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landesinfo | Ausgabe Juli 2005, Seite 4

15. Juli 1955

Mainauer Erklärung

Die Insel Mainau im Bodensee zieht jährlich Tausende Touristen in ihren Bann. Flora und Fauna und ein südliches Flair bieten eine erholsame und zugleich spannende Abkehr vom Alltag.Das süddeutsche Paradies sorgte aber auch schon für politische Schlagzeilen. So verabschiedeten am 15. Juli 1955 erst 18, später sogar 52 Nobelpreisträger eine »Mainauer Erklärung«. Darin warnten sie vor dem Missbrauch der Kernenergie und sie wandten sich gegen die atomare Aufrüstung:

» Mit Freuden haben wir unser Leben in den Dienst der Wissenschaft gestellt. Sie ist, so glauben wir, ein Weg zu einem glücklicheren Leben der Menschen. Wir sehen mit Entsetzen, dass eben diese Wissenschaft der Menschheit Mittel in die Hand gibt, sich selbst zu vernichten ... Wir (halten) es für eine Selbsttäuschung, wenn Regierungen glauben sollten, sie könnten auf lange Zeit gerade durch die Angst vor diesen Waffen den Krieg vermeiden ... Alle Nationen müssen zu der Entscheidung kommen, freiwillig auf die Gewalt als letztes Mittel der Politik zu verzichten. Sind sie dazu nicht bereit, so werden sie aufhören zu existieren«.

Das atomare Wettrüsten wurde dennoch forciert und erreichte Anfang der 80er Jahre einen neuen Höhepunkt. Zugleich wuchs seinerzeit die Einsicht: Das Gleichgewicht des Schreckens ist labil und unberechenbar. Die Friedensbewegung in Ost und West nahm einen riesigen Aufschwung. Offizielle Abrüstungsinitiativen wurden vereinbart, einige auch umgesetzt. Aber die große Hoffnung vieler Friedensbewegter erfüllte sich nicht. Das Atomwaffenarsenal überdauerte die Jahrtausendwende. Mehr noch: Längst läuft ein neues Wettrüsten – auch nuklear. Selbst Relikte des Kalten Krieges sind gefährlich beständig. So haben die USA noch immer Raketen mit Atomsprengköpfen auf dem Territorium der Bundesrepublik Deutschland stationiert. Die »Mainauer Erklärung« ist also so aktuell wie vor 50 Jahren.

Inzwischen fordern die »Mayors for Peace« eine neue, weltumspannende Kampagne: atomwaffenfrei bis 2020. Sie ging vom Bürgermeister Hiroshimas aus, jener Stadt in Japan, in der vor 60 Jahren Hunderttausende Opfer des ersten Atombombenabwurfs wurden.


Axel Hildebrandt