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landesinfo | Ausgabe Februar 2005, Seite 2

Februar 1990 – Geburtswehen der Berliner PDS

Sie gilt als Geburtsstunde der Berliner PDS, die Delegiertenkonferenz am 11. und 12. Februar 1990, also vor 15 Jahren. Das »Haus am Köllnischen Park« war prall gefüllt, Spannung lag in der Luft, Anspannung. Eine Delegierte zitierte in ihrem Redebeitrag Erich Kästner und mit ihm die damalige Zeit: »Man nimmt ihr täglich Maß und denkt beklommen – so groß wie heute war die Zeit noch nie!«

Der alte Bezirksvorstand ging mit sich und mit der SED ins Gericht. »Wir brechen unwiderruflich mit dem Stalinismus als System«, hieß es im Referat. Zugleich bewarb sich niemand mehr aus der alten Leitung für die neue. Dass es überhaupt zu Neuwahlen kam, war so selbstverständlich nicht. Die Partei war im Umbruch, sie verlor unentwegt Mitglieder, Strukturen lösten sich auf, Misstrauen grassierte. Gerade mal drei Wochen zuvor hatten sich die damaligen Berliner Kreisvorsitzenden für den Erhalt der PDS ausgesprochen. Die Delegierten griffen das Votum auf: »Nein zur Selbstauflösung, Ja zur radikalen Erneuerung!«

Das schlug sich auch in der Wahl des neuen Vorstandes nieder. Der vorab auserkorene Kandidat erhielt rund 5 Prozent der Stimmen, ein damals weitgehend Unbekannter gewann mit einer politisch-emotionalen Rede. So wurde Wolfram Adolphi von der Humboldt-Uni zu Berlin der erste Vorsitzende der Berliner PDS.

»Es war ein nervender Antragsmarathon«, erinnert sich ein Delegierter, mit viel Innereien und wenig Politik. Schon in der Debatte hatte ein Genosse aus Treptow gemahnt: »Was wir hier tun, das versteht draußen keiner, das interessiert auch niemanden!« Und er fragte besorgt, ob diese Berliner PDS »überhaupt noch bis zum 18. März kommt«. Das war der Tag, an dem eine neue Volkskammerwahl der DDR gewählt werden sollte. Darauf hatte sich der »Runde Tisch« geeinigt. Die PDS kam, sie errang DDR-weit 16,4 Prozent bei einer Rekordwahlbeteiligung von 94 Prozent. Gregor Gysi führte damals die Berliner PDS-Liste an. Überraschender Sieger aber wurde die »Allianz für Deutschland«, ein Zusammenschluss aus CDU, DSU (Deutsche Sozialunion) und DA (Demokratischer Aufbruch).

Es war der erste Wahlkampf, den die PDS zu führen hatte. »Als Gleiche unter Gleichen« wollte man ihn bestreiten, hieß es am 11. Februar 1990, kulturvoll, offensiv und bescheiden. Zehn Tage später traf man sich wieder. Es wurde ein Berlin-Konzept verabschiedet und die Kandidatenliste aufgestellt. Wahlkampfhöhepunkt der Berliner PDS war übrigens eine Polit-Show im Zirkus »Berolina« – auch das war damals neu.


Axel Hildebrandt