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BerlinInfo | Ausgabe November 2005, Seite 4

20. November 1945

Beginn der »Nürnberger Prozesse«

Vor 60 Jahren begann in Nürnberg der Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher. Angeklagt wurden vorerst 24 Repräsentanten des Hitlerregimes. Die Anklageschrift des Internationalen Militärgerichtshofs gegen »Hermann Wilhelm Göring und andere« zielte auf vier Strafbestände: Verschwörung, Verbrechen gegen den Frieden, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Reichsmarschall Göring galt lange Zeit als zweiter Mann hinter Adolf Hitler. Er wurde in allen vier Anklagepunkten für schuldig befunden. Der Urteilsvollstreckung entzog sich Göring durch Suizid.

Die erste Prozessphase endete am 1. Oktober 1946. 12 Angeklagte wurden zum Tode verurteilt. Sieben erhielten Haftstrafen, die sie im Kriegsverbrecher-Gefängnis in Berlin-Spandau verbüßen sollten, wobei die meisten nach relativ kurzer Zeit wieder entlassen wurden. Drei Angeklagte wurden freigesprochen. Außerdem wurden vier Organisationen für verbrecherisch erklärt und mithin verboten: Die SS, der SD, die Gestapo und das Führerkorps der NSDAP.

Dem Hauptprozess folgten weitere, unter anderem gegen Konzernspitzen, die am faschistischen Völkermord beteiligt waren und vom 2. Weltkrieg profitiert hatten. Zu den bekanntesten zählte der Chemie-Riese »IG Farben«. Nahezu die gesamte Konzernspitze war Mitglied der NSDAP. Die IG Farben produzierte das Giftgas »Zyklon B«, mit dem Hunderttausende KZ-Häftlinge »industriell« ermordet wurden. In Konzentrationslagern betrieb der Konzern Produktionsstätten mit Zwangs- und Sklavenarbeit. Der Aufsichtsrat galt als »Rat der Götter«. Seine Verflechtungen und Verbrechen wurden in einem gleichnamigen DEFA-Film (Regie: Kurt Maetzig) nachvollzogen. Er ist als DVD wieder im Handel. Die Urteile gegen die IG-Farben-Führung indes fielen milde aus. Der Kalte Krieg überschattete längst die Nürnberger Nachfolgeprozesse. Und das entscheidende Urteil, nämlich die Zerschlagung des Chemie-Konzerns, wurde nie vollzogen. Damit war im Westteil Deutschlands auch ein Auftrag aus dem »Potsdamer Abkommen« obsolet, wonach Konzerne wie die IG Farben ersatzlos zu liquidieren waren.


Axel Hildebrandt