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LAZ | Ausgabe Juni 2002, Seite 1

USA allein gegen die Rechte der Kinder?

Auch in unserem Land liegt für die Kinder vieles im Argen

»In ihren kleinen Welten, in denen Kinder ihre Existenz haben..., gibt es nichts, das so genau wahrgenommen und so genau gefühlt wird wie Ungerechtigkeit!« Der Satz stammt von Charles Dickens. Eine Kinderrechtsorganisation hat ihn auf ihrer Web-Seite postiert.

Jüngst waren diese Ungerechtigkeiten wieder einmal ein großes Thema. Sie schafften es sogar bis in die Hauptnachrichtensendungen. Denn in New-York suchte eine UNO-Konferenz nach allgemeingültigen Maßstäben für eine »kindgerechte Welt«. Ein Aktionsplan mit 21 Punkten stand zur Abstimmung.

Die TAZ titelte hernach: »USA allein gegen Kinderrechte!« Angereiste Kinder aus allen Himmelsrichtungen waren über die so genannten Großen enttäuscht. Sie nahmen wohl genauer wahr, was Unrecht ist, und hatten so sehr schnell eine gemeinsame Sprache gefunden. »Kinder an die Macht«, heißt eine fast verblasste Liedzeile.

Gesundheit, Bildung für alle, Schutz vor Missbrauch und Gewalt, sowie Kampf gegen Aids waren die drängenden Schlagwörter. Aber nicht einmal das Verbot der Todesstrafe gegen Kinder in den USA konnte verbindlich vereinbart werden und in allzu vielen Ländern werden weiterhin Kinder als Soldaten in Kriege gejagt oder zu Selbstmord-Attentätern gezüchtet.

Doch es ist keineswegs nur der offensichtliche Missbrauch, der Kinder demütigt, und es sind beileibe nicht nur die fernen Länder, in denen sie Unrecht fühlen. Es ist amtlich: Kinder-Reichtum gilt hierzulande als Armuts-Risiko. Was ist das für ein schizophrener Satz und welche gesellschaftliche Offenbarung steckt in ihm? Und Hand auf’s Herz: Werden Kinder hierzulande nicht auch er-zogen, ge-züchtet und so lange ge-hetzt, bis sie fit fürs Leben sind? Mit all den Tugenden, die als zivilisiert gelten, damit sie später stärker, erfolgreicher und profitabler sind, als ihre Mitkinder? So lange liegt das furchtbare Attentat am Erfurter Gutenberg-Gymnasium noch nicht zurück, um darauf mit einem empörten »Nein« zu antworten. »USA allein gegen Kinderrechte?« Alle bundesdeutschen Parteien haben die Familien-Politik als Wahlkampf-Thema entdeckt. Dagegen ist nichts zu sagen. Was aber gilt als Familie und was gelten Kinder? Nehmen wir nur die Sicht, die aus CSU-Papieren spricht, dann gruselt es aus dem 19. Jahrhundert. Bayern ist, sobald es um Kinderrechte und -betreuung geht, ein pures Entwicklungsland.

Im Bundestag gibt es eine Kinderrechtskommission. Es ist ein Unter-Gremium, ohne eigenes Antragsrecht. Sie darf dem Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend etwas empfehlen. Gleichwohl arbeitet die kleine Kommission parteiübergreifend und hochmotiviert für »eine kinderfreundliche Gesellschaft«. Rosel Neuhäuser (PDS) leitet sie derzeit. Eines ihrer drängenden Themen – und damit wären wir wieder bei der Weltorganisation – ist die UNO-Kinderrechtskonvention aus dem Jahre 1989. Die Bundesrepublik gehört zu den Unterzeichnerstaaten, allerdings mit Vorbehalt. Sobald es um nichtdeutsche Kinder geht, gilt sie hierzulande nicht. Auch Rot-Grün hat daran bislang nichts geändert.


Petra Pau

stellvertretende PDS-Vorsitzende