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landesinfo | Ausgabe Mai 2003, Seite 4

28. Mai 1953

Ministerratsbeschluss: Normerhöhung sicherstellen

Wenig Gespür für die tatsächliche Stimmungslage in der DDR zeigte der Ministerrat, als er, »dem Wunsche der Arbeiter, die Normen generell zu überprüfen und zu erhöhen«, nachkam. Die für die Produktion entscheidenden Arbeitsnormen sollten im Durchschnitt um 10 Prozent erhöht werden. Minister, Staatssekretäre und Werkleiter waren angehalten, dies zum 30. Juni sicherzustellen. Die betroffenen Arbeiter hatten für diese Deutung ihrer angeblichen Wünsche wenig Verständnis, zumal sich durch Preissteigerungen bei einigen Waren und Tarifen sowie den Wegfall der Arbeiterfahrkarten ihre Lebenshaltung zuvor spürbar verschlechtert hatte.

In Wirklichkeit hatte die 13. Tagung des ZK der SED Mitte Mai diese Erhöhung der Arbeitsnormen schon zum 1. Juni gefordert und »strengste Sparsamkeit« verlangt. Der ein knappes Jahr zuvor verkündete planmäßige Aufbau der Grundlagen des Sozialismus entwickelte seine eigene Logik, die die »führende Klasse« als Verschlechterung ihrer Lebensverhältnisse und andere Schichten als Abbruch der Bündnispolitik der Nachkriegsphase wahrnahmen. Die »planmäßige Verschärfung des Klassenkampfes« hatte seitdem die innenpolitischen Konflikte systematisch zugespitzt. Der Entzug der Lebensmittelkarten für Unternehmer, Handwerker mit mehr als fünf Beschäftigten, Einzelhändler, freiberufliche Rechtsanwälte, Hausbesitzer war eine Kampfansage. Rigorose Maßnahmen zur Eintreibung von Steuern und Abgaben ergänzten die repressive Politik. Die Unzufriedenheit der Betroffenen strahlte auf deren Mitarbeiter und Kunden aus. Berliner, die im Osten wohnten und im Westen arbeiteten, mussten sich entscheiden, ob sie auf die besser bezahlte Arbeit oder auf ihre Lebensmittelkarte verzichten wollten. Die unnachgiebige Auseinandersetzung um die »Junge Gemeinde« nährte in den evangelischen Gemeinden das Misstrauen in die neue Staatsmacht.

Auch in den eigenen Reihen blies die SED zum »Saubermachen«. Der Slansky-Prozess in Prag hatte eine neue Runde des Misstrauens eingeläutet. Franz Dahlem, Mitglied des Politbüros, wurde »wegen Blindheit gegenüber imperialistischen Agenten« aller Funktionen enthoben. Politische Abweichungen in der französischen Emigration und eine angeblich falsche, d.h. kritische Einstellung zum deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt 1939 gerieten ihm zum Nachteil.

Eine Erhöhung der Arbeitsproduktivität war zweifelsohne dringend geboten. Schwer lasteten das materielle Erbe des Krieges, die Reparationen, der Wiederaufbau und die Folgen der Spaltung auf dem ostdeutschen Staat. In der Situation verschärfter deutsch-deutscher Auseinandersetzungen und einer sich zuspitzenden gesellschaftlichen Krise mussten die administrativen Schritte jedoch eine Kluft aufreißen.


Prof. Dr. Jürgen Hoffmann