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11. Mai 2010

Danke, Stefan!

Stefan Doernberg †

Abschied von unserem Genossen
Prof. Dr. Doernberg

Antifaschist, Offizier der Roten Armee, Historiker, Botschafter, stellvertretender Vorsitzender des Ältestenrates – Prof. Dr. Stefan Doernberg war Zeit seines Lebens ein politischer Mensch, engagiert, streitbar, freundlich und offen. Vor den Nazis in die UdSSR emigriert, kehrte er 1945 mit der Roten Armee nach Deutschland zurück, war Teilnehmer an der Befreiung Berlins und Zeuge der Kapitulation der Nazis. Nach dem Studium der Geschichte in Moskau und der Promotion in Berlin arbeitete Stefan Doernberg am Aufbau der DDR mit, als Antifaschist immer wieder mahnend für Frieden und im Kampf dafür, dass sich die Gräuel des Naziterrors und des 2. Weltkrieges nie wiederholen dürfen. Nach dem Zusammenbruch der DDR und des Warschauer Pakts war Stefan in der PDS dabei, als Mensch, der etwas zu vermitteln hatte, als Streiter für die Anerkennung historischer Fakten und gegen Geschichtsrevisionismus, als Engagierter im Bund der Antifaschisten und in der Fédération Internationale des Résistants. In Zeitzeugengesprächen und Fernsehdokumentationen berichtete Stefan Doernberg und trug sein Wissen und seine Erlebnisse an nachfolgende Generationen weiter.

Im vergangenen Jahr würdigten wir Stefans 85. Geburtstag und wünschten ihm alles erdenklich Gute für das bevorstehende Lebensjahrzehnt. Den 65. Jahrestag der Befreiung hat Stefan nicht mehr erleben können. Er starb, schwer krank, am 3. Mai 2010. Wir verlieren einen Freund, Genossen und aktiven Streiter für Frieden, Völkerverständigung und demokratischen Sozialismus. Die Lücke, die Stefan gerissen hat, ist nicht zu schließen. Wir werden ihn nie vergessen. Unser Mitgefühl gilt seinen Angehörigen und Freunden, insbesondere seiner Frau, seinen Kindern, Enkeln und Urenkeln. Am heutigen Tag haben wir, seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter des Berliner Landesverbandes, und viele andere Genossinnen und Genossen, Freundinnen und Freunde, im Münzenbergsaal am Franz-Mehring-Platz von Stefan Abschied genommen. Wir dokumentieren in Gedenken an Stefan hier die Rede, die Jan Korte, Mitglied des Deutschen Bundestages, auf dieser Gedenkveranstaltung gehalten hat.

Klaus Lederer

Jan Korte (MdB)

[Es gilt das gesprochene Wort.]

Trauerrede für Stefan Doernberg

Liebe Soja Doernberg, liebe Swetlana Doernberg, lieber Victor Doernberg, liebe Enkel und Urenkel, sehr geehrter Herr Botschafter, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Genossinnen und Genossen,
mit Blick auf die Geschichte Deutschlands, in Ost und West, schrieb Stefan Doernberg 1998 in der Utopie Kreativ: »Wir sollten dazu beitragen, das Verständnis dafür zu stärken. In diesem Sinn ›kein Schwamm darüber‹. Richtige Geschichtsbetrachtung ist Voraussetzung für die Gestaltung der Zukunft.«
Diese Aufforderung sollten wir viel ernster nehmen – auch heute in der neuen Linken. Denn unsere Geschichte beginnt nicht erst 2007 sondern hat viel, viel tiefer liegende Wurzeln. Zu recht, wird oft auf die negativen Seiten unserer Geschichte aufmerksam gemacht. Diese Auseinandersetzung sollten wir um der Linken selber willen auch weiter führen. Nicht wegen irgendwelchen Pharisäern in anderen Parteien.

Aber es gibt für uns, auch für mich als jungen Bundestagsabgeordneten der LINKEN, eine Geschichte die stolz macht. Und diese stolzen Momente sind eben direkt mit Menschen wie Stefan Doernberg verbunden: Mein kleiner Bruder hat Stefan Doernberg in einer Fernsehdokumentation gesehen und mit mir darüber gesprochen: In seiner Sprache sagte er: Was? Der ist in der Linkspartei wo Du auch aktiv bist? Das ist ja voll cool!

Ja, solch eine gelebte Geschichte ist wirklich außergewöhnlich.
Stefan Doernberg gehört zu den Menschen, die die Befreiung erkämpft haben – unter Einsatz ihres Lebens. Man kann sich nicht vorstellen was aus der Welt geworden wäre, wenn die Menschen in der Sowjetunion, mit und ohne Uniform, nicht durchgehalten hätten. Das sollte auch im Bundestag öfter mal erwähnt werden.

Wie kein anderer gehört Stefan Doernberg zu einer damaligen Minderheit von Deutschen: Zu denen, die den Kampf gegen Nazideutschland aufnahmen. Die meisten Deutschen taten es leider nicht. Nach 1945 begann in der Bundesrepublik die Rückkehr der NS-Funktionseliten in Amt und Würden. Begründet wurde dies antikommunistisch: Im Kalten krieg, griff man auf diejenigen zurück, die schon vorher gegen die Kommunisten vorgegangen waren. In den fünfziger Jahren musste in der Bundesrepublik selbst die Anerkennung des Widerstands des 20. Juli erkämpft werden. Sie galten lange als Hochverräter. Meine und unsere Aufgabe ist es heute endlich auch diejenigen zu ehren, die von Anfang an gegen das Nazi-Regime kämpften, die in den Armeen der Alliierten kämpften und: Wir kämpfen – bei allen politisch unterschiedlichen Einschätzungen – endlich für die Anerkennung des gesamten Widerstandes der Arbeiterbewegung, explizit auch um die gleichrangige Würdigung des Widerstandes der Kommunistinnen und Kommunisten. Dies ist Tagesaufgabe – auch im Parlament. Es ist Verpflichtung für eine LINKE, die geschichtsbewusst sein will.

Für die neue Linke, ist das Leben von Stefan Doernberg, mit all dem Erlebten, mit all den Widersprüchlichkeiten, mit all den Niederlagen, mit all den Hoffnungen und mit all den Kämpfen eine stolze Geschichte, die wir wach halten sollten – bei all unserm politischen Tagesgeschäft.

Und ich bin sicher: In der LINKEN gibt es auch in meiner Generation Genossinnen und Genossen, die dieses Vermächtnis nicht vergessen. Wir werden uns erinnern, uns engagieren und die Erfahrungen und das Wissen von Stefan bei gegebener Zeit dann an die nächste Generation weitergeben. Das versprechen wir.
Danke.