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LAZ | Ausgabe Juni 2002, Seite 3

Ein Tag im Leben der PDS-Senatorin

Zuhören, reden, diskutieren, entscheiden – Alltag von Heidi Knake-Werner

Das war ein langer und anstrengender Tag für die Senatorin. So wie der gestrige es war und der morgige es wird. Als Heidi Knake-Werner an diesem Mittwoch ins Büro kommt, liegt ein kleines Frühstück mit Salbeitee zu Hause hinter und eine Reihe von Sitzungen vor ihr:

Zunächst gibt es für die Senatorin, zuständig in Berlin für Gesundheit, Soziales und Verbraucherschutz, die Jour fixe mit ihren StaatssekretärInnen, es folgt eine Gesprächsrunde zur Verwaltungsreform. Anschließend geht es zur Akademie für Gesundheits- und Sozialberufe (AGS) in der Straßburger Straße, wo eine Art interner Personalratsversammlung ansteht. Danach wartet der Vorstand des Verbandes für Arbeit und Ausbildung auf sie, gefolgt von einer Außerordentlichen Sitzung des Wirtschaftsausschusses beim landeseigenen Krankenhausunternehmen Vivantes. Das heißt stundenlang bei den unterschiedlichsten Themen zuhören, eine Meinung haben, diskutieren, entscheiden. Und dies in einer Stadt, die von anderen pleite regiert worden ist, wo knallhartes Sparen angesagt ist und das immer in die Schicksale von Menschen eingreift. Irgendwann zwischendurch wird eine Kleinigkeit gegessen, irgendwann kommt der Abend, nicht der Feierabend. Denn es wartet der nächste und für heute letzte Termin: Die PDS Mitte hat die Senatorin eingeladen zu einer Veranstaltung »;Hundert Tage Rot-Rot«.

Es mögen 150 bis 200 Mitglieder sein, die hier in der Kantine einer Grundschule Heidi Knake-Werner zuhören und mit ihr diskutieren. Die Straße, an der die Schule liegt, war einst nach dem Sozialdemokraten Grotewohl benannt und trägt heute wieder den Lieblingsnamen preußischer Könige und deutscher Kaiser aus dem Hause Hohenzollern – Wilhelm. Die Probleme, die zur Sprache kommen, sind sehr aus dem Hier und Heute. Heidi spricht davon, dass in ihrem Haushalt nur <nobr>4 Prozent</nobr> steuerbar seien, der »Rest« wäre durch Gesetze, Verordnungen usw. festgelegt.

Dass ein sozial gerechtes Sparen unter den Bedingungen Berlins nicht möglich sei. Dass sie »ums Verrecken« die kleine Infrastruktur von Beratungsstellen, Kiezprojekten u.ä. erhalten wolle, was für 2002 »einigermaßen gelungen« wäre, der dickere Brocken aber 2003 folge. Dass als zentrale Aufgabe für sie stehe, 6.000 Sozialhilfeberechtigte in Arbeit zu bringen: »Ich bin überzeugt, wir kriegen es hin, aber es ist ein zähes Geschäft.« Es ist ein tiefer Blick in den Alltag einer Sozialsenatorin, den sie der Versammlung bietet. Die dankt es ihr mit viel Beifall und kommt dann selbst mit Statements und Fragen.

Wesentliches Problem für etliche ist an diesem Abend – George W. Bush ist gerade in die Stadt eingeflogen, die in unmittelbarer Nähe des Versammlungsorts seinetwegen in eine Festung verwandelt ist – das Fernbleiben der drei PDS-SenatorInnen von der großen Friedensdemo am Vortag. Das geht bis zu der Meinung, dass sich damit die PDS als Friedenspartei in Frage gestellt habe. Heidi weist das zurück. Die Teilnahmefrage habe man sich nicht leicht gemacht, letztlich aus Rücksicht auf den Koalitionspartner und die Stimmung im früheren Westteil der Stadt entschieden. Deshalb aber die Stellung der PDS als Friedenspartei generell in Abrede zu stellen, sei eine völlige Überfrachtung des Themas.

Schließlich – alle anderen Gremien und Mitglieder der Partei wären ja dabei gewesen. Einigkeit dann in der Frage, dass die Kommunikation innerhalb der Partei und mit der Öffentlichkeit insgesamt verbessert werden müsse, was auch an den Diskussionen des Abends deutlich geworden wäre.

Gegen 21 Uhr endet der Arbeitstag der Senatorin. Es war ein ganz normaler Tag.


Ulrich Kalinowski