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BerlinInfo | Ausgabe März 2006, Seite 4

Kalenderblatt

24. März 1956
Geheimrede Chruschtschows auf der 3. Parteikonferenz der SED verlesen

Während einer Sondersitzung wurden die Delegierten der 3. Parteikonferenz der SED mit der Geheimrede Chruschtschows zum Personenkult und seinen Folgen vertraut gemacht. Einen Monat zuvor hatte der wiedergewählte 1. Sekretär Nikita Sergejewitsch Chruschtschow die Delegierten des XX. Parteitages der Kommunistischen Partei der Sowjetunion in einer vierstündigen Geheimrede »Über den Personenkult und seine Folgen« mit Enthüllungen über die Verbrechen Stalins konfrontiert, der bis zu diesem Zeitpunkt als »weiser Führer« und »Vater« der Sowjetvölker und der kommunistischen Bewegung mit fast übermenschlichen Fähigkeiten galt. Der KPdSU-Parteitag verzichtete auf eine Diskussion, gab dem Bericht seine Zustimmung und beauftragte das Zentralkomitee, Maßnahmen zur Überwindung der Folgen des Personenkults zu leisten. Die Fixierung der Kritik auf Stalin offenbarte zugleich die Schwäche dieser »Abrechnung«. Zu einer Kritik am System drang sie nicht vor.

Die Enthüllung der Stalinschen Verbrechen überschattete alle anderen Aussagen und Beschlüsse des Parteitages, wie die zur friedlichen Koexistenz zwischen Staaten unterschiedlicher Gesellschaftsordnung. Obwohl Chruschtschow in geschlossener Sitzung gesprochen hatte, erschien ihr Wortlaut bereits im Juni in der »New York Times« und in der »Le Monde«. Neben den Führungen der kommunistischen Parteien, die noch in Moskau in Kenntnis gesetzt wurden, verfügte auch der US-Geheimdienst inzwischen über die brisanten Informationen. Die Reaktionen waren sehr unterschiedlich. Während die »Geheimrede« in den sozialistischen Ländern und in der kommunistischen Bewegung größtenteils Aufbruchstimmung und Hoffnungen auslöste, werteten andere Gruppierungen sie als Verrat am Sozialismus. In Georgien, der Heimat Stalins, gingen Anfang März Tausende für ihr Idol auf die Straße. Die Pro-Stalin-Demonstrationen konnten nur mit Gewalt beendet werden. In Polen brachten die Auseinandersetzungen um das eigene stalinistische Erbe den wegen »nationalistischer« Abweichungen verurteilten W. Gomuka an die Spitze der Partei. In Ungarn eskalierten sie zum Bürgerkrieg, den die Sowjetunion mit ihrer militärischen Intervention beendete. In der DDR gelang es Walter Ulbricht, seine Kritiker auszuschalten und eine gründliche Diskussion mit der Maßgabe zu unterbinden, Fehler solle man im Vorwärtsschreiten überwinden.

 
Jürgen Hofmann