Zurück zur Startseite
landesinfo | Ausgabe Oktober 2004, Seite 4

16. Oktober 1994 – Direktmandat für Stefan Heym

Am 16. Oktober 1994 gelang der PDS der Wiedereinzug in den Bundestag. Für ihre Offene Liste hatte sie mehrere prominente Parteilose gewonnen. Besonders die Kandidatur von Stefan Heym galt als Sensation. Der Schriftsteller und die PDS, das wollte für viele Medienleute und Politiker anderer Parteien nicht zusammenpassen: hier der kritische Geist, der mit den Oberen in der DDR über Kreuz lag und von ihnen Jahrzehnte ausgegrenzt, drangsaliert und bespitzelt wurde – und da die PDS, die landläufig als rückwärtsgewandt und unbelehrbar galt.

Der damals bereits 81-Jährige sah das offensichtlich anders und nahm die Belastungen des Wahlkampfes auf sich. Sein Gegner von der SPD im Wahlkreis Prenzlauer Berg-Mitte war Wolfgang Thierse. Das klassische Kopf-an-Kopf-Rennen ging zugunsten von Stefan Heym aus. Er errang eines der vier Direktmandate für die PDS. Das sicherte dieser nicht nur den Wiedereinzug in das oberste Parlament, die 30-köpfige Abgeordnetengruppe stellte mit Stefan Heym auch den Alterspräsidenten des Bundestages. Ihm oblag es, die erste Tagung der 13. Wahlperiode mit einer Rede zu eröffnen.

Dieser Auftritt war von zahlreichen Diskriminierungen begleitet. Die Kleinkariertheiten begannen mit der Sitzordnung: Plätze in der ersten Reihe standen nur den Fraktionen, nicht aber der PDS-Gruppe zu. Nur dank einer energischen Intervention wurde für die Konstituierung im Berliner Reichstag eine Ausnahmeregelung erreicht, so dass Stefan Heym am 10. November von der ersten Reihe aus ans Rednerpult treten durfte. Einen Tag zuvor schreckten CDU-Politiker nicht davor zurück, dubiose Meldungen über eine angebliche Zusammenarbeit von Stefan Heym mit der Staatssicherheit zu lancieren. Dennoch nahm der greise Dichter das Wort. Die Abgeordneten der CDU/CSU folgten seiner Rede mit versteinerten Mienen und verweigerten ihm – mit Ausnahme von Rita Süßmuth – jeglichen Beifall.

Das Bulletin Nr. 105 des Presse- und Informationsamtes vom 14. November informierte anschließend mehrseitig über die Konstituierung des Bundestages. Die Rede von Stefan Heym fehlte. Regierungssprecher Vogel begründete diesen einmaligen Vorgang mit dem Argument, man habe der kommunistischen PDS keine Plattform geben wollen.

Ein Armutszeichen ohnegleichen gegenüber einem Mann, der als Jude aus Deutschland fliehen musste, als amerikanischer Soldat gegen die Nazis gekämpft hatte und in der DDR Maßregelungen ausgesetzt war.


Margit Bürger