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BerlinInfo | Ausgabe November 2006, Seite 4

Kalenderblatt

16. November 1976
Biermann aus der DDR ausgebürgert

Gegen die Ausbürgerung habe ich Ende 76 gemeinsam mit Günter Wallraff und Wolf Abendroth die im Westen bekannte Protest­resolution formuliert. DDR-Besuche und die meisten DKP-Freundschaften brach ich ab und kam in die MfS-Einreisefahndung.

Der antifaschistische Aufbruch der frühen DDR, der so viele Kulturschaffende wie Brecht nach Osten gezogen hatte, war nicht zum europäisch-sozialistischen Ausbruch geworden, nicht zur Kultur eines ganz anderen, demokratisierten Wirtschaftens. Ulbricht hatte wohl noch eine Idee davon. Mielke und Mittag standen nur noch für den Status quo, für ein nachbarlich-gemeinsinniges Zeltlager mit schikanösen Linienwächtern und deren Spargelabsprache: wo ein Kopf sich zeigt, wird er gestochen.

Biermann war ein Kopf. Er hatte von den unterdrückten Widersprüchen der DDR, vom zerfallenden Nukleus nach 1945 eine Ahnung. Er schrieb kühne Balladen darüber, Meisterwerke, wie sein Kölner Konzert vor dreißig Jahren, vor dem er wusste, dass es zur Ausbürgerung führen würde.

Mit dem Wegfall der DDR verfiel auch sein Motivkern: nekrophile Stasijagd als einzig theatralisches Geschäft. Der Sohn grandioser kommunistischer Widerstandskämpfer, der bei Hanns Eisler lernen durfte, fuhr nach Kreuth, um die CSU im »Spiegel« anzuhimmeln. Einst sang Biermann den Pazifismus gegen Ost und West. Jetzt frohlockte er ob der Bombardements auf Bagdad, Belgrad und Kabul. Mutige und Musen gingen von ihm; sein Talent wurde überhörbar, sein Handwerk bloß noch klappernd.

Sind nun, die ihn ausbürgerten, posthum bestätigt? Nein: Die Entziehung bürgerlicher Rechte bleibt Willkür; Ausbürgerung statt offener Streitkultur Anfang vom Ende einer ausstrahlungsfähigen DDR. Sich über Eitelkeit mehr aufzuregen als über Monopolkapital, Talente so dem Feind in die Arme zu drangsalieren, zeugt links von Kleinmut, nicht Hegemonie.

Allerdings: Entschuldigungen von SED-Nachfolgern, jetzt in Richtung »Spiegel« adressiert, für Mauer, Stasi oder Ausbürgerungen sind auch nur fade. Wem nach Reue ist, möge Biermanns alte Balladen, auch die großmäuligen, auflegen. Und Toleranz üben – im Hier und Heute. Besonders mit jenen Talenten, denen der eisige Wind der jeweils herrschenden Medien und Mächte ins Gesicht bläst – damals vom »Neuen Deutschland«, heute vom staatssichernden »Spiegel«. Die Angepassteren hatten ja stets allein ihre Wärme von oben.

 
Diether Dehm
MdB, März 1977 bis Mitte 1988 Manager der Auftritte und Schallplatten von Wolf Biermann