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7. November 2007Veranstaltung des Berliner Landesverbandes der LINKEN

Was bleibt vom Roten Oktober?

Klaus Lederer, Landesvorsitzender der LINKEN. Berlin, zur Eröffnung

 

Meine sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freundinnen und Freunde,
liebe Gäste,


ich denke, in diesem Raum gibt es eine Menge Verständnis dafür, dass der Landesvorstand für den heutigen Tag auf nicht zu einer Manifestation der Werktätigen aufgerufen hat.

Das liegt nicht nur daran, dass diese jahrzehntelang eingeübte Form der Ehrung uns heut nicht mehr als angemessen erscheint.

Die scheinbar ehernen Wahrheiten über den Verlauf der Geschichte, denen seinerzeit gehuldigt worden ist, sind von der Entwicklung widerlegt worden. An ihre Stelle sind Fragen getreten.

Eine dieser Fragen – nämlich die, der wir uns heute widmen wollen – lautet:

Was bleibt vom Roten Oktober?

Meine Aufgabe besteht darin, Sie und Euch im Namen des Landesvorstands der Partei DIE LINKE hier im Colosseum recht herzlich willkommen zu heißen. Ich habe hier kein Referat zu halten.

Wir alle wissen, was aus dem roten Sturm des Enthusiasmus wurde, der 1917 durch Petrograd fegte. Wir wissen, in welche Sackgasse der Geschichte die weitere Entwicklung geführt hat.

Der in Marxscher Tradition forschende britische Historiker Eric J. Hobsbawm beschrieb die Situation nach dem roten Oktober prägnant:

»Die Bolschwiken konnten ihre Macht nicht nur wahren und länger als die Pariser Kommune halten, sondern auch über Jahre nie dagewesener Krisen und Katastrophen hinweg. (...) Wer konnte es sich schon leisten, all die Entscheidungen, die jetzt getroffen werden mussten, im Hinblick auf die möglichen langfristigen Auswirkungen auf die Revolution zu bedenken? Hätten sie es getan, wäre die Revolution am Ende gewesen. Schritt für Schritt wurden also die notwendigen Entscheidungen getroffen. Als die neue sowjetische Republik aus ihrer Agonie erwachte, stellte sich heraus, dass sie eine Richtung eingeschlagen hatte, die weit von der entfernt lag, die Lenin bei seiner Ankunft im Finnlandbahnhof im Sinn gehabt hatte.«

Und dennoch hat das durch die Oktoberrevolution begründete System in zwei so grundlegenden Fragen den Lauf der Weltgeschichte beeinflußt, dass man – angesichts des Stillstands und des zum Teil lähmenden Klimas, der nach wenigen Jahren die junge Sowjetrepublik erfasste und bis 1989-90 nie wieder von ihr wich – nur staunen kann vor so viel historischer Widersprüchlichkeit. So gesehen, war der aus der Revolution von 1917 erwachsene Parteikommunismus trotz seiner eigenen Zukunftslosigkeit maßgeblich an der Zukunftsgestaltung beteiligt.

Lassen wir hierzu Wolfgang Ruge zu Wort kommen, den profunden Kenner der Geschichte des vergangenen Jahrhunderts:

»Angesichts der Tatsache, dass das faschistische System nicht von innen her, an seiner Untüchtigkeit scheiternd, überwunden werden konnte, hing seine Bändigung (...) von der Stärke der von außen gegen den Faschismus Front machenden Kräfte (...) ab. (...) Als eine derartige Kraft hielt die Geschichte die stalinistische Sowjetunion bereit. Wiewohl nicht aus eigenem Antrieb, sondern (hier türmt sich Widerspruch auf Widerspruch!) von Hitlerdeutschland zur Selbstverteidigung gezwungen, leistete sie einen – und hier kann eingefügt werden: entscheidenden Beitrag zur Niederwerfung des Faschismus, womöglich zur Verhinderung eines Atomschlags der braunen Verbrecher gegen die gesamte Menschheit. (...)

Das Ineinandergreifen von Unvereinbarem veranlasst oft genug zu der subjektiven Interpretation, die Geschichte sei mit einem gerüttelt Maß Ironie ausgestattet. So kann die Ironie der Geschichte auch darin sehen, dass der mit Hilfe des Stalinismus zur schließlichen Überwindung seiner im Faschismus gipfelnden Umbruchsperiode gelangte Kapitalismus in der folgenden Periode zunehmend (...) die Fähigkeit entwickelte, großen Teilen der Werktätigen beachtlichen Wohlstand zuzugestehen.«

Soweit Wolfgang Ruge.

Aber mehr noch: Millionen schöpften weltweit Kraft aus den paar Tagen, die die Welt veränderten, aus dem mit dem roten Oktober angetretenen Beweis, dass Geschichte offen ist.

Diese Empfindung mag heute vielen Menschen fehlen. Und so werden wir heute, 90 Jahre danach, nicht zu Unrecht auch einiges vermissen, was an produktiver, auf die Gesellschaft wirkender Stimmung von den Tagen des roten Oktober ausging. Lassen wir uns dieses ein wenig wehmütige Gefühl. Es gehört dazu.


Meine Damen und Herren,

ich freue mich über das Interesse an dieser Veranstaltung. Wir Veranstalter meinen: Dieses Thema gehört zu unserer Geschichte wie wenig andere. Deshalb wollen wir zum Nachdenken anregen, wollen Kulturgenuss vermitteln, wollen uns mit Ernsthaftigkeit und Ironie an das Thema herantasten.

Ich bedanke mich schon jetzt bei all denen, die diese Veranstaltung ermöglicht haben oder in der einen oder anderen Weise heut hier auf der Bühne zu ihrem Gelingen beitragen werden. Und ich wünsche Ihnen, Euch, uns einen nachdenklichen wie unterhaltsamen Abend.

Vielen Dank!