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4. Mai 2008

Ossietzky-Ehrung

Die nationalistische Partei hat für 15 Millionen Deutsche genau das erfüllt, was sie sich unter einer politischen Partei vorstellen. Niemals ist das deutsche Bürgertum in einem Säkulum so ehrlich gegen sich gewesen wie in diesen paar Jahren nationalistischen Wachstums. Da gab es nicht mehr intellektuellen Aufputz, nicht mehr geistige Ansprüche, nicht mehr die akademische Fassade reicherer Jahrzehnte. Der ökonomische Zusammenbruch hat die innere Rohheit, die plumpe Geistfeindlichkeit, die harte Machtgier bürgerlicher Schichten – Eigenschaften, die sich sonst halb anonym hielten oder in private Sphären ableiteten – offen bloßgelegt, Der große völkische Führer mit dem Äußern und den Allüren eines Zigeunerprimas mag seine Saison haben und mit dieser abblühen. Was er an bösen und hässlichen Instinkten hervorgerufen hat, wird nicht so leicht verwehen und für lange Jahre noch das gesamte öffentliche Leben in Deutschland verpesten. Neue politische und soziale Systeme werden kommen, aber die Folgen Hitlers werden aufstehen, und spätere Generationen noch werden zu jenem Gürtelkampf antreten müssen, zu dem die deutsche Republik zu feige war.

Diese Zeilen schrieb der Publizist und Friedensnobelpreisträger Carl von Ossietzky in der Weltbühne Heft 1 des Jahres 1933, also noch bevor Ende des Monats Januar die Nazis die unmittelbare politische Macht erhielten.

DIE LINKE. Berlin ehrte von Ossietzky, der am 4. Mai 1938 in einem Krankenhaus in Berlin-Pankow an den Folgen der Haft im Konzentrationslager Sonnenburg starb, heute an seiner Grabstätte auf dem Pankower Friedhof in Niederschönhausen.