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landesinfo | Ausgabe September 2004, Seite 4

September 1989 – Die Geschichte verlief anders

»100 Tage, die die DDR erschütterten«. So ist eine Chronik überschrieben. Sie beginnt im September 1989, also vor 15 Jahren. DDR-Bürger reisten damals massenhaft nach Ungarn und nutzten die Grenzöffnung nach Österreich, um in die Bundesrepublik Deutschland zu fliehen. Andere besetzten die BRD-Botschaft in der CSSR oder suchten in Warschau ihr Fluchtheil.

Es gärte im deutschen Arbeiter-und-Bauern-Staat, zunehmend. Und die SED, die »Avantgarde«, lahmte prinzipienfest. »Das Volk«, wie es später hieß, begehrte auf. Es war tatsächlich der 11. September, als das NEUE FORUM kritisierte: »In unserem Land ist die Kommunikation zwischen Regierung und Gesellschaft offensichtlich gestört!« Das war eine Beschreibung, ein Angebot und eine Kampfansage zugleich.

Weitere folgten, der »Demokratische Aufbruch« und grüne Initiativen. Kirchliche Gruppen traten ins Rampenlicht. Rockmusiker und Liedermacher monierten die »unerträgliche Ignoranz der Staats- und Parteiführung«. Sie wollten, schrieben sie, »keine Reformen, die den Sozialismus abschaffen«, sondern solche, die »ihn möglich machen«. Die Geschichte verlief anders.

Die SED und ihre Zentralorgane reagierten mit einer forcierten »Entlarvung der imperialistischen BRD«. Zunehmend wurde über Arbeits- und Obdachlose, über Nazi-Aufmärsche oder Menschenhandel berichtet. Die Diskussionen im eigenen Lande waren heimischer. Früher als allgemein überliefert, fand die erste Protest-Demonstration statt. Schon am 30. September zogen rund 800 Arnstädter über den Marktplatz. Es war ein Sonnabend. Offiziell wurden trotz alledem die Feiern zum 40. Jahrestag der DDR vorbereitet.

Die wurden durch das berühmte Zitat von Michail Gorbatschow – »Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben« – karikiert. Kurz zuvor klang es allerdings anders. Noch am 13. September ließ der Generalsekretär der KPdSU extra »brüderliche Grüße an Erich Honecker« übermitteln. Was davor, danach und daneben geschah – irgendwann, wenn auch die letzten Archive geöffnet werden, könnte mehr Einsicht walten.

Am 99. Tag der Chronik wird übrigens der Berliner Tagesspiegel zitiert: »SED-Parteitag rechnet scharf mit dem Stalinismus ab!« Ein außerordentlicher Parteitag der SED, »der Partei«, wie es zu DDR-Zeiten hieß, hatte sich eine radikale Selbstreform verordnet, hin zur »Partei des Demokratischen Sozialismus« (PDS). Ein prägender Akteur war Prof. Michael Schumann. Auch an ihn sei erinnert.


Axel Hildebrandt