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BerlinInfo | Ausgabe Oktober 2006, Seite 2

Denkaufgabe

Karl-Liebknecht-Haus, Landesvorstand, ein Anruf: »Jetzt habt ihr die große Chance. Meidet die Sozis, geht in euch, kehrt um, lasst Köpfe rollen. Dann seid ihr endlich auch mich noch los!« Aufgelegt. Der Mann hatte gut reden, laut und bestimmt. Und er hat Recht, jedenfalls nicht Unrecht.

Worum haben wir bei den Berliner Wahlen gekämpft? Na klar, um 17 plus x Prozent. Und wofür? Für unser Programm und dafür, dass wir möglichst viel davon umsetzen können. Und wir haben verloren. 13,4 Prozent sind Welten weniger als angestrebt. Sie sind ein Desaster, egal ob es überraschend kam oder abzusehen war. Punkt. Präziser: Ausrufezeichen. Doppelausrufezeichen.

Und ein Fragezeichen: Sind unsere politischen Vorhaben deshalb falsch, wertlos oder hinfällig? Meine Antwort: Nein. Zweites Fragezeichen: Wer zählt mehr, die Wähler, die uns verlassen haben, oder jene, die uns gewählt haben? Meine Antwort: falsche Alternative. Drittes Fragezeichen: Wie lassen sich beide wieder gewinnen? Meine Antwort: ehrlich sein, solidarisch sein, politisch sein.

Also keine Fehlerdiskussion? Doch, gründlich und konsequent. Und trotz alledem zugleich mit der SPD sondieren, angeschlagen und geschwächt? Unbedingt. Eine Partei ist kein Selbstzweck und 13,4 Prozent sind mehr als nichts. Sie können in Berlin sogar das berühmte Zünglein an der Waage sein, gewichtig dafür, ob die sich nach links oder nach rechts neigt. Die Wahl nach der Wahl hat die SPD. Sie muss eine Richtungsentscheidung treffen, zwischen Links und Grün, zwischen Sozial und Privat. Wir wären dumm beraten, wenn wir der Berliner SPD diese Bürde leichtsinnig abnehmen, in verständlicher Einkehr, aber unpolitischer Demut. Ich glaube, das wollte der Anrufer mir sagen, auf seine Art, kurz und bündig, als ernsthafte Denkaufgabe.

 
Axel Hildebrandt
Pressesprecher