehmen kann, entlasten.

Die Koalitionsvereinbarung 2016 bis 2021 enthält diese Strecke nicht, aber als allgemeines Ziel für umzugestaltende Straßen die Trassenfreihaltung für die Straßenbahn.

Die Senatsverwaltung hat im März 2017 zugestimmt, eine 6,50 m breite Straßenbahntrasse in Mittellage freizuhalten. Sie verfolgt damit die Absicht, den Linienverlauf der M13 zu begradigen: von der Wisbyer Straße geradeaus über die Ostseestraße, Michelangelostraße und den Hauptweg (die verlängerte Michelangelostraße) zum Weißenseer Weg. Diese Absicht halten wir zwar auch für sinnvoll, weil damit die S-Bahnstationen Bornholmer Straße, Frankfurter Allee und Warschauer Straße erreicht werde. Das ist aber nachrangig gegenüber der Verbindung zur Innenstadt über die Kniprodestraße. Denn die dringende Entlastung der M4 kann mit der Direktführung der Tangentiallinie nicht erreicht werden.

S-Bahn

Die Vorzugsvariante zur besseren Erreichbarkeit der S-Bahn ist ein zusätzlicher Ostausgang am Bahnhof Greifswalder Straße. Diese Variante, bei der der S-Bahnsteig an der gegenwärtigen Stelle verbleibt, ist aber abzuwägen mit der ebenso sinnvollen Planungsüberlegung, den Bahnsteig mittig über die Greifswalder Straße zu verschieben, um den Umsteigeweg zur Straßenbahn zu verkürzen und bequemer zu gestalten.

Ein Ostausgang am Bahnhof Greifswalder Straße würde die Fußwege ins Neubaugebiet auf 600 bis 1000 m verkürzen. Auf 50 bis 80 m Länge müsste die Böschung der Bahnstrecke durch eine Stützmauer und einen parallelen Fußweg auf dem dadurch freiwerdenden Bahngelände ersetzt und dann der Anliegerweg zur Storkower Straße genutzt werden. Die »Privatwege« der Wohnungsbaugenossenschaften durch das Wohngebiet zwischen Storkower Straße und Hanns-Eisler-Straße wären offiziell für die allgemeine Nutzung zu öffnen. Ein oder mehrere möglichst direkte Fuß- und Radwegachsen durch das gesamte Wohngebiet zur Michelangelostraße sollten gestaltet werden.

Die Variante einer neuen S-Bahn-Station Kniprodestraße würde die Fußwege auf 600 bis 1200 m verkürzen. Der seitliche Abstand zwischen Bahnstrecke und Neubaugebiet ist an der Kniprodestraße größer als an der Greifswalder Straße; deshalb lassen sich die Fußwege nicht noch weiter verkürzen. Eine zusätzliche Station im S-Bahn-Ring würde die Fahrzeit für eine Ringumrundung, die gegenwärtig 60 min beträgt, verlängern. Mit leistungsstärkeren neuen S-Bahn-Fahrzeugen und kürzeren Abfertigungszeiten ließe sich dies zwar ausgleichen. Aber die geplante neue Station Oderstraße/Tempelhofer Feld ist wichtiger als eine an der Kniprodestraße.

Bus

Die fußläufige Entfernung zum S-Bahnhof Greifswalder Straße ist nicht für jeden zumutbar. Eine Umsteigestation Straßenbahn / S-Bahn an der Kniprodestraße ist unrealistisch. Deshalb muss eine Buslinie bestehen bleiben, die den östlichen Teil des neuen Wohngebiets an die S-Bahn anbindet, wie heute die Linie 156 in Landsberger Allee und Prenzlauer Allee.
 

Zusammenfassung

Da mit dem geplanten neuen Wohngebiet Michelangelostraße zahlreiche Autoabstellplätze für die bereits bestehenden angrenzenden Wohngebiete wegfallen, drängt sich auf, die Lebensweise auf autoberuhigtes Wohnen umzustellen. Voraussetzungen für das Funktionieren geringer Autonutzung sind eine neue leistungsfähige Straßenbahnverbindung vor allem in die Innenstadt und eine gute Erreichbarkeit der S-Bahn zu Fuß und mit dem Rad.