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landesinfo | Ausgabe März 2004, Seite 4

10. März 1994 – Aus für Paragraph 175

Der Präsident der USA, George W. Bush, hat für sich ein neues Wahlkampfthema erschlossen. Das »amerikanische Reinheitsgebot«, er kämpft gegen die verruchte Homo-Ehe. Das klingt mittelalterlich, mag der aufgeklärte Mitteleuropäer denken. Aber ganz so weit weg schwebt er mit seiner eigenen Geschichte dabei nicht.

»Die widernatürliche Unzucht, welche zwischen Personen männlichen Geschlechts (...) begangen wird, ist mit Gefängnis zu bestrafen; auch kann auf Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte erkannt werden.« Das war die Quintessenz der Paragraphen 175, der 1871 zum offiziellen Verdikt erhoben wurde. Sein Stigma zog sich über ein Jahrhundert durch die offizielle deutsche Moral- und Rechtsgeschichte.

In der Zeit des Hitler-Faschismus wurden Homosexuelle systematisch verfolgt und umgebracht. 1936 wurde dazu eigens eine »Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexualität und der Abtreibung« gebildet.

Erst Ende der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts zeigte die zunehmende Bewegung gegen den § 175 erste Früchte. Es kam in der Alt-BRD zu einer Reform des Strafgesetzbuches. Danach galt Homosexualität nur noch bis zum Alter von 21 Jahren als strafbar. Gleichwohl war es geradezu eine unverschämte Sensation, als sich 1978 auf der Titelseite des »Stern« 600 Männer outeten: »Wir sind schwul!«

1987 urteilte das Oberste Gericht der DDR grundsätzlich, dass »homosexuelle Menschen (...) nicht außerhalb der Gesellschaft« stünden »und die Bürgerrechte ihnen wie allen anderen Bürgern gewährleistet« werden müssten. Reichlich ein Jahr später wurde der Paragraph, der Homosexualität strafbewährte, vollständig aus dem DDR-Recht gestrichen.

Das wiederum führte nach der deutsch-deutschen Vereinigung zu zweierlei Maß, ähnlich wie beim Recht der Frauen auf Schwangerschaftsunterbrechung. Denn erst vor zehn Jahren, im März 1994, tilgte der Bundestag den Paragrafen 175 endgültig aus dem Gesetzeswerk. Die PDS-Gruppe im Bundestag stimmte dem zu, obwohl ihr die erreichte Gleichstellung nicht weit genug ging.

Weitere fünf Jahre später, 1999, kam es in Hamburg erstmals in der Deutschen Geschichte zu einer anerkannte Eintragung von homosexuellen Paaren, damals noch als symbolischer Akt. Gleichwohl ist die Diskriminierung schwuler und lesbischer Menschen auch heute noch nicht überwunden. Sie findet im Alltag statt und findet immer wieder auch Befürworter, allemal in CDU/CSU-Kreisen.


Axel Hildebrandt