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LAZ | Ausgabe Juni 2002, Seite 2

Gewalt im Fernsehen verbieten?

Kontra: Ohne Perspektive helfen Verbote nichts. Wer Krimis sieht, wird deswegen nicht zum Mörder

Nach den Morden am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt waren nach Schock, Trauer, Betroffenheit und Angst vor allem zwei Tendenzen zu beobachten. Die einen riefen nach Verbot, beriefen runde Tische mit Intendanten und Spieleherstellern ein, die anderen warnten vor schnellen Antworten. Letzteren möchte ich mich anschließen. Natürlich scheint es verlockend, brutale und grausame Bilder von den Bildschirmen zu verbannen. Mir schiene es angebrachter, das intensive Gespräch mit Kindern und Jugendlichen zu suchen. Warum spielen sie grausame Spiele, was empfinden sie dabei? Oder auch: Was würden sie lieber tun? Und schließlich: Was halten Kinder und Jugendliche von Verboten? Gerade von Jugendlichen erntet man bei der Frage nach Verboten ein eher mitleidiges Lächeln. Weißt du denn nicht, was man sich alles aus dem Internet holen kann, sagen sie. Hast du überhaupt eine Vorstellung davon, was sich Jugendliche alles via Computer austauschen? Kapitulation vor der Macht des Faktischen also? Nein. Auffassungen und Lebenswirklichkeit von Kindern und Jugendlichen ernst nehmen. Nicht nur das Gespräch suchen, sondern Kindern und Jugendlichen von Anfang die Möglichkeit zur Diskussion und Mitbestimmung geben. In die Gremien der Rundfunkanstalten gehören Kinder und Jugendliche und nicht nur Jugendfunktionäre. Die wichtigste Lehre aus dem Drama von Erfurt muss sein: Es muss immer eine Perspektive geben. Kinder und Jugendliche, die diese Perspektive für sich nicht erkennen können, sind ein dramatischer Beweis für das Versagen einer Gesellschaft.

Andererseits ist die Diskussion, ob und welche Verantwortung die Medien haben, unbedingt erforderlich. Es ist nicht zu unterschätzen, wie sehr die Medien nicht nur Informationen liefern, sondern vor allem auch das Denken und Fühlen einer Gesellschaft beeinflussen. Es gibt die freiwillige Selbstkontrolle der Medien, die stärker greifen muss. Es gibt gesellschaftliche Gremien – Rundfunkräte – bei den öffentlich-rechtlichen Anstalten. Es muss eine gesellschaftliche Diskussion darüber eröffnet werden, ob diese Kontrollgremien ihrer Aufgabe gerecht werden. Auch die Definition journalistischer Sorgfalt liegt nicht nur in der Verantwortung von Medienleuten, sondern auch von einer verantwortlichen Öffentlichkeit.

Aber machen wir uns nichts vor: Gewalt auf dem Bildschirm macht nur denjenigen zum Gewalttäter, bei dem noch andere Antriebe hinzu kommen. Das belegt auch die Medienwirkungsforschung. Alle haben schon Krimis gesehen. Deswegen wird keiner zum Mörder. Nachahmer oder Trittbrettfahrer werden nur diejenigen, die so etwas lange geplant haben.

Gesellschaftliche Kontrolle der Medien ist erforderlich, das Rufen nach schnellen Verboten wird uns nicht weiter helfen. Wesentlich wird sein, dass es – wieder – gelingen muss, das Gespräch mit Kindern und Jugendlichen zu suchen, ihre Situation, ihre Gefühle, ihre Ängste und Unsicherheiten zu verstehen und vor allem eine Perspektive aufzuzeigen, gemeinsam Auswege aus scheinbar aussichtslosen Situationen zu finden. Jugend braucht nicht nur Hoffnung, sondern auch Zukunft.


Gesine Lötzsch

medienpolitische Sprecherin der PDS-Fraktion