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1. September 2015Treptow-Köpenick

Fachkonferenz
Herausforderungen in der älterwerdenden Gesellschaft

Auszug aus der Rede von Gernot Klemm, stellv. Bezirksbürgermeister und Leiter der Abteilung Arbeit, Soziales und Gesundheit

Die demografische Entwicklung führt europa- und bundesweit unter anderem dazu, dass sowohl die absolute Zahl der älteren Menschen als auch der Anteil der älteren Menschen an der Bevölkerung erheblich zunehmen werden. In der Bundesrepublik wird bis zum Jahr 2050 ein Anstieg der Anzahl der Über-65-Jährigen um 54% und Steigerung der Anzahl der Über-80-Jährigen um 174% erwartet. Damit verbunden ist ein Rückgang der jüngeren Bevölkerung, das heißt die Bevölkerungspyramide wird auf den Kopf gestellt.

Gemäß der aktuellen Bevölkerungsprognose wird in Berlin bis zum Jahr 2030 mit einer Steigerung der Anzahl der Menschen im Alter von 65 – 80 Jahren um 14,4% und bei den Über-80-Jährigen sogar um 80,7% gerechnet. In Treptow-Köpenick liegt der Anteil der Menschen über 65 Jahren mit etwa 24% heute schon 5% über dem Berliner Durchschnitt. Gemäß dem Demografiekonzept des Landes Berlin wird sich der Anteil der Menschen im Alter von 65 bis 80 in Treptow-Köpenick bis 2030 um mehr als 40% erhöhen, die Zahl der Über-80-Jährigen um über 140%. Dies bedeutet, dass der demografische Wandel, der für weite Teile der Bundesrepublik Deutschland für 2050 prognostiziert wird, in Treptow-Köpenick jetzt schon im vollen Gange ist und sich bereits 2030 vollzogen haben wird. Insbesondere die Zahl der Hochbetagten, d.h. der Über-80-Jährigen wird bei uns bis 2020 auf 9 Prozent der Gesamtbevölkerung steigen. Im Übrigen steigt auch überall die Anzahl der Menschen mit Behinderungen was u.a. auch mit den Älterwerden zu tun hat.

Was wir brauchen

Wir benötigen dringend und massenhaft bezahlbaren Wohnraum in Berlin! Und den am besten gleich und ausschließlich seniorengerecht. Denn perspektivisch, also spätestens ab 2030, dürfte fast jeder vierte potentielle Neumieter über 65 Jahre alt sein. Bezahlbar heißt, es müssen auch ausreichend Wohnungen in dem Preissegment geschaffen werden, das für Menschen in der Grundsicherung bezuschusst werden kann. Auch der Bedarf an bezahlbaren Seniorenwohnanlagen und Seniorenhäusern mit entsprechenden Räumlichkeiten für Betreuungsangebote wächst in einem Maße, dass sich ein spezielles Förderangebot für dieses Marktsegment im Berliner Maßstab förmlich aufdrängt.

Wir brauchen dazu verbindliche Reglungen zur Schaffung von soziokulturellen Angeboten im Zuge der wachsenden Stadt, namentlich von generationsübergreifenden Begegnungsstädten und Angeboten für Senioren. Barrierefreiheit muss überall zum Standard der Bauplanung, Stadtplanung und Grünflächengestaltung werden. Und dazu muss in alten Hausbeständen nachgerüstet werden, weil nur so die Möglichkeit gegeben ist, lange selbstbestimmt in den angestammten eigenen vier Wänden und im angestammten Kiez wohnen zu bleiben. Diese Forderung ist auch ein Kern des Demografiekonzeptes, an dem das Bezirksamt Treptow-Köpenick im Moment intensiv arbeitet.

Die Belange von Seniorinnen und Senioren sind in dem Demografiekonzept auch bei allen Planungen des öffentlichen Personennahverkehrs besonders hervorgehoben worden. Dazu gehören die Taktverdichtung, die Verbesserung der Umsteigebeziehungen im öffentlichen Personennahverkehr und der flächendeckende Einsatz von Niederflurstraßenbahnen. Dazu gehört natürlich auch die Bezahlbarkeit des ÖPNV, zu der die Berliner LINKE dieser Tage ein Angebot für eine öffentliche Debatte zur kostenfreien Nutzung erarbeitet hat.

Im Ergebnis wäre Treptow-Köpenick ein Bezirk, in dem viele gesunde gut gelaunte ehrenamtlich aktive Rentnerinnen und Rentner unterwegs sind, ein barrierefreier Bezirk wo jeder überall hin kommt auch mit Behinderungen, ein Bezirk wo mitbestimmt werden kann nicht nur in der Stadtplanung, ein Bezirk mit generationsübergreifenden Begegnungsstätten und Freizeitangeboten die für jeden erreichbar sind, ein Bezirk mit bezahlbarem Wohnraum, mit Ärzten um die Ecke bei denen man in der Sprechstunde auch ran genommen wird, ein Bezirk wo denen von Amts wegen geholfen wird die Hilfe benötigen und ein Bezirk in dem soziale Gerechtigkeit insofern Standard ist, das Benachteiligte ins Leben so gut es geht mit einbezogen statt ausgegrenzt werden. So sieht ein seniorengerechter Bezirk aus. So sieht ein behindertengerechter Bezirk aus. So sieht ein familienfreundlicher Bezirk aus, und ein kinderfreundlicher, ein weltoffener und toleranter Bezirk ja sogar ein hundefreundlicher.

Kurzüberblick und Termine

Arbeitsgruppe 1
Gesund Altern – in Selbstbestimmung und Solidarität

In einem Schwerpunkt der Fachtagung wurden die Probleme der ärztlichen Versorgung im Bezirk analysiert und die sozialen Folgen von Vereinsamung und mögliche Auswege offengelegt. Nicht nur die Mobilität älterer Menschen muss künftig gewährleistet werden, auch die Stadtplanung muss die Bedürfnisse der alternden Gesellschaft entsprechend berücksichtigen. Von gut erreichbaren Toiletten bis hin zu Sitzgelegenheiten im öffentlichen Raum. Kiezklubs und Nachbarschaftseinrichtungen sind Errungenschaften, die im Bezirk einmalig sind und erhalten werden müssen. Wie kann nun eine Strategie oder ein Konzept entworfen werden, welches all diese Ideen und Forderungen vereint und der Politik damit eine Zielmarke setzen kann? Welche weiteren Ideen und Forderungen müssen beachtet werden, damit gesundes Altern in Treptow-Köpenick immer besser möglich ist?

Mitdiskutieren kann man am 28. September, Rathaus Treptow im Raum 205, 18 Uhr.

Ansprechpartnerin: Ilona Addis (ilonaaddis@ymail.com)

Arbeitsgruppe 2
Stadt für alle, ob Jung oder Alt

In zunehmendem Alter wird die Wohnung zum Lebensmittelpunkt. Deshalb wollen ältere Menschen solange wie möglich in der eigenen Wohnung, in der vertrauten Nachbarschaft und sozialen Umgebung bleiben. Steigende Mietpreise und geringe Renten – für viele wird es immer schwieriger, in der Wohnung zu bleiben oder eine neue bezahlbare Wohnung zu finden. Deshalb müssen bezahlbare Angebote für ein gemeinschaftliches, generationsübergreifendes sowie betreutes Wohnen ausgebaut werden. Im Wohnungsbestand und beim Wohnungsneubau sollen zukünftig mehr barrierefreie Wohnungen zur Verfügung gestellt werden. Dies könnte über Belegungsbindungen und über kooperative oder städtebauliche Verträge erfolgen. Nicht nur für ältere Menschen ist das Wohnumfeld wichtig. Hierzu gehören eine gute Aufenthaltsqualität, Angebote zur Naherholung und wohnortnahe Kultur-, Einzelhandels- und Dienstleistungsangebote. Eine Voraussetzung zur Teilhabe am öffentlichen Leben ist der Erhalt der Mobilität. Dazu können dichtere Taktzeiten, Verbesserungen der Umsteigebeziehungen im ÖPNV und überdachte Haltestellen beitragen. Das Sozialticket soll erhalten bleiben. Für die Verkehrssicherheit sind an Ampeln längere Grünphasen für Fußgänger, Tempobegrenzungen in Wohngebieten und vor sozialen Einrichtungen, Verkehrsinseln und abgesenkte Bordsteine wichtig. Zur Mobilität und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben trägt gerade auch für die älteren Generationen ein freier Zugang zum Internet bei.

Ansprechpartner: Uwe Doering (doering@linksfraktion-berlin.de)

Arbeitsgruppe 3
Stadt gemeinsam gestalten

Während der Tagung wurden die Probleme beim Wohnungsneubau deutlich und die wenigen Möglichkeiten für eine Verbesserung in einem Workshop zur Stadtentwicklung diskutiert. Im Moment werden etwa die Bedürfnisse der Senioren in den Leitlinien des Berliner Modells zur Baulandentwicklung nicht berücksichtigt. Ein Antrag der BVV-Fraktion diesbezüglich wurde bereits von den anderen Parteien abgelehnt. Für viele Bauprojekte, sogenannte Lückenschlüsse, sind allerdings keine Bebauungspläne nötig, das Berliner Modell greift hier erst gar nicht.

Wie kann nun der Einfluss der Bewohnerinnen und Bewohner als auch der Mieterinnen und Mieter gestärkt werden? Die Teilnahme und das persönliches Engagement müssen mehr Beachtung finden, damit sich zahlreiche Menschen bei der Gestaltung der Stadt einbringen, etwa über das Seniorenforum. Dazu soll es offensive Informationen in Bezug auf Bauvorhaben und Konzepte für sozialverträglichen Wohnungsneubau und Mietpreispolitik geben. Durch die AG-Stadtentwicklung wird es Kurzanalysen zu Bebauungsplänen, städtebaulichen Verträgen zur Information vor Ort, zur Mobilisierung von Bürgerbeteiligung und letztendlich zur Entscheidungsfindung in der Fraktion geben. Über all dem steht die Grundsatzfrage: Wie soll der Umgang mit Wohnungsneubau ohne sozialverträgliche Preissegmente aussehen? Mitdiskutieren, sich einbringen und Ideen entwickeln kann man in den weiteren Treffen.

Ansprechpartner: Ernst Welters (ernst.welters@linksfraktion-treptow-koepenick.de)

Arbeitsgruppe 4
Unterschiedliche Erfahrungen nutzbar machen – für alle

Unterschiedliche Lebenserfahrungen prägen unser gemeinsames Leben. Aber wie gehen wir damit um? Respektvoll und neugierig oder ignorant und abwertend? Besonders Menschen, die einen Teil ihres Lebens in der DDR verbracht haben, wissen wie schwer sich die deutsche Mehrheitsgesellschaft mit ihren Lebenserfahrungen tut. Eine Stadt wie Berlin, Flucht- und Sehnsuchtsort vieler Menschen, ob politisch verfolgt oder in existenzieller Angst vor Gewalt und Tod lebend. Sie kommen in unsere Stadt und wollen hier ein sicheres Leben gestalten. So wie in den 90er Jahren Deutsche aus Russland auch in unserem Bezirk eine neue Heimat fanden. In der AG haben wir eine Diskussion über unterschiedliche Formen gesellschaftlicher Interventionen diskutiert: Kultur- und Begegnungsangebote, Orte für Dialog und Kennenlernen, stabile Strukturen in den Kiezen, wie die bewährten Kiezclubs, die das ermöglichen und zugänglich für alle sein sollten. Doch unsere Debatte ist nicht am Ende: Es geht um die Formulierung von Zielen für eine Gesellschaft, die Barrieren abbaut und Hürden überwinden hilft. Nicht irgendwann, sondern hier und jetzt beginnend. Wir machen weiter.

Ansprechpartner: Carsten Schatz (schatz@linksfraktion-berlin.de)

Zweite Runde: 19. Oktober, 18 Uhr, Allendeweg 1