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landesinfo | Ausgabe August 2004, Seite 4

21. August 1964 – Palmiro Togliatti stirbt

Ein heißer Tag ist der 21. August des Jahres 1964 in Artek, als Palmiro Togliatti, Generalsekretär der Italienischen Kommunistischen Partei, an den Folgen eines Herzinfarkts verstirbt.

Stunden zuvor beendete er die Arbeit an einem Manuskript, das als die »Memoiren von Jalta« bekannt werden sollte. Erstmals veröffentlicht in »Rinascita« (Wiedergeburt) am 5. September 1964, setzte sich Togliatti in diesem Text für eine »Einheit in Vielfalt« in der kommunistischen Bewegung ein. Grund war ein – letztlich niemals zustande gekommenes – geplantes Treffen kommunistischer und Arbeiterparteien, das den Bruch mit der KP Chinas besiegeln sollte.

In seinem in Deutschland weithin unbekannten Text stellt Togliatti Fragen nach neuen ökonomischen Entwicklungen. Er fordert die Linke auf, Einfluss auf das politische Leben ihres Landes zu gewinnen und nicht bei allgemeiner Propaganda stehen zu bleiben. Er beschreibt Konzentrations- und Zentralisationsprozesse in der sich entwickelnden EWG und bemängelt das Fehlen internationaler Aktionen der Gewerkschaften, der gesellschaftlichen Linken überhaupt. Und er lenkt den Blick auf die Erweiterung der Grenzen der Freiheit und der demokratischen Institutionen.

»Es entsteht so die Frage der Möglichkeit der Eroberung von Machtpositionen von Seiten der arbeitenden Klasse im Rahmen eines Staates, der seine Natur eines bürgerlichen Staates nicht geändert hat, und folglich stellt sich die Frage, ob der Kampf um eine progressive Umgestaltung dieser Natur von innen heraus möglich ist.« (So lebendig kann Geschichte sein!)

Er anerkennt die Bedeutung internationaler Zusammenarbeit der Kommunisten bei der Lösung gemeinsamer Fragestellungen und Probleme. Jenseits dessen erteilt Togliatti Tendenzen formaler Vereinheitlichung zwischen den Parteien eine Abfuhr. Er plädiert stattdessen für einen fairen und argumentativen Diskurs.

Sein Blick auf Länder, in denen »wir Kommunisten schon das ganze soziale Leben leiten«, beweist Realismus – und kann die mangelnde Rezeption seiner Arbeit in der DDR erklären.

Togliatti, Jahrzehnte selbst in das stalinistische System verstrickt, eröffnet hier sein Vermächtnis einer Öffnung der Linken in die Gesellschaft, hin zu neuen Formen und in einem breiten gesellschaftlichen Diskurs verankert.


Carsten Schatz