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21. Oktober 2007

Sozialforum in Cottbus

»Keine Party ohne Schmerzen.«

Sozialforum in Cottbus

Ein persönliches Blitzlicht von Katrin Möller

Arbeit, ihr Wert und ihre Gestaltung, waren die vordringlichen Themen der Veranstaltungen. So auch der Projektvorstellung von Dr. Judith Siegmund, deren Kunst die lebendige Philosophie ist, umgesetzt in Workshops mit Menschen jenseits aller Elfenbeintürme. Auf Einladung der Rosa Luxemburg Stiftung Brandenburg beschrieb sie ihre Erfahrungen mit Weißenfelser Bürgern, die gemeinsam gewohnt materialistische Denkbahnen verließen und sich in die Begriffswelt der bürgerlichen Philosophin Hannah Arendt begaben; (Erwerbs-) Arbeiten, Herstellen und Handeln als getrennte Kategorien. Wobei nur das Handeln Freiheit und Teilhabe an Öffentlichkeit ermöglicht, nur mit dem Handeln Geschichten in die Welt gesetzt werden können. Es fiel schwer, die gewohnte Identifikation mit der Lohnarbeit in Frage zu stellen; in einer Gesellschaft, die sich über Arbeit definiert und gleichzeitig bedrohlich von ihr befreit wird. Nur anderes Denken als Weg aus der Misere? Mir fehlte die Erwähnung des Berufs, der von Berufung herkommt und mit dem ich noch meinen Lohn erarbeiten darf; ein Auslaufmodell? (mehr unter: www.juduthsiegmund.de) In einer Zeit, in der das Prekäre klassen- und schichtenübergreifend als das Normale gelten kann, begeisterten Konzepte wie »Neue Arbeit – Neue Kultur...« des deutsch-amerikanischen Philosophen Frithjof Bergmann die Diskutierenden. Generell war die Gesprächskultur von einem neugierig-konstruktiven Miteinander geprägt. Das sei neu, so eine Veranstalterin.

Die Kundgebung nach der nachmittäglichen »netten kleinen Demo« (Zitat Verdi-Kollege aus Minden) versammelte die Angereisten vor der Stadthalle, wo Sara Anderson aus Schweden zum Europäischen Sozialforum nach Malmö einlud. Die anschließende Vorführung der Werkstattfassung »Wut III« des Filmers Martin Kessler ( www.neuewut.de) und die folgende Podiumsdiskussion sollten die aktuelle Situation sozialer Protestkultur reflektieren und die Perspektiven, der im Umfeld der G8-Protestbewegungen entstandenen Netzwerke, ermitteln. Die Debatte klang überraschend in dem Tenor an: Alle Aktionsformen sollten ihre Berechtigung haben, sich mit Steinwürfen zu »verteidigen« sei legitim. Ein heftiger Befürworter radikaler Protestformen auf der Bühne war ein Berliner, der das bewusst parteienfrei gehaltene Forum durch Tiraden gegen die Linkspartei und persönliche Anfeindungen missbrauchte. Die Forderung nach mehr Radikalismus brach sich jedoch am Widerspruch zum Wunsch nach mehr Bürgerbeteiligung. In den Wortmeldungen wurden prompt die Zusammensetzung des Podiums und die offene Legitimation der Gewaltbereitschaft kritisiert, Richtigstellungen und Distanzierungen prägten die Debatte, wieder einmal. Leider zeigte sich auch, dass es nicht gescheit ist, unfertige Werke zu veröffentlichen, denn auch der vorläufige Filmschnitt von »Wut III« unterpräsentierte die mehrheitlich friedfertigen G8-Proteste. Ich konnte in der gesamten Doku nur drei unserer roten Linke-Fahnen erspähen, gefilmt vor der Hautbühne im Rostocker Stadthafen, Felix, Steve, das waren wir!

In ihrer Wortmeldung schlug Katja Kipping souverän den Bogen von der gelungenen Zusammenarbeit der kritischen Akteure im G8-Umfeld zu den eigentlich vor uns liegenden Aufgaben und damit zurück zum globalen und lokalen Thema: Gegenwart und Zukunft der Arbeit!