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landesinfo | Ausgabe Juni 2003, Seite 4

17. Juni 1953

»Die Klasse in Aufruhr«

Was am 16. Juni als Streik und Demonstration der Berliner Bauarbeiter begann, gewann landesweite Signalwirkung für die gesamte Industrie. Am Morgen des 17. 6. reihten sich in Berlin mindestens 50.000 Arbeiter, leitende Angestellte, Techniker und Ingenieure in die Streikfront ein. Das war ungefähr die Hälfte der Berliner Werktätigen. Ihr Unmut hatte sich aufgestaut. Im Frühjahr 1953 führten Engpässe in der Versorgung mit Lebensmitteln, Kleidung u.Ä., sowie einschneidende Einsparungen von Sozialausgaben und Preiserhöhungen zu einer deutlichen Verschlechterung der Lebensverhältnisse. Hinzu kam ab Mitte/Ende Mai eine generelle zehnprozentige Normerhöhung, die besonders die Bau- und Industriearbeiter schwer traf.

Die wachsende Unzufriedenheit versuchte die Parteiführung am 9. Juni mit der Verkündung eines »Neuen Kurses« abzufangen. Fast alle Maßnahmen der letzten Monate wurden zurückgenommen, nur die Normerhöhung wurde nicht korrigiert, was Enttäuschung und Erbitterung unter den Arbeitern auslöste und die Juni-Ereignisse ins Rollen brachte. Ihre wichtigsten Forderungen lauteten nunmehr: Normsenkung, Preissenkung, Rücktritt der Regierung, freie Wahlen.

Im Laufe des Tages eskalierte die Stimmung – es kam zu handfesten Schlägereien mit der Polizei; Polizeiwagen wurden umgestoßen, Kontrollhäuser an den Sektorengrenzen zerstört, Akteure drangen in öffentliche Gebäude ein.

Plünderungen und Vandalismus blieben nicht aus. Nach Verhängung des Ausnahmezustandes wichen die Demonstranten vor der Übermacht der sowjetischen Militärs und der Polizei zurück.

Eine gründliche Analyse der Juni-Ereignisse hat in der DDR nie stattgefunden. Schon frühzeitig wurden sie als faschistischer Putschversuch abgetan – von langer Hand durch ausländische Kräfte vorbereitet. Bis 1989 blieb das die übliche Sichtweise.

Die Folgen des 17. Juni 1953 waren widersprüchlich. Die SED wurde von vermeintlichen Gegnern gesäubert, der Herrschafts- und Kontrollapparat von Partei und Staat perfektioniert. Zugleich waren eine Reihe von Maßnahmen der Regierung auf Verbesserungen der Lebenslage gerichtet. Bestrebungen zur Demokratisierung der Gesellschaft aber waren mit der Niederschlagung der Erhebung gescheitert.

»Die Klasse in Aufruhr« ist der Titel eines neuen Buches, das vom PDS-Landesvorstand Berlin unterstützt, von Anette Neumann und Jürgen Hofmann herausgegeben und im Karl-Dietz-Verlag Berlin editiert wurde. Es enthält zahlreiche Zeitdokumente und ermöglicht so authentische und auch neue Einblicke.


Dr. Annette Neumann

26. 5. 2003