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23. Juli 2014Klaus Lederer

Aus Hindenburg- wird Gretel-Bergmann-Damm

Am heutigen Tag haben wir gemeinsam den »Hindenburgdamm« in Steglitz-Zehlendorf in Gretel-Bergmann-Damm umbenannt.
Unter Beteiligung des Ver.di-Landesbezirksvorstands, der Berliner Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten, der Berliner Jusos, der Linksjugend ['solid] Berlin und des Jüdischen Forums für Demokratie und gegen Antisemitismus konnten wir ein Zeichen gegen Militarismus, Nazismus und Antisemitismus setzen.

Mit unserer Aktion haben wir die von der Linksfraktion im Abgeordnetenhaus angestoßene Debatte um die Streichung Paul von Hindenburgs von der Ehrenbürgerliste Berlin aufgegriffen. Paul von Benneckendorff und von Hindenburg war als hochrangiger Militär nicht nur einer der Hauptverantwortlichen für das Sterben von Millionen von Zivilisten und Soldaten im Ersten Weltkrieg. Er ist einer der Erfinder der »Dolchstoßlegende«, die die verheerende Niederlage der Reichswehr als Ergebnis des innenpolitischen »Verrats« der Republikaner denunzierte und den nationalistischen Kräften bei der Delegitimierung der Weimarer Republik den ideologischen Boden bereitete. Als Reichspräsident wurde er zum Steigbügelhalter der Nazis, unterzeichnete die ersten NS-Notverordnungen und das Ermächtigungsgesetz, betrieb am »Tag von Potsdam« am 21. März 1933 das Bündnis zwischen Nazis und Rechtskonservativen in der Garnisonkirche, ernannte Hitler zum Reichskanzler. Am 20. April 1933 – Hitlers Geburtstag – dankte ihm dies die Berliner Stadtverordnetenversammlung wegen seiner »Verdienste um die nationale Wiedergeburt der Stadt Berlin« – zeitgleich mit 4.000 anderen Städten und Gemeinden – mit der Verleihung der Ehrenbürgerwürde.
Die Kommunisten waren zu diesem Zeitpunkt schon verhaftet und in Gefängnisse und Konzentrationslager verschleppt worden, die sozialdemokratischen Stadtverordneten nahmen an der Abstimmung nicht teil. Wir meinen: Hindenburg ist nicht einfach eine umstrittene historische Figur, sondern ein entscheidender Akteur bei der Zerschlagung der Weimarer Republik gewesen. Eine Würdigung im Stadtbild Berlins gebührt ihm nicht.

Mit der Umbenennung haben wir gleichzeitig der jüdischen Sportlerin Gretel Bergmann ein Denkmal gesetzt, die 1933 angesichts der nazistischen Machtübergabe zum Studium nach England gegangen war. 1936, als die USA mit einem Olympiaboykott drohten, sollte jüdischen Deutschen der Start bei den Olympischen Spielen verwehrt werden, sollte Gretel Bergmann zunächst als Hochspringerin im Olympiakader sein. Durch Manipulation der olympischen Regularien verhinderten die Nazis ihre Wettkampfteilnahme und brachten sie, die Favoritin und Rekordhalterin, um das mögliche olympische Gold.
Gretel Bergmann-Lambert emigrierte 1937 in die USA und lebt heute in Queens/New York. Aus unserer Sicht ist es Berlins Verpflichtung, an die sportliche Leistung und die von den Nazis unterbundene Olympiateilnahme Gretel Bergmanns zu erinnern.

Markus Tervooren, der Geschäftsführer der VVN-BdA, mahnte anlässlich der Aktion die ehrliche Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte an. Noch immer würden in Deutschland Nazis und Militaristen geehrt. Das dürfe nicht hingenommen werden. Franziska Brychcy, LINKE-Bezirksvorsitzende in Steglitz-Zehlendorf, kündigte die weitere Auseinandersetzung mit dem Namen Hindenburgs durch bürgerschaftliche Initiativen im Bezirk an. Juso-Landeschef Kevin Kühnert, der sich auch im Aufsichtsrat von Tennis Borussia gegen Rassismus engagiert, verwies auf die vielen vergessenen jüdischen Sportlerinnen und Sportler. Die Jusos Berlin hätten in Sachen Ehrenbürgerschaft Hindenburgs eine ganz klare Position: Hindenburg könne nicht als »umstritten« bezeichnet werden, seine historische Rolle verbiete seine Ehrung – als Ehrenbürger wie Namensträger öffentlicher Straßen. Peter Schrott vom Ver.di-Bezirksvorstand Berlin betonte, er habe angesichts des AOK-Sportfestes auch auf dem Gelände des Olympiastadions feststellen müssen, dass Hindenburg dort mit einem Platz geehrt werde. Es sei dringlich, sich mit einer fragwürdigen Geschichtssicht auseinanderzusetzen, die solche Ehrungen als akzeptabel ansehe. Hans Erxleben, Bezirksverordneter und Antifa-Aktivist aus Treptow-Köpenick, reihte schließlich die heutige Aktion auch ein in die Vielzahl nötiger Aktivitäten, um Antisemitismus und Rassismus täglich entgegenzutreten. Anschließend enthüllten Linksjugend-Landessprecher Fabian Wolf und LINKE-Landesgeschäftsführerin Katina Schubert das Straßenschild mit der Aufschrift »Gretel-Bergmann-Damm«.

Wir freuen uns über die gute Resonanz und die Teilnahme an der Aktion sehr. Uns ist klar: das darf es nicht gewesen sein. Ob Hindenburg, Treitschke oder Einem – die Diskussion um das Erbe Berlins und seine historische Verpflichtung muss weitergehen. Deshalb werden wir auch weiterhin dafür sorgen, dass die schwarzen Kapitel unserer Geschichte nicht verdrängt, sondern offensiv aufgearbeitet werden.

Text: Klaus Lederer, Fotos: Sebastian Koch