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landesinfo | Ausgabe April 2003, Seite 4

11. April 1968

Attentat auf Rudi Dutschke

Der Bauhilfsarbeiter Bachmann konnte Kommunisten nicht leiden. Den Studentenführer Rudi Dutschke hielt er für einen solchen. Der Axel-Springer-Verlag, von dem jede zweite Tageszeitung und 70% der Sonntagszeitungen der Bundesrepublik herausgegeben wurden, hatte seinen Lesern diesen Pauschalverdacht suggeriert. Als »Jung-Rote«, »Rotgardisten« und »akademische Gammler«, die ihre Anweisungen »von jenseits der Mauer« erhielten, diskriminierte die Massenpresse die aufmüpfigen Studenten. Bachmann war extra aus München angereist, um Dutschke aus dem Weg zu räumen. Er lauerte ihm in der Nähe des Büros des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) auf. Gegen 16.35 Uhr brach der 28-jährige Soziologiestudent auf dem Kurfürstendamm in Berlin zusammen. Drei Projektile hatten ihn in Kopf und Brust getroffen. Sieben Stunden rangen Ärzte um das Leben des Schwerverletzten. Er überlebte.

Dutschke hatte sich mit seinen Protestaktionen gegen den Vietnamkrieg und die Notstandsgesetze nicht nur beim Attentäter, in Neonazikreisen und in den Redaktionsstuben des Springer-Konzerns unbeliebt gemacht. »Mitfühlende« Bürger bedauerten, dass das »eingeschleuste Agentenschwein nicht krepiert« war. Sie ließen es ihn in anonymen Briefen wissen. Für die Öffentlichkeit verkörperte Rudi Dutschke die außerparlamentarische Opposition schlechthin. Seine rhetorische Begabung und seine unkonventionellen Protestaktionen gegen das »Establishment« machten ihn weithin populär, aber auch zum »Bürgerschreck«.

In der DDR hatte das Mitglied der »Jungen Gemeinde« und der Wehrdienstverweigerer Dutschke ebenfalls nicht in das gewünschte Muster gepasst. Dem 1940 in Schönfeld bei Luckenwalde Geborenen wurde das Studium verwehrt. Er suchte sich einen Studienplatz im Westteil Berlins. Der Mauerbau machte den Ortswechsel zum endgültigen.

Das Attentat löste nicht nur im Westteil Berlins Demonstrationen und Unruhen aus. In 27 Städten der Bundesrepublik gingen 400.000 Menschen auf die Straße. Ihr Zorn richtete sich verständlicherweise vor allem gegen den Springer-Verlag und dessen Filialen. Mit Blockaden und in regelrechten Straßenschlachten suchten die Protestierenden, die Auslieferung der Zeitungen des Konzerns zu unterbinden. Etwa 600 Festnahmen, über 500 Verletzte und zwei Tote gehörten zur Bilanz jener stürmischen Ostertage. Während sich namhafte Intellektuelle der Bundesrepublik, unter ihnen Theodor Adorno, Walter Jens, Eugen Kogon, Golo Mann und Heinrich Böll, mit den protestierenden Studenten solidarisierten, versah die Bundesregierung den SDS mit dem Etikett der Verfassungsfeindlichkeit und ließ ihn überwachen.


Prof. Dr. Jürgen Hoffmann