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landesinfo | Ausgabe Oktober 2002, Seite 1

8. Oktober

Willy Brandt – Visionär und Pragmatiker

Am 8. Oktober 1992 verstarb Willy Brandt. Mehr als tausend Trauergäste aus aller Welt, darunter viele Staatsoberhäupter und Regierungschefs, nahmen in Berlin Abschied vom Friedensnobelpreisträger, Vorsitzenden der Sozialistischen Internationale, Ehrenvorsitzenden der SPD und Altbundeskanzler.

Der Aufstieg zu einem der prominentesten und international angesehensten deutschen Politiker des 20. Jahrhunderts war dem kleinen Herbert Ernst Karl Frahm nicht unbedingt in die Wiege gelegt. Als uneheliches Kind am 18. Dezember 1913 in Lübeck geboren, wächst er bei seinem Großvater, einem sozialdemokratischen Arbeiter auf. Frühzeitig engagiert er sich in der Sozialistischen Arbeiterjugend und wird schon 1930 Mitglied der SPD. Deren politischer Kurs findet jedoch nicht seine ungeteilte Zustimmung. Er schließt sich deshalb der Sozialistischen Arbeiterpartei an, die linkssozialistische Positionen vertritt.

Der Verfolgung durch das NS-Regime entzieht er sich nach Norwegen. Aus Herbert Frahm wird fortan Willy Brandt, der während des Krieges die norwegische Staatsbürgerschaft annimmt. Seine politische Laufbahn in der Bundesrepublik beginnt im Bundestag, dem er von 1949 bis 1957 und von 1965 bis 1992 angehört.

Als Regierender Bürgermeister von Berlin (1957-1966) hat er in einer komplizierten Situation der Blockkonfrontation und des Mauerbaus abzuwägen zwischen der von ihm favorisierten Westbindung und einer pragmatisch orientierten begrenzten Kooperation mit der DDR. In dieser Zeit entsteht das Konzept des »Wandels durch Annäherung«, aus dem später seine »Neue Ostpolitik« hervorgeht. Die Anerkennung der Existenz von »zwei Staaten in Deutschland«, der »Kniefall von Warschau« und die Politik der »Ostverträge« des sozialdemokratischen Bundeskanzlers (1969-1974) werden zunächst mit Misstrauen beäugt und vom innenpolitischen Kontrahenten bekämpft. Sein Rücktritt ist deshalb nicht allein der Affäre Guillaume geschuldet.

Brandt scheut sich auch in der Folgezeit nicht, seine Autorität für die Lösung dringender internationaler Probleme wie den Nord-Süd-Konflikt oder den Ausgleich zwischen Israel und den Palästinensern einzusetzen. Seine Vertragspolitik ebnete den Weg zur deutschen Einheit. Dass jetzt zusammenwachse, »was zusammen gehört«, bleibt einzulösendes Vermächtnis.


Jürgen Hofmann