Zurück zur Startseite
landesinfo | Ausgabe Dezember 2003, Seite 4

17. Dezember 1963 – Erstes Passierschein-Abkommen

Unter Ausschluss der Öffentlichkeit wurde eine Vereinbarung in Kraft gesetzt, auf die Berliner in West und Ost angesichts der bevorstehenden Weihnachtsfeiertage seit langem hofften – ein Passierscheinabkommen. Der erste Versuch der DDR, unmittelbar nach dem 13. August 1961 auf den S-Bahnhöfen Zoo und Westkreuz Schalter für Passierscheine einzurichten, war von der Alliierten Kommandantur unterbunden worden. Nun aber konnten Westberliner vom 18. Dezember 1963 bis zum 5. Januar 1964 ihre Verwandten im anderen Teil der Stadt endlich wieder besuchen. Der Ansturm auf die 12 Passierscheinstellen war so groß, dass das Personal aufgestockt werden musste. Wie viele Westberliner tatsächlich in den Ostteil strömten, lässt sich nicht mehr genau feststellen, da auch Mehrfachbesuche darunter waren. Der Senat jedenfalls ging von 5 Millionen Begegnungen aus, die durch die Vereinbarung ermöglicht wurden.

Der Passierschein-Übereinkunft vom 17. Dezember waren komplizierte Verhandlungen vorausgegangen. Alexander Abusch, Stellvertreter des Vorsitzenden des Ministerrates der DDR, hatte mit einem Brief an den Regierenden Bürgermeister Willy Brandt vom 5. Dezember den Anstoß gegeben. Vom 12. Dezember an trafen sich die Unterhändler zu sieben Sitzungen. Getagt wurde im »Haus der Ministerien« in der Leipziger Straße und im Dienstsitz des Senators für Verkehr und Betriebe in der Charlottenburger Fasanenstraße. Dieses Gebäude war vom Senat gewählt worden, weil darin auch das »Berliner Verkehrsamt« untergebracht war und so dem Vorwurf begegnet werden konnte, der Senat würde mit den DDR-Vertretern auf »hoheitlichem Gebiet« verhandeln. Aus diesem Grunde mussten in den Passierscheinstellen auch Postangestellte eingesetzt werden.

Während die DDR einen Vertrag nach in-ternationalen Normen anstrebte, wollte der Senat nur eine Verwaltungsübereinkunft ak-zeptieren, wie sie zwischen Städten üblich war. Dahinter verbargen sich tief greifende Gegensätze in der Beurteilung des Status von Berlin-West und die Barrieren, die die Doktrin der »Nichtanerkennung der DDR« aufrichtete. Maßgeblichen Anteil am Erfolg hatten die beiden Verhandlungsführer. Senatsrat Horst Korber und Staatssekretär Erich Wendt bewältigten die heikle Mission mit viel Geschick.


Prof. Dr. Jürgen Hofmann