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BerlinInfo | Ausgabe April 2006, Seite 4

Kalenderblatt

26. April 1986
Vermächtnis Tschernobyl

Vier Jahrzehnte nach dem bewusst und aus kriegspolitischem Kalkül herbeigeführten atomaren Inferno von Hiroshima und Nagasaki wurde im April 1986 die Welt durch den Super-GAU im ukrainischen Atomkraftwerk Tschernobyl erschüttert, der – nicht gewollt – zu einer zivilen Katastrophe mit zehntausenden Opfern führte und dessen Fernwirkungen heute wie die von Hiroshima ebenfalls nicht abzusehen sind.

Dieser Jahrestag gebietet, über die überfällige Abschaffung der Atomwaffen ebenso wie über die Konsequenzen und Grenzen einer friedlichen Nutzung der Kernenergie erneut gründlich nachzudenken.

Ich erinnere mich an die damalige belastende, ja bedrückende Situation, besonders in der Internationalen Ärztebewegung gegen den Nuklearkrieg (IPPNW): wenige und nur zögerliche Informationen aus der Sowjetunion, bedrängendes Interesse vieler westlicher Kollegen gegenüber den Ärzten und Politikern aus der SU, viele kritische Fragen und Sorgen in der DDR und in der BRD, unterschiedlicher Umgang in beiden Ländern mit dem Geschehen. Später zeigten die Fakten das immer größere Ausmaß des Unglücks, die Hilflosigkeit der Medizin und die Begrenztheit der Schutzmöglichkeiten sogar in Friedenszeiten.

Tschernobyl hat den Erkenntnis- und Lernprozess über die nicht genügend beherrschbaren Risiken der Atomstromherstellung, das Problem Endlagerung und die genauer erforschten Wirkungen radioaktiver Substanzen stark befördert.

Die Offenlegung und wissenschaftliche Aufarbeitung ist jedoch nicht abgeschlossen, wird durch politische und wirtschaftliche Interessen und fehlende Forschungskapazität erschwert. Das ist aber ein wichtiger Schlüssel für die Zukunft.

Kernwaffen und Kernenergie scheinen heute als nicht trennbare Seiten einer Medaille. So wie im Fall Iran wird Kernenergie nur als ein kaum verdeckter Zugang zur Atombombe thematisiert. Machtpolitik und Terrorismus haben diese Gefahr tatsächlich dramatisch erhöht.

Aber die Scheinheiligkeit und Anmaßung der Atommächte bei der Aufrechterhaltung ihres Atommonopols ist gleichermaßen bedrohlich. Ihr Unwille, endlich die Atomwaffen abzuschaffen und die heute schwer kontrollierbare Verflechtung der zivilen und der militärischen Seite der Atomwirtschaft machen den Ausstieg aus der Atomenergie zu einer zwingenden politischen Aufgabe und folgerichtigen Forderung der Linkspartei.PDS und vieler anderer Kräfte in der Bundesrepublik.

 
Dr. med. Heinrich Niemann

Stadtrat der Linkspartei.PDS in Marzahn-Hellersdorf von Berlin (seit 1992)
In der DDR von 1986 bis 1990 Verantwortlicher Sekretär der Sektion der IPPNW, vertrat 2005 den Bezirk als Mitglied der »Bürgermeister für den Frieden« in Hiroshima zum 60. Jahrestag der Atombombenabwürfe.