Zurück zur Startseite
landesinfo | Ausgabe November 2004, Seite 4

4. November 1989 – »Wir waren das Volk«

Der vierte Tag im November ist reich an historischen Einträgen. 1918 begann der Kieler Matrosenaufstand und damit die Novemberrevolution in Deutschland. 1956 fuhren sowjetische Panzer in Ungarn auf, um den »konterrevolutionären« Volksaufstand zu brechen. 1989 fand auf dem Berliner Alex die größte Demonstration in der Geschichte der DDR statt. Sie gilt als Höhepunkt der Demokratie-Bewegung.

Angeregt durch das damals noch halblegale »Neue Forum«, vorbereitet von Kulturschaffenden und angemeldet von Anwalt Gregor Gysi, zog sie eine halbe Millionen Menschen an. Sie forderten grundlegende Reformen, vor allem mehr Demokratie, Presse- und Meinungsfreiheit. Die Veranstalter hatten eine »Sicherheitspartnerschaft« mit der Volkspolizei geschlossen. »Keine Gewalt«, hieß das allgemeine Gebot. Es wurde ein Markenzeichen der »Montagsdemos«.

Die Rednerliste auf der Berliner Kundgebung war lang, das Spektrum breit. Erklärte Oppositionelle wie Jens Reich (Neues Forum) sprachen, SED-Funktionäre wie Günter Schabowski (Politbüro) und vor allem Schauspieler und Schriftsteller, etwa Ullrich Mühe, Stefan Heym oder Christa Wolf. Sie sagte: »Das &8250;Staatsvolk&8249; der DDR geht auf die Straße, um sich als &8250;Volk&8249; zu erkennen.« Sie verwies auf den »tausendfachen Ruf: Wir-sind-das-Volk!«

Polizei und Staatssicherheit waren zu strikter Zurückhaltung verpflichtet worden. Sie mieden Präsenz. Die ohnehin verunsicherte SED-Führung fürchtete unkalkulierbare Entwicklungen. Doch der befürchtete Marsch aufs Brandenburger Tor blieb aus. Die Grenze zwischen Ost- und West-Berlin wurde fünf Tage später geöffnet. Ausgerechnet der amtierende Pressesprecher des ZK der SED, Schabowski, überraschte die Medien aus aller Welt mit einer kühnen Interpretation der »Beschluss-Lage«. Noch am selben Abend feierten Zig­tausende Ost- und West-Berliner gemeinsam das »Ende der Mauer«.

Zehn Jahre später, 1999, erinnerten Politiker und Künstler an diesen historischen 4. November. Sie entfalteten am Alex ein unübersehbares Transparent: »Wir waren das Volk.« Der Text war wohl gewählt, provokant und mehrdeutig, meinte einer der Mitinitiatoren der Aktion, Dr. Thomas Flierl (PDS), heute Senator von Berlin. Der Spruch konnte rückblickend Stolz auf die Ereignisse anno 1989 wecken. Er verwies aber ebenso auf viele uneingelöste Hoffnungen aufgebrochener Bürgerinnen und Bürger. Eine Forderung der Demonstranten damals hieß übrigens: »Volksentscheide statt Führungsanspruch!«


Axel Hildebrandt