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30. Januar 2013

Erinnern, um zu widerstehen

Heute vor 80 Jahren hat die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) die Macht in Deutschland ergriffen - zunächst auf Basis einer parlamentarischen Mehrheit mit ihren konservativen Koalitionspartnern ... Dann folgten Abschaffung der Demokratie, Diktatur, Verfolgung und Vernichtung, Krieg, Völkermord.

Wer meint, die Geschichte ist bekannt, hat recht und nicht recht. Denn immer mehr vor allem junge Menschen kennen die Geschichte nur noch wenig, manche gar nicht mehr, andere sagen, es sei doch jetzt mal genug mit den "alten Geschichten".

Und je weniger Zeitzeugen heute noch leben, umso schwieriger wird es, die Gräuel der faschistischen Herrschaft, des Völkermordes an Jüdinnen und Juden, Roma und Sinti, die brutale Verfolgung anders Denkender, KommunistInnen, SozialdemokratInnen, Kirchenleute, Homosexueller, die Vernichtung von Menschen mit Behinderungen fass- und begreifbar zu machen, sie aus der Abstraktion eines Geschichtsbuches fühlbar machen.

Umso wichtiger ist eine lebendige, vielfältige und stetige Erinnerungskultur. "Das rote Fahrrad" ist der Titel des Tagesbuches des 13-jährigen ungarischen Mädchens Eva aus Varad. Sie beschreibt ihr Leben im Ghetto bis zu ihrer Deportation und Ermordung im Konzentrationslager Auschwitz. "Liebes Tagebuch..." beginnt jeder Eintrag und mit jedem Eintrag schwindet die Hoffnung, dem Grauen zu entgehen. Schülerinnen des  Wilhelm-von-Siemens-Gymnasiums tragen Passagen aus dem Tagebuch vor. Es ist mucksmäuschen still im Kino-Saal des Babylon, wo die LINKE ihre Veranstaltung zum Gedenken an den 80. Jahrestag der Nazi-Machtergreifung durchführt. Geschichte wird lebendig, beklemmend, vielleicht auch greifbar.

 "Erinnern, um zu widerstehen" lautet der Titel der Veranstaltung. Und sie versucht, den Bogen von aktiver Erinnerung, aktivem Gedenken und ständigem Widerstand gegen die neuen und alten Gefahren durch Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus zu spannen.

"Nazis fallen nicht vom Himmel", verdeutlicht der Vorsitzende des Vereins "Gesicht zeigen", Uwe-Karsten Heye, in einer Podiumsdiskussion die gesellschaftliche Verantwortung dafür, dass auch 80 Jahre nach der Machtergreifung, 75 Jahre nach der Reichspogromnacht, 71 Jahre nach der Wannseekonferenz, 68 Jahre nach Ende des zweiten Weltkriegs, Neonazis und Rechtspopulisten Hass und Gewalt säen können, dass hunderte von Menschen von Nazis getötet und schwer verletzt wurden, und der "Aufstand der Anständigen" immer wieder verpuffte.

Die Mordserie des NSU - der Terrorgruppe des "Nationalsozialistischen Untergrunds" - steht für das kollektive Versagen der Sicherheits- und Justizbehörden, aber auch Teile der Medien und der zivilgesellschaftlichen Öffentlichkeit. Allzu gern und allzu schnell glaubte man der Theorie der "Döner-Morde. Neonazismus und Rassismus in und aus der Mitte der Gesellschaft - das ist Realität, die allzu lang einerseits geleugnet und andererseits befördert wurde. Das machte Petra Pau, Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages und für die LINKE im NSU-Untersuchungsausschuss, deutlich.

Und deutlich wurde auch, dass es noch immer nicht gesellschaftlicher mainstream ist, dass Rechtsextremismus und Neonazismus nicht irgendwelche politischen Haltungen sind, denen gegenüber sich Staat und Gesellschaft neutral verhalten können.  "Gegenüber Faschismus kann man nicht neutral sein, auch nicht als Lehrer", ruft Harald Zeil vom Bündnis Dresden nazifrei aus. Und allzuhäufig wendet sich die vermeintliche staatliche Neutralität gegen Antifaschistinnen und Antifaschisten, die zivilgesellschaftlichen Widerstand gegen Nazis organisieren, wie jüngst das Dresdner Skandalurteil gegen Tim H. gezeigt hat.

Was tun gegen Rechtsextremismus - heute und hier, unter Jugendlichen, aber auch bei den Älteren - dazu befragten zum Schluss dann Schülerinnen und Schüler des Wilhelm-von-Siemens-Gymnasiums Linksfraktions-Chef Gregor Gysi.Er hatte viele vernünftige Antworten, aber wie so oft bei solchen Gelegenheiten: es fehlte die Zeit, wirklich zu überlegen, was sinnvoll in welchen Situationen zu tun ist. Die Jugendlichen luden sich denn auch kurzerhand bei Gregor Gysi in den Bundestag ein, um weiter zu diskutieren. Er ging darauf gern ein....

 

Text und Fotos: Katina Schubert