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6. Dezember 2008

2. Landesparteitag • 1. Tagung

Wahljahr 2009: Uns wird nichts geschenkt!

Rede von Klaus Lederer, Landesvorsitzender

[ Manuskript – es gilt das gesprochene Wort.

 

Liebe Genossinnen und Genossen,
liebe Freundinnen und Freunde,
liebe Gäste,

vor uns liegt ein Jahr, in dem eine Reihe von Wahlkämpfen auf uns zu kommt. Der heutige Parteitag ist in gewisser Weise der Auftakt hierfür. Wir werden in den kommenden Wochen und Monaten viel Arbeit leisten müssen, um mit unseren politischen Angeboten Alle und Jeden zu erreichen. Europawahl, Bundestagswahl, Landtagswahlen unter anderem in Hessen, Brandenburg, Thüringen und Saarland – das Jahr 2009 steht unter dem Zeichen der Neujustierung der politischen Kräfteverhältnisse in der Bundesrepublik. Wir, liebe Genossinnen und Genossen, haben unseren Beitrag zu leisten, dass DIE LINKE sich bundesweit noch stärker verankert und Fuß fasst. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass DIE LINKE nicht ignoriert werden kann. Wir machen Politik in diesem Land, und wir zwingen die Regierenden im Bund und in vielen Ländern, sich der sozialen Frage zumindest verbal zuzuwenden und in mancherlei Hinsicht auch Konzessionen einzugehen, die vor einigen Jahren als undenkbar erschienen.

Vor 4 Jahren war die Gründung einer neuen Linkspartei nur eine Idee, vor 3 Jahren nahm sie in einer gemeinsamen Bundestagsfraktion Gestalt an, vor anderthalb Jahren erblickte sie das Licht der Welt. Nun ist DIE LINKE im Begriff, erfolgreich in die Politik dieses Landes einzugreifen.

 
Liebe Genossinnen und Genossen,

es sind 4 Jahre harte Arbeit, die hinter uns liegen. Es ging Auf und Ab, selten hatten wir Gelegenheit, mal durchzuschnaufen. Vorgezogene Bundestagswahl 2005, Parteineubildungsprozess, Abgeordnetenhauswahl 2006 mit einem Ergebnis, über das wir gern länger nachgedacht hätten. Aber wir hatten Koalitionsverhandlungen zu führen und den dazugehörigen Kommunikationsprozess zu organisieren. Mitten hinein in diese Verhandlungen platzte das Karlsruher Urteil, das uns sofortige politische Reaktionen zur Sicherung einer sozialen stadtpolitischen Orientierung abverlangte, denn die Opposition forderte sofortige neue, harte Kürzungsrunden. In den Jahren 2007 und 2008 gab es einige weitere Bewährungsproben: Die selbstkritische, intensive Diskussion über Gekonntes und Unterlassenes, die Verwirklichung der Parteineubildung in der Praxis, aber auch viele inhaltliche Auseinandersetzungen. Ich erinnere an die ASOG-Debatte, an den Verkaufsprozess der Landesbank an den Sparkassenverband, an viele Demonstrationen und Proteste – von G8 über die Afghanistan-Aktionen bis hin zum Kampf gegen Überwachungsstaatlichkeit. Wir haben Wahlkampfhilfe in allen Wahlkämpfen geleistet, die bundesweit anstanden – oft mit gutem Erfolg!

Es musste ein Doppelhaushalt beschlossen werden, unsere Referenzprojekte harrten der Umsetzung in den schwierigen Bedingungen der Praxis. Auch der kleinteilige Parlamentsbetrieb auf Landes- und Bezirksebene konnte nicht einfach links liegen gelassen werden. Als Beförderer der direkten Demokratie in der letzten Legislatur waren wir nun auch Adressat von Volksbegehren und -initiativen. Hier mussten wir uns ebenfalls positionieren und auch richtig kämpfen.
Wir haben uns auf Parteitagen unter anderem mit »Guter Arbeit« beschäftigt, uns der Finanzierung der Bezirke zugewendet – und wie uns auch dieser Parteitag wieder zeigt: Diese Themen sind mit einer Beschlussfassung nicht abgehakt, sondern müssen täglich wieder neu aufgegriffen und politisch befördert werden, damit wir uns nicht als Resolutions-, Kungel- und Sitzungssozialistinnen und -sozialisten aufführen, sondern gemeinsam und engagiert in die herrschenden Kräfteverhältnisse eingreifen – mit dem Ziel ihrer sozialen Veränderung.

Nichts fällt uns von selbst zu, alles müssen wir bewegen. Und es ist richtig: Was wir nicht selbst tun, nimmt uns niemand ab, niemand! Entweder wir bewegen uns, oder wir lassen uns vom Strom treiben, und räsonnieren dabei über die Schlechtigkeit der Welt und prangern sie an. Dann aber sind wir politisch wertlos, liebe Genossinnen und Genossen, davon bin ich überzeugt. Das können wir uns nicht leisten, das ist nicht unsere Aufgabe, und dafür werden wir auch nicht gewählt! Ich verzichte an dieser Stelle bewusst darauf, erneut aufzuzählen, was wir in Berlin erreicht haben und wofür unsere GenossInnen in anderen Bundesländern immer noch kämpfen – von der Kita über die Bildung bis hin zum Kampf für soziale Integration und gegen Rassismus, Rechtsextremismus und Ausgrenzung. Das habe ich auf den beiden vergangenen Parteitagen gemacht und ich will nicht jedesmal die gleiche Rede halten. Aber ich sage auch: Wir sind selbst schuld, wenn wir mit unserem Erreichten nicht wuchern. Das ist keine Schönrednerei, denn es enthebt uns nicht der Pflicht, unsere Defizite offen zu benennen und an ihrer Überwindung zu arbeiten. Und es ist auch klar, dass wir gern noch mehr herausgeholt hätten. Aber auch für unsere Defizite werden wir nicht gewählt, und der Wahlkampf ist eine Zeit, mit seinen Qualitäten zu werben. Das sollten wir tun und wir sollten es nicht in Sack und Asche tun, sondern mit Selbstbewusstsein!

Liebe Genossinnen und Genossen,

ich denke, es ist an der Zeit, all jenen Mitgliedern unserer Partei ein »Danke« zu sagen, die dafür gesorgt haben, dass wir uns aus einer schwierigen Situation herausgekämpft haben, und nun ohne Selbstgerechtigkeit, aber mit Stolz, sagen können: Wir sind nicht schlecht aufgestellt, können über unsere Erfahrungen, Erfolge, aber auch über unsere Probleme und Niederlagen sehr offen sprechen. Aber wir müssen uns auch klar machen: Vor uns liegen sehr komplizierte Monate und es kann, wenn wir uns zu selbstsicher fühlen, ganz schnell vorbei sein mit unserer augenblicklich relativ guten Ausgangssituation. Wir können uns nicht leisten, uns vornehmlich mit uns selbst zu befassen und wir können es uns vor allem nicht leisten, die Arenen der gesellschaftlichen Auseinandersetzung und der innerparteiliche Kleinkriege miteinander zu verwechseln.

Wir alle sind Mitglieder einer augenblicklich sehr erfolgreichen Partei. Das, liebe Genossinnen und Genossen, eint uns. Und das sollte vor allem anderen stehen, was uns hier und da auch mal trennen mag. Unsere Bereitschaft, miteinander solidarisch zu streiten, um zu den besten Lösungen zu kommen, vor allem aber miteinander zu kämpfen, wenn es gilt, das Beste herauszuholen, ist unser großes Pfund. Das dürfen wir nicht verspielen, liebe Genossinnen und Genossen. Tun wir es dennoch, so meine Prophezeihung, wird es nicht SiegerInnen auf der einen und VerliererInnen auf der anderen Seite geben. Ich bin ganz sicher, dann werden wir alle verlieren. Und es ist zu spät, das zu erkennen, wenn wir vor dem Trümmerhaufen des zerschlagenen Porzellans stehen. Ich erinnere daran, dass die Erkenntnis zumindest für diejenigen, die aus der Quellpartei PDS stammen, schon einmal zu spät kam. Die Stichworte 2002 und Gera müssten hier genügen. Wir sollten das Erreichte nicht noch einmal auf´s Spiel setzen.

Liebe Genossinnen und Genossen,

eine linke, eine demokratisch-sozialistische, Partei steckt eigentlich immer in einem schwierigen Dilemma. Sie hat einerseits einen ausgesprochen hohen gesellschaftsverändernden Anspruch. Sie hat aber auf der anderen Seite mit genau den gleichen gesellschaftlichen Verhältnissen zu tun, wie alle anderen Akteure im politischen Kräfte-Parallelogramm auch. Wie alle anderen auch müssen wir versuchen, die Kraft zur Veränderung aus den Interessen und Kräften der Gesellschaft zu mobilisieren, und sie sortieren sich selten nach dem einfachen Muster »Oben« gegen »Unten«, Arm gegen Reich, Egoismus gegen Altruismus. Als Materialistinnen und Materialisten wissen wir, dass die Triebkraft der Menschen als soziale Wesen ihre Interessen sind - oder vielmehr und in erster Linie das, was sie selbst als ihr Interesse wahrnehmen. Und wir wissen auch, dass Beides nicht immer identisch ist.

Das macht es oft schwierig. Wir haben schon oft – auch an dieser Stelle – über den Tarifkonflikt in Berlins öffentlichem Dienst gestritten – über die unterschiedlichen Aspekte, die in ein und demselben Zusammenhang aufzurufen sind, und die miteinander zu verhandeln und in Ausgleich zu bringen sind. Mehr Lohn, Tarifgerechtigkeit, Beschäftigungssicherung, der Kampf gegen Arbeitsverdichtung und für gute Arbeitsbedingungen, für Chancen des Nachwuchses und für Leistungen in hoher Qualität unter den Bedingungen der Haushaltsnotlage. Wir haben es uns nicht leicht gemacht, und wir haben dafür nicht von allen Beschäftigten Beifall bekommen. Weil wir nicht einfach gesagt haben: Alle Forderungen aller Beteiligter sind berechtigt, aber wir machen uns nicht mit der Abwägung die Finger schmutzig. Aber eins ist klar: Ohne unser Insistieren, ohne unsere Vorschläge mit der Perspektive über 2010 hinaus, ohne unsere Gespräche und unser Werben für eine praktikable Lösung, für Bewegung im Tarifkonflikt, wäre die festgefahrene Situation nicht so aufgelöst worden, wie es jetzt der Fall ist. Ich kann verstehen, dass nicht jede und jeder Beschäftigte begeistert ist über die ausgehandelten 65 €. Wir sollten uns auch bewusst machen, dass das Problem nicht dauerhaft abgearbeitet ist, sondern dass für die Zeit nach 2009 neue Ideen gebraucht werden. Wir sollten deshalb nicht warten, bis die Hütte wieder brennt, sondern schon jetzt beginnen, diese Situation vernünftig vorzubereiten. Wir müssen uns etwas einfallen lassen für diejenigen, die unter schwierigen Bedingungen großartige Leistungen erbringen - für diejenigen, die zum Beispiel als Erzieherinnen und Erzieher in der Kita für verdammt wenig Geld und mit sehr hohem persönlichen Einsatz arbeiten. Wir müssen schon jetzt gemeinsam mit dem Koalitionspartner und den Gewerkschaften über die Perspektiven reden, die die Kolleginnen und Kollegen in Berlin brauchen. DIE LINKE. Berlin erklärt seit langem, und das können wir nicht oft genug wiederholen, dass der Berliner Ausnahmezustand im Tarifgefüge Deutschlands kein Dauerzustand sein darf, sondern dass es hier eine ganz klare und vermittelbare Perspektive geben muss. Aber diese Perspektive kann nicht dekretiert oder von der Kanzel gepredigt, sie muss erarbeitet werden. Und dafür sind wir (mindestens mit) zuständig, niemand wird hier von selbst irgend etwas unternehmen. Das ist unser Job, Genossinnen und Genossen!

Und auf eine weitere Herausforderung will ich hier besonders eingehen, weil ich den Eindruck habe, dass wir es uns damit gegenwärtig an mancher Stelle zu leicht machen: die aktuelle Finanzkrise, die sich zur allgemeinen Wirtschaftskrise ausweitet.

Liebe Genossinnen und Genossen,

wir können uns auch nicht darauf verlassen, dass eine Verschlechterung der gesellschaftlichen Gesamtsituation sich automatisch für DIE LINKE oder gar für linke, emanzipatorische Projekte auszahlt - dass uns etwa die Durchsetzung von Bildungsgerechtigkeit, sozialer Gerechtigkeit und von mehr Demokratie und Beteiligung leichter fällt. Im Gegenteil: In schwierigen Situationen neigen viele Menschen dazu, auf das Vertraute auszuweichen, auf das, was sie kennen und von dem sie zumindest in der Vergangenheit wussten, woran sie sind. Da entsteht dann eine Mischung aus Apathie, Resignation und merkwürdiger Hoffnungsprojektion auf die bekannten Figuren, bei aller Enttäuschung oder Frustration. Und das könnte durchaus diejenigen stärken, die sich als Volksparteien gerieren und nicht unbeträchtlich Anteil daran hatten, die Ursachen für die gegenwärtige Krise politisch zu flankieren und durchzusetzen. Es haben sich ja schon manche von uns gefragt, warum die Menschen den Sozialabbau beklagen und trotzdem die CDU und Frau Merkel wählen. Das liegt daran, dass uns nicht unbedingt zugetraut wird, die Probleme besser zu lösen. Das ist das Dilemma, in dem wir stecken, und das können wir nur dadurch überwinden, dass wir sehr konkret deutlich machen, dass wir eine verlässliche Alternative sind und Alternativen im Angebot haben. Markige Sprüche und Aufstandsphantasien helfen da nicht weiter. Wir müssen positiv formulieren, wie unsere Welt aussehen soll. Nur so können wir überzeugen.

Hinzu kommt, dass wir zumindest selbst nach wie vor unsere Grenzen haben, was die Analyse gesellschaftlicher Verhältnisse, ihrer Konfliktlinien und Brüche, anbetrifft. Wir erleben die größte Krise des kapitalistischen Akkumulationsregimes seit 1929. Wenn ich so sehe, wie wir es uns mitunter in unseren Sandkästen gemütlich machen, und uns um unsere Kuchenförmchen und über den Preis für die beste Gesinnung streiten, habe ich meine Zweifel, ob wir tatsächlich alle einen Begriff davon haben, was im kommenden Jahr auf uns zukommen wird. Und hier sind wir - obwohl wir in der Offensive sein müssten - tatsächlich real in der Defensive. Das können wir nicht überspielen, indem wir versuchen, nicht vorhandene konzeptionelle Stärke durch volltönende und wortgewaltige Argumentationen zu suggerieren. Die Leute sind ja nicht blöde und sie haben ja nicht auf den Messias gewartet.

Es klingt ja zunächst ganz schön, wenn wir jetzt plötzlich Verstaatlichung zum Allheilmittel, zum Universalrezept, erklären, aber wir sollten erstens nicht vergessen, dass etwa die britische Variante der Verstaatlichung eine besonders ekelhafte Form der Entlastung der Krisenakteure darstellt, die ich mir nicht wünsche. Sarkozy und Brown sind doch keine Neo-Sozialisten! Und ich will auch nicht darüber hinwegsehen, dass es hier in unserem Land staatlich kontrollierte Banken waren, die im Casino mit am Zockertisch saßen und die Steuergelder verpfändet haben, die vor allem den abhängig Beschäftigten in den vergangenen Jahren aus den Taschen gezogen wurden. Und schließlich: ich finde es schade, dass die seinerzeitige Aufregung über unsere – heute vergleichsweise lächerlich anmutende – Risikoabschirmung nicht von der mit mindestens dem gleichen Engagement betriebenen Analyse des Vorgefallenen abgelöst wurde. Hier ist nach wie vor einiges an strategischem Gewinn zu erwarten. Auf dem Panel der Metropolenkonferenz zur Demokratisierung und Steuerung öffentlicher Landesunternehmen Berlins, an dem Harald und ich in der vergangenen Woche teilgenommen haben, habe ich 13 TeilnehmerInnen gezählt. Da gibt es, finde ich, eine leichte Schieflage bei der Schwerpunktsetzung unseres Engagements. Dabei haben wir diese – zugegebenermaßen etwas leiseren – Debatten dringend nötig!

Ich darf Jens Bisky zitieren, der in der »Süddeutschen Zeitung« vom 8. November folgende klugen Gedanken äußerte: »In der gegenwärtigen Krisendebatte lässt sich hinter den meisten Marx-Zitaten, hinter vielen der großen und gern beklatschten Gesten der Kapitalismuskritik eine besondere Kurzsichtigkeit feststellen. Ja, die Ausgangsfrage »mehr Markt« oder »mehr Staat«? – ist wohl falsch gestellt. Die beiden hängen seit langem unauflöslich zusammen, und diese Verschwisterung wäre zuerst zu beschreiben und zu begreifen, wenn man das Geschäft der Kritik im emphatischen Sinne ernst nehmen will. (...) Von hier aus kann man streiten. Auf den Staat, wie es derzeit in hegelianischer Tradition geschieht, als »Wirklichkeit der sittlichen Idee« zu hoffen und in kritischer Pose Marx zu zitieren, ist bloß ein Ausdruck von Ratlosigkeit – oder intellektueller Bequemlichkeit.« Ja, liebe Genossinnen und Genossen, wir reden über den Staat als Teil des kapitalistischen Akkumulationsprozesses, als seiner politischen Form. Ich habe Bisky bei dieser Defizitbeschreibung nichts hinzuzufügen, außer, dass sich eine Linke diese intellektuelle Bequemlichkeit nicht leisten kann, und dass sie mit Ratlosigkeit auf die Nase fallen wird. Damit ist beschrieben, was wir zu leisten haben. Und wir sollten uns dieser Defizitsituation bewusst sein, und uns nicht gegenseitig die Taschen voll hauen. Es holt uns spätestens ein, wenn wir tatsächlich einmal zu entscheiden haben, was zu tun ist, wenn es an uns hängen sollte, was passiert und was nicht passiert. Denn letztlich kommt es darauf an, diese Welt nicht nur zu interpretieren, sondern sie zu verändern. Das nimmt uns niemand ab, und da wird es konkret, da gibt es kein Ausweichen. Hic rhodus, hic salta, sagte Marx: Hier ist Rhodos, hier springe! Wir werden schneller zu springen haben, als es derzeit vielleicht viele von uns wahrhaben wollen. Dann schlägt die Stunde der Wahrheit, auf die wir vorbereitet sein sollten.

Liebe Genossinnen und Genossen,
vor dem Hintergrund der Finanzkrise sind natürlich noch einmal ein paar Worte zur gestrigen Bundesratsabstimmung über die Erbschaftssteuer fällig. Im November 2006 hat das Bundesverfassungsgericht die damalige Erbschaftssteuer für verfassungswidrig erklärt. Es hat Maßstäbe aufgestellt, die es ermöglicht hätten, eine neue Erbschaftssteuer einzuführen mit dem Ziel, dem Anwachsen der zu vererbenden Geldbestände unter den 10% der Reichsten in unserem Land etwas entgegenzusetzen. FDP und CDU haben jegliche Diskussion über eine adäquate Erbschaftsbesteuerung über Monate verschleppt und sich als Anwälte der Reichen betätigt. Sie haben den Anspruch, auf die Geld- und Realvermögensverteilung in Deutschland Einfluss zu nehmen, überhaupt nicht erhoben. Letztlich haben sie damit erreicht, dass die Große Koalition im Bund eine Erbschaftssteuer vereinbart hat, die große Teile der Vermögenden überhaupt nicht betrifft. Ein mieser Kompromiss! Es wird darauf verzichtet, Einnahmen in Milliardenhöhe für soziale und Bildungsaufgaben zu generieren. Während auf hohem Niveau die Notwendigkeit der Kürzungen in den öffentlichen Haushalten beschworen wird, während im Bundestag die Freistellung des Kindergeldes von der Anrechnung auf die Hartz IV-Almosen abgelehnt wird, während Menschen ohne Kapitalvermögen, die von der Krise der Beschäftigung betroffen und in den Hartz IV-Bezug geraten sind, zur Aufzehrung sämtlicher Ersparnisse zur Altervorsorge gezwungen werden, wird hier den Reichsten unseres Landes ein unglaubliches Weihnachtsgeschenk bereitet. Das ist ein gesellschaftspolitischer Skandal. Deshalb lehnt DIE LINKE diesen Erbschaftssteuerkompromiss ab.

Ja, es ist richtig, dass wir zu Wochenbeginn – vor dem Hintergrund einer äußerst unübersichtlichen Abstimmungslage – darüber diskutiert haben, ob es tatsächlich zu verantworten ist, statt einer verdammt schlechten Erbschaftssteuer überhaupt keine Erbschaftssteuer zu haben. Ja, es ist richtig, dass man sich genau überlegen muss, ob man um des Symbols willen in unfreiwilliger Kooperation mit der FDP jegliche Besteuerung von Erbschaften versenken darf. Denn eines ist klar: Ist die Erbschaftssteuer erst einmal völlig abgeschafft, dann kommt sie so schnell nicht wieder. Für Berlin hätte das überdies bedeutet, einen dreistelligen Millionenbetrag an Steuerausfällen verkraften zu müssen. Angesichts der Tatsache, dass wir morgen über die Bezirksfinanzierung, die AV Wohnen und andere wichtige soziale Fragen unserer Stadtpolitik reden, liegt es auf der Hand, dass eine solche Entscheidung nicht so leicht zu treffen ist.

Aber, liebe Genossinnen und Genossen, es war bereits vor der Abstimmung absehbar, dass es eine Mehrheit für die Erbschaftssteuerreform geben würde – und zwar völlig unabhängig vom Abstimmungsverhalten Berlins. Und weil das absehbar war, haben wir dem Koalitionspartner am Donnerstag unser »Nein« mitgeteilt. Dieses »Nein« hat Klaus Wowereit ignoriert. Das ist für uns nicht hinnehmbar.

Und jetzt fängt es an, spannend zu werden: Klaus Wowereit rechtfertigt den Bruch des Koalitionsvertrags damit, dass das »Interesse des Landes Berlin« es erfordert hätte. Da muss ich ihm ganz klar sagen: Was das Interesse des Landes Berlin ist, legt nicht allein Klaus Wowereit fest. Was das Interesse des Landes Berlin ist, wird politisch ausgehandelt. Und zwar wird es zwischen den Koalitionspartnern ausgehandelt. In Hamburg, in Bremen, in Bayern und auch in Berlin. Und hierfür gibt es klare Regeln. Diese Regeln stehen im Koalitionsvertrag. Und sie sind einzuhalten, das ist die Geschäftsordnung.

Liebe Genossinnen und Genossen,

was den Hinweis des Regierenden anbetrifft, wir sollten uns nicht von unserer Bundespartei reinreden lassen: Wir brauchen nicht den Rat unserer Bundesspitze, um diese Erbschaftssteuerreform als das zu bezeichnen, was sie ist: eine neuer Schritt zur Verschärfung der sozialen Ungleichgewichte in Deutschland. Hier sind wir uns als LINKE völlig einig. Das will ich hier noch einmal deutlich sagen, denn ich finde es sehr durchschaubar, wenn Klaus Wowereit hier versucht, einen Keil zwischen unseren Landesverband und die Bundespartei zu treiben. Das geht nicht auf, weil wir uns hier nicht gegen unsere eigenen GenossInnen in Stellung bringen lassen.

Und wenn Klaus Wowereit ehrlich ist, dann wird er zugestehen müssen, dass seine Entscheidungen sich im Großen und Ganzen auf den Linien bewegen, die beispielsweise Franz Müntefering, Peer Steinbrück oder Frank-Walter Steinmeier repräsentieren. Die Berliner SPD ist in den Grundpositionen genauso ein Teil der SPD, wie wir in unseren Grundüberzeugungen ein Teil der LINKEN sind. So ist das nun mal in Parteien. DIE LINKE ist nur als solche zu haben und sie ist als solche Koalitionspartner der SPD in Berlin. Das ist von beiden Seiten jeweils wechselseitig zu akzeptieren oder es wird auf Dauer schwierig mit der Zusammenarbeit.

An diesem Punkt will ich schließen. Wir haben heut spät begonnen, um auf der Straße den Nazis zu zeigen, dass wir sie nicht wollen, nicht hier und nirgendwo sonst. Deshalb lasst uns an die Arbeit gehen, und loslegen, wir haben aufzuholen.

Lasst uns heute solidarisch miteinander streiten, damit wir im kommenden Jahr gemeinsam stark sind. Liebe Genossinnen und Genossen, glaubt mir, es vermittelt sich am Infostand, wenn dort zwei Menschen nebeneinander für DIE LINKE stehen, die nicht miteinander auf einem Friedhof liegen wollen. Und ich denke, das gilt auch im großen Maßstab: Wenn wir nicht miteinander in das vor uns liegende Rennen gehen, dann wird es uns nicht gelingen, Menschen für uns, für DIE LINKE, so wie sie hier in Berlin ist, zu begeistern!