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7. November 2007Veranstaltung des Berliner Landesverbandes der LINKEN

»Was bleibt vom Aufbruch des Roten Oktober?«

Podiumsdiskussion zum 90. Jahrestag der Oktoberrevolution

Prof. Anni Seidel:

Eingebettet in Kultur und Kunst möchten jetzt Wissenschaftler, Publizisten weitere Gedanken zum heutigen Tag, zu diesem Anlass, zum Anregen und Nachdenken beitragen. Ich möchte Ihnen diese Runde vorstellen: Dr. Sonja Striegnitz, Historikerin, ehemals Humboldt-Universität; Prof. Helmut Bock, ehemals Akademie der Wissenschaften der DDR, Historiker; Prof. Peter Brandt, Historiker für Neuzeit, Fernuniversität. Und Robert Misik, Publizist, hat gerade erst ein Buch herausgebracht. Das ist aus meiner Sicht eine interessante Runde. Wir möchten zu den schon mit Kultur, Kunst und Worten hier formulierten Gedanken zu 90 Jahre Russische Revolution einige weitere hinzufügen. Ich habe eine erste Frage an diese Runde: Sie alle kennen die Ausspruch von Karl Marx: „Revolutionen sind Lokomotiven der Geschichte“. Gilt das auch für die russischen Revolutionen, vor allem für die Oktoberrevolution, wo diese Lokomotive versiegte im Laufe ihres Fahrens? Umso mehr bleibt die Frage, ob es denn eine Lokomotive war. Hat diese Revolution eine solche Wirkung hinterlassen?

Prof. Peter Brandt:

Zweifellos war die  – ich würde im Singular sprechen und nicht im Plural, denn es war ein revolutionärer Prozess in verschiedenen Etappen – eine der Lokomotiven nicht nur des 20. Jahrhunderts, sondern der Weltgeschichte überhaupt, um bei der Terminologie von Marx zu bleiben. Ein wichtiger Aspekt ist schon erwähnt worden, nämlich die Entstehung der Revolution, des Umsturzes vom Oktober aus dem Krieg und der Opposition gegen den Krieg. Übrigens: Auch das, was dann an problematischen Erscheinungen kam bis zur Verherrlichung des Bürgerkrieges, ist nur verständlich aus dieser Explosion der Gewalt im Ersten Weltkrieg und der Reaktion dagegen. Zweifellos war sie eine Lokomotive der Weltgeschichte, indem an einer Stelle tatsächlich dieser Mechanismus des Völkermordens – wie jemand damals sagte – durchbrochen wurde und eine Bewegung in Gang gesetzt wurde, die dann schließlich unter großen Auseinandersetzungen zum Friedensschluss, zum Separatfrieden mit dem Kaiserlichen Deutschland führte. Darüber gab es Auseinandersetzungen in der bolschewistischen Führung. Es gab ja neben den leninschen Positionen auch die trotzkische – also weder Krieg noch Frieden, das ist sicherlich ganz problematisch –, die ganz linke – also die Überlegung den Krieg eventuelle als Partisanenkrieg weiterzuführen. Man darf nicht aus der Tatsache, dass etwas so gekommen ist, wie es gekommen ist, automatisch schließen, dass die Alternativen nicht infrage kamen. Das scheint mir wichtig zu sein, gerade bei revolutionären Prozessen. Kein Mensch weiß, was gewesen wäre, wenn. Man kann das abwägen, aber dafür haben wir jetzt wahrscheinlich nicht die Zeit. Mir geht es darum, deutlich zu machen, es gab an wichtigen Stellen auch Alternativen.

Prof. Anni Seidel:

Vielleicht hören wir mal, was Frau Dr. Striegnitz dazu zu sagen hat.

Dr. Sonja Striegnitz:

Hier ist ja schon sehr viel Anregendes, Interessantes – sowohl in der künstlerischen Gestaltung des Abends als auch durch die Redner und Lothar Bisky gesagt worden. Ich habe diesem Bild von der Lokomotive ein paar Gedanken zugeordnet. Lokomotiven bewegen etwas. Mal mehr, mal weniger, abhängig von dem, was man an sie ankoppelt, aber vor allem davon, wie viel Dampf in ihrem Kessel ist und ob die Lokführer einen genauen oder einen etwaigen Streckenführungsplan haben. Und schließlich muss man auch überlegen: Wenn der Dampf verbraucht ist oder wenn er angereichert wird, was passiert dann? Für mich ist die  ebenso ein Prozess, wobei der Februar und der Oktober auch in hinreichendem Maße etwas selbstständiges darstellen. Und die Februarrevolution hat alle durch ihre Spontanität und ihre Explosivität der politischen Kräfte in Bewegung gesetzt. Alle Parteien, ob sie bis dato im Untergrund wirkten oder ob sie jetzt schon frei waren und agieren konnten in der Staatsduma, waren von der Revolution überrascht, obwohl sie seit Ende 1916 das Wort „Revolution“ im Munde führten, auch oftmals angereichert mit dem angstvollen Hinweis auf drohende Anarchie. Die Lokomotive Februar hat schließlich den entscheidenden Dampf durch den Weltkrieg bekommen, sodass sie letztlich auch alle Ventile in die Luft sprengte und die Revolution herbeiführte, die binnen kurzem eine dreihundertjährige Monarchie auf den Müllhaufen der Geschichte warf. Der Sturz einer Monarchie, die unlängst im Jahre 1913 der Welt vorgaukelte, stabil und unabänderlich zu sein, war das erste große Ereignis, dass im Februar festzumachen ist. Das Zweite war, dass Russland zum freiesten der kriegführenden Länder wurde, dass in einer so schnellen, rasanten Entwicklung politische Parteien von sich reden machten, Massen sensibilisiert wurden für politischen Handeln und Politiker Massen umwarben, Vereine und Verbindungen aller Art und vor allem Sowjets entstanden sind, die deutlich machten, dass hier etwas Neues entstand und Fuß gefasst hatte im Jahr 1905 – man erinnert sich sogleich daran. Diese Lokomotive Februar wurde ausgetauscht. Es haben sich Lokführer auf diese Lok gesetzt, die bis zum Sturz, also bis zu den entscheidenden Ereignissen gar nichts davon wissen wollten und die dann die Massen glauben machen wollten, sie verträten deren Interessen. Das ist gerade nicht passiert. Die soziale Frage war eines der großen Probleme, die nicht durch die Februarrevolution gelöst wurde. Weder die Agrarfrage noch die übergeordnete Friedensfrage noch die Arbeiterfrage wurde gelöst. Hunger wurde nicht beseitigt. Am Vorabend der Oktoberrevolution wurden diese Fragen als so brennend von den Massen empfunden, dass sie von den Bolschewiki aufgegriffen wurden und ganz bewusst daran angeknüpft wurde. Sie waren nicht etwa eine Sammlungsbewegung der Unzufriedenen und der Zu-kurz-Gekommenen. Sie haben auch nicht allen alles versprochen, sondern sie nahmen diese Forderungen der Massen – Frieden, Land, Brot, Acht-Stunden-Tag – auf und durch die Dekrete des 2. Sowjet-Kongresses in Angriff.

Prof. Helmut Bock:

Das Bild nach Marx, wonach Revolutionen Lokomotiven der Geschichte sind, stammt ja aus dem Jahr 1850, wo gemeinhin die Dampflok der Inbegriff der industriellen Revolution war. Wir finden das Bild auch bei Heine in den Lutetia-Briefen zehn Jahre früher. Die Frage ist also gestellt, wie tragfähig das Lokomotivenbild, das Symbol auch im 20. Jahrhundert ist. Ich knüpfe an Sonja Striegnitz bejahend an. Sie hat über die Februarrevolution gesprochen und für sie die Übernahme des Bildes von der Revolution als Lokomotive der Geschichte bejaht. Wir erinnern uns an spontan kämpfende Massen, die den Zarismus, die halbfeudale autoritäre Selbstherrschaft stürzen und die entscheidende Bresche schlugen für die demokratische Republik. Das halte ich für eine Leistung, die in der Geschichte irreversibel war und bis heute ist - die Republik.

Zugleich war die Februarrevolution eine Revolution gegen den Krieg. Dies wurde aber unter der provisorischen bürgerlichen Regierung nicht eingelöst. Brauchbarkeit des Lokomotivensymbols für die Februarrevolution – ja.

Zweifel habe ich bei der Anwendung auf die Oktoberrevolution. Bilder vereinfachen komplizierte gesellschaftliche und historische Prozesse. Die Eroberung der Macht durch die Bolschewiki – gestützt auf eine Anzahl von Arbeitern und Soldaten – gegenüber Russland, seiner Gesamtbevölkerung noch eine Minorität im Herbst 1917 – unbedingt nötig, weil die Revolution im Sommer und Herbst im Gefahr war, konterrevolutionären Putschen anheim zu fallen oder der Anarchie, dem Wirrwarr. Aber: Es gibt in der Gesamtheit des Prozesses der russischen Revolution seit dem Oktober kein Erreichen der angestrebten proklamierten Ziele bis in die 20er Jahre hinein. Kein Sozialismus, auch kein Frieden in dem Sinne, wie er formulierte, ohne Annexionen und Kontributionen. Lenins Strategie, dargelegt in den Aprilthesen von 1917 und die Grundlage auch für den Oktoberumsturz ging nicht auf. Eine genaue Analyse wird erweisen, dass die meisten von Lenin verheißenen Ziele nicht erreicht wurden. Deshalb meine ich, Bilder, die vereinfachen, können verleiten, weil sie zu glatt für eine Wesenserklärung der konkreten und komplizierten Geschichte sind. Mir gefällt viel besser die Sentenz vom alten Engels am Ende seines Lebens von 1895, wo er die völkerrechtliche Begründung und Verteidigung der Revolution formuliert in dem Satz: „Das Recht auf Revolution ist ja überhaupt das einzig wirkliche historische Recht, das einzige Recht, worauf alle modernen Staaten ohne Ausnahme beruhen.“ Im selbstkritischen Rückblick auf 1850, als Marx das Lokomotivensymbol vertrat, schrieb Engels im selben Atemzug: „Die Geschichte hat uns im 19. Jahrhundert Unrecht gegeben. Die Zeit der Überrumpelungen, von kleinen bewussten Minoritäten an der Spitze bewusstloser Massen durchgeführten Revolutionen ist vorbei. Wo es sich um eine vollständige Umgestaltung der gesellschaftlichen Organisation handelt, da müssen die Massen selbst mit dabei sein, selbst schon begriffen haben, worum es sich handelt, für was sie mit Leib und Leben eintreten. Das hat uns die Geschichte gelehrt. Damit aber die Massen verstehen, was zu tun ist, dazu bedarf es langer ausdauernder Arbeit.“ Das wollte ich sagen.

Robert Misik:

Man kann Metaphern natürlich auch ausreizen. Die Linke neigt seit 150 Jahren dazu, bestimmte Metaphern so lange auszureizen, dass ich sagen würde: Hätte Marx das gewusst, hätte er sie so nie hingeschrieben. Hätte er gewusst, dass man 150 Jahre später noch immer das so ernst nimmt, was er in diesem Augenblick ein bisschen als feuilletonistisches Aperçu gemeint hatte, dann hätte er sehr in den Bleistift gebissen. Wenn wir aber schon mal dabei sind, dann ist es zweifelsohne so, dass die  und auch der Oktober, über den wir zentral reden, eine unglaubliche Beschleunigung des Geschehens war. Erst die Beschleunigung der Wochen und Monate davor hat das erst möglich gemacht. Natürlich können Lokomotiven – und damit höre ich mit meinen Metaphern auf – auch gegen die Wand fahren. Insofern sagt das nichts dazu aus – wenn man der Revolution das Attribut der Lokomotive verleiht –, ob das gut oder schlecht ist. Man kann Lokomotiven oder Gefährte praktisch überfrachten und in überhöhte Geschwindigkeit bringen, so dass sie dann irgendwo gegen knallen. Das ist doch die interessante Frage, die wir hier heute diskutieren wollen. Selbst in den Kreisen, in denen ich als undogmatischer Linker groß geworden bin, hat man der Chiffre „Oktoberrevolution“ ein Ausrufezeichen nachgesetzt. Heute hängt bei jedem, wie wir hier sitzen, ein Fragezeichen darüber. Das Fragezeichen werden wir nicht wegbekommen. Vielleicht bekommen wir es aber systematisiert, wenn man die Frage in drei Teile auseinander nimmt. Es gibt so etwas wie eine dreifache Oktoberrevolution: Die Oktoberrevolution als epochales oder wesentliches Ereignis der russischen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Da stellt sich die Frage, ob das für Russland gut war oder ob es besser gewesen wäre, wenn es beim Februar geblieben wäre und der Oktober nicht geklappt hätte. Dahinter liegt ja die Frage, ob es besser gewesen wäre für Russland, wenn moderatere Kräfte mit Hilfe stärkerer bürgerlicher Kräfte diese Radikalisierung, die zum Oktober führte, verhindert hätten. Selbst wenn es besser gewesen wäre, hat es ganz offensichtlich das so nicht gegeben. Offenbar gab es diese Kraft nicht, sich gegen den Prozess der Radikalisierung der Revolution zu wehren, weil die Massen auf die Seite der Bolschewiki gegangen sind.

Im Kontext dieser Frage, die im Zusammenhang mit der Russischen Revolution immer gestellt wird, ist immer die, ob es denn wirkliche eine Revolution war und nicht vielmehr ein Staatsstreich. Die einen sagen, es war eine Revolution und die herrschende, auch konservative Geschichtsschreibung – und damit auch Geschichtspolitik -  sagt, das war ein Putsch. Wenn man es ernsthaft betrachtet, muss man wohl sagen, dass es beides war. Auf der einen Seite war gab es eine revolutionäre Bewegung, die dazu führte, dass die Bolschewiki wohl unter den entscheidenden gesellschaftlichen Schichten die Mehrheit hatten. Insofern war es eine richtige Volksrevolution, wie es im Buche steht. Die Machtergreifung selbst in einer Nacht war aber ein klassischer Staatsstreich. Diese Basis der Massen, von denen wir gern reden, hat von der Revolution – salopp formuliert - erst aus der Zeitung erfahren. Das muss man auch mal als Annäherung an die historische Wahrheit sagen.

Diese Revolution hat sich radikalisiert. Da ist es auch ein bisschen pausbäckig, zu sagen: Guter Lenin – böser Stalin. Natürlich wissen wir, dass in der Realgeschichte dieser Revolution und im dialektische Wechselspiel aus Bedrohung – Konterrevolution und Intervention die Verrohung schon mit Lenin begonnen hat. Mittlerweile kennen schon viele diese Telegramme, in denen es heißt: „Erschießen, erschießen, erschießen! Füsilieren, füsilieren!“ Wahrscheinlich entsteht so etwas, wenn man Gesellschaftsveränderung als militärische Aktion begreift und beginnt. Und wenn man aus einer Tradition des Untergrundkampfes, die eine gewisse Art von Konspiration, von Zentralisierung und militärischer Logik impliziert, kommt, dann kommt man auch in solch eine Art von Verrohung hinein.

Man kann natürlich fragen, ob sie hätten aussteigen können. Kann man natürlich schwer unter den Bedingungen der Bedrohung.

Das war aber nur der erste Teil der Revolution, über der so viele Fragezeichen stehen, der Teil für Russland. Die Frage für uns ist vielleicht noch viel bedeutender, welchen Stellenwert die  als epochales Ereignis für Europa und für die Welt hat.

Das dritte wäre die Idee der Revolution selbst, die ziemlich stark aus der Mode gekommen ist. Über diese drei Punkte sollten wir wahrscheinlich reden, wenn wir das Fragezeichen Oktoberrevolution ausreichend abhandeln wollen.

Prof. Anni Seidel:

Ich unterbreche mal an der einen Stelle, wo es um die Frage geht, ob diese Revolution einen Erfahrungsschatz hinterlassen hat. Gibt es einen Erfahrungsschatz, den uns dieser revolutionäre Prozess und dieses Ereignis vermittelt, der für das 21. Jahrhundert für die Linke von eminent wichtiger Bedeutung ist?

Prof. Helmut Bock:

Das kann man nur bejahen. Insofern diese beiden Revolutionen in der großen Gesamtheit der russischen Revolution Erhebungen gegen den Krieg waren, betreffen diese Ideen und Taten natürlich uns. Ich kann mir keinen demokratischen Sozialisten vorstellen, der nicht auch ein energischer Antikrieger ist, ein Ablehner des Krieges. Insofern ist 1917 natürlich schon allein ein Erfahrungsschatz. Zweitens gibt es auch im Schatz der Erfahrungen negative Erfahrungen, die ungemein wichtig sind, weil wir aus ihnen Einsichten und Erkenntnisse gewinnen für heute und morgen. Ich möchte diese Frage insbesondere auf die Revolutionsstrategie und –politik Lenins fokussieren, der schlechthin der große Mann, die große Persönlichkeit der russischen Revolution gewesen ist. Die Berücksichtigung der sozialökonomischen Unreife Russlands für eine sozialistische Revolution unter den Verhältnissen 1917/18 mangelhaft bei Lenin war. Das ist ihm auch von den anderen sozialistischen Parteien und Gruppierungen bereits in der Streitdebatte um die Aprilthesen vorgeworfen worden. Ich nehme weiter das unmittelbare Ergebnis der Machtergreifung der Bolschewiki im Oktober 1917, die Errichtung einer Alleinherrschaft der bolschewistischen Partei war. Es waren nur Bolschewiken, die in der Regierung, im Rat der Volkskommissare einen Sitz hatten. Als diese Fragwürdigkeit binnen acht Tagen unter der Arbeiterschaft, soweit sie gewerkschaftlich organisiert war, und auch in Teilen der Bolschewiki, die selbst dem ZK angehörten, die selbst Volkskommissare waren, zu denken gab, weil sie sagten: Wenn wir nur eine bolschewistische Regierung bleiben für den Umsturz in Russland, dann wird das zu Terror führen, zum Bürgerkrieg. Sie verlangten eine sozialistische Koalitionsregierung mit anderen Sozialisten, vor allem mit Menschewiken und Sozialrevolutionären. Das ist schlechterdings abgewiegelt worden von Lenin mit der Drohung, die Partei zu spalten. Und die Fühlsamkeit für die Einheit der Bolschewiki war bei den Kritikern wie Kamenjew und Sonowjew und Genossen doch so groß, dass sie es auf eine Spaltung nicht ankommen lassen wollten. Aber das Ergebnis dieser Entwicklung, die von dort ausging, ist ein Ein-Partei-System. Das kann nicht anders als undemokratisch sein.

Prof. Peter Brandt:

Es ist fast beunruhigend, wie wir uns fast alle einig sind. Das muss aber nicht schlecht sein. Man könnte es vielleicht so formulieren: Man kann eben aus der Oktoberrevolution auch lernen, wo man aufpassen muss. Es gibt in diesem Text von Rosa Luxemburg, der teilweise verlesen wurde, einen ganz zentralen Passus, in dem sie sagt: Das Grundproblem der bolschewistischen Genossen ist, dass sie aus der Not eine Tugend gemacht haben. Sie haben besondere Umstände, die sie gezwungen waren - in der Interpretation von Rosa Luxemburg – zu tun, im Nachhinein nicht nur zur allgemeinen Richtlinie gemacht, sondern idealisiert. Ich betone noch einmal diese Verherrlichung des Bürgerkrieges. Da muss man gar nicht nach Russland gehen. Man sehe sich mal die Texte der KPD in dieser Zeit an. Man könnte sagen, eine Lehren wäre doch immerhin, dass es nicht allein entscheidend ist, ob man die Staatsmacht erobert und behält. Das ist natürlich ein wichtiges Faktum. Es ist ja albern zu behaupten, Leute, die Politik machen, wollen nicht die Staatsmacht. Es ist auch wichtig, was gesagt wurde, dass die provisorische Regierung in ihrer jeweils sich ändernden Zusammensetzung, insbesondere die Menschewiki und Sozialrevolutionäre, nicht imstande waren, die zentralen Aufgaben der Revolution, wie sie alle linken Parteien im Grundsatz als Fragen gemeinsam definiert hatten, zu lösen. Trotzdem: Wenn man sagt, es gab eine gewisse Logik, die zum Oktober 1917 geführt hat – ein Staatsstreich ist es ja nur soweit, wie man es isoliert betrachtet, denn es wurde ja in der Öffentlichkeit vorbereitet usw. –, dann ist das auch ein bestimmtes Verständnis von Revolution, das sich auch übertragen hat auf die Kommunistische Internationale. Die gesamte militärische Terminologie, wie Generalstab usw., die Vorstellung, dass man das irgendwo planen könnte und wenn es nicht klappt, dann sind da irgendwelche Bösewichter, die die falsche Linie in der Partei verfolgt haben. Auch da noch einmal die Frage, die wir hier nicht lösen können und nicht lösen müssen: Wenn man akzeptiert, dass die Machtergreifung im Oktober/November 1917 eine gewisse Logik für sich hatte und auch unvermeidbar war, weil die Macht auf der Straße lag und nur die Frage stand, wer sie aufgreift. Dann steht ja immer noch die Frage, ob das alles jetzt zwingend war. Konnte man nicht versuchen, was in der bolschewistischen Führung Leute befürwortet haben, auf „Parteien der revolutionären Demokratie“, wie man sie damals nannte, zuzugehen und mit ihnen zusammenzuarbeiten. Immerhin hat man das dann ja mit den linken Sozialrevolutionären gemacht. Aber das hätte doch vielleicht sehr viel breiter sein können.

Ich denke, die absolute Fixierung auf die Eroberung der Staatsmacht, ist ein Übel, was wir überwinden sollten.

Dr. Sonja Striegnitz:

Für Linke heute ist sehr wichtig, wenn sie gerade die  betrachten, dass die Revolution aus der Zeit heraus zu verstehen ist. Aus der Zeit heraus sind auch Haltungen, Handlungen, Entscheidungen zu verstehen, die sich auf der Ebene der zwischenparteilichen Beziehungen abspielten und die dort fixiert waren. Ich habe mich mit der Geschichte der Sozialrevolutionäre seit ihrer Entstehung etwas genauer beschäftigt. In diesem Zusammenhang habe ich die immensen polemischen Vorgänge seit der Jahrhundertwende zwischen Sozialdemokraten und Sozialrevolutionären versucht zu verinnerlichen. Wenn Sozialrevolutionäre im Jahre 1917 in der Konstituierenden Versammlung, wo sie Sieger waren mit 55 % der Abgeordneten, der Führer der Partei dieser Partei es vorzog über die Agrarfrage zu sprechen, als ob das Dekret über den Grund und Boden noch überhaupt nicht existierte, was einen Teil des sozialrevolutionären Programms enthielt, nicht daran anzuknüpfen, sondern seine eigene Position, die einer eigenen Wandlung unterlag, darzulegen vor seinen eigenen Leuten und nicht die historische Praxis zu berücksichtigen, so war das auch Ausdruck für dieses Verhalten von Parteien. So war das auch Ausdruck für die Unduldsamkeit. Sie lag nicht nur auf Seiten der Bolschewiki. Die Inkonsequenz, die Konsensunfähigkeit war historisch gewachsen in den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Es gab Zeiten, wo es gewisse Annäherungen gab von Teilen – z. B. in der Kriegsfrage. Tschernow, der Führer der Sozialrevolutionäre hat auch an Zimmerwald teilgenommen, aber nicht das Dokument unterschrieben. Solche Punkte gab es. Letzten Ende war aber das Überlagernde und in der historischen Konsequenz auch Überdauernde der Gegensatz und die Konsensunfähigkeit. Das ist aber nicht nur den Bolschewiki anzulasten. Auch in der Frage der Auflösung der Konstituierenden Versammlung. Da hat man sich sehr kurz geschlossen mit den linken Sozialrevolutionären, die weitaus radikaler die Auflösung anstrebten. Man vergisst heute auch, dass die Sozialrevolutionäre die Sieger wurden in den Wahlen, auch für den Fall, dass sie nicht Sieger werden, diese Versammlung auflösen wollten. So ein paar historische Fakten sind auch notwendig, um diese Konfrontation von Parteien und in diesem Zusammenhang das Entstehen von politischen Prinzipien des Handelns zu hinterfragen und zu verstehen. Für Linke ist sind zwei Seiten wichtig. Die Einordnung der Revolution in der Zeit und den Endpunkt mit dem Anfang zu verknüpfen und zu überschauen.

Robert Misik:

Wir kommen dem Schluss sicherlich nahe, dass das Faszinierende an der russischen Revolution das ist, was zum Teil auch ihr Problem ausgemacht hat. Die Idee des bewaffneten Aufstands, das Verwegene, das dahinter steckt in den Leninschen Telegrammen und Briefen, Tage vor dem Aufstand. Das ist fast schon symptomatisch. „Wir dürfen keinen Moment mehr zögern!“ Verwegenheit, Verwegenheit. Das hat natürlich eine große Faszination. Auch das Militärische und die Metaphern des Militärischen im Politischen haben natürlich eine extreme Faszinationskraft. Das ist ja auch über die Grenzen Russlands hinaus beschrieben worden. Davon sind aber nicht nur die Kommunisten und die kommunistische Weltbewegung angesteckt worden. Es waren in einem gewissen Sinne alle politischen Kräfte – und nicht nur die – davon angesteckt. Auch in Deutschland, in Frankreich, in Italien waren angesteckt. Ich erinnere an die Futuristen, bei denen das eine Rolle spielte, oder Ernst Jünger in Deutschland. Das betraf nicht nur Rechts- und Linksradikale, sondern auch die politische Mitte, die Literaten, die Politiker. Es war die Idee, dass das Militärische mit seiner Verwegenheit, seinem Ich-riskiere-Etwas, Ich-zögere-Nicht, Ich-bin-Kühn etwas Erstrebenswertes ist. Was es ja auch ist, denn das Verzagen und Feige-Sein sind keine Tugenden, denen nachzufolgen ist. Sie verstehen schon, welche Art von Faszination die, diese fast voluntaristische Kühnheit von Lenin, den bewaffneten Aufstand zu machen, dieser Pathos, der sich die Tage davor durch die Texte zieht. Sie sagten ja nicht, dass sie den bewaffneten Aufstand machen, weil es praktisch ist und nur so kann man regieren. Es wurde dem ja auch eine fast ästhetische Würde und Erhabenheit zugebilligt. Das ist schon die Faszination der russischen Revolution über Russland hinaus bis hinein in die europäische Linke und bis in die jüngste Zeit. Wer auch von den westlichen Linken auch nur in die Nähe einer K-Gruppe gekommen ist, weiß, wovon ich rede. Das reichte bis in die 70er und 80er Jahre hinein und hatte seine Wirkung, nämlich das Denken der Linken in militärischen Metaphern.

Insofern muss ich das auch ein bisschen korrigieren. Natürlich steht das Dekret über den Frieden am Anfang der Revolution und eine gewisse Opposition zu diesem konkreten Krieg, quasi als Gründungsmoment der kommunistischen Weltbewegung. Natürlich aber war die Linke nie gegen den Krieg. Die Spielarten der Bolschewiken waren für die Ausweitung des Krieges in einen revolutionären Angriffskrieg. Wir Linken waren auch immer für den spanischen Bürgerkrieg, waren dafür, dass man kämpft gegen die Faschisten, waren dafür, dass man kriegerisch kämpft in Kuba. Ich denke da auch an die Che-Guevara-Faszination. Das ist ja auch nicht schlecht. Wir waren auch dafür, dass im Zweiten Weltkrieg mit militärischen Mitteln die Nazi-Diktatur niedergerungen wird. Die Linke war nie eine pazifistische Kraft, auch wenn der Gründungsmoment der Bewegung eine Friedenssehnsucht war.

Was kann man daraus als eines für die heutige Zeit nehmen: Hören wir auf, Politik in den Gedankengängen des Militärischen zu denken. Das ist natürlich keine besonders originelle Position mehr, weil es kaum noch jemanden gibt, der das tut. Aber das ist das schwere Erbe der Oktoberrevolution bis heute. Die zweite offene Frage der Oktoberrevolution ist das Schmerzhafte. Die Faszination hat auch „Revolution als das große Abenteuer“ ausgemacht. Nicht einfach reformieren und etwas besser machen, sondern mit einem großen Sprung eine andere Welt schaffen.

Prof. Helmut Bock:

Ich übernehme die Rolle des Hinterfragenden, des advocatus diaboli. Wir sollen und wollen die damaligen Bewegungen historisch betrachten. Der Oktoberaufstand erfolgte nicht unter sozialistischen Losungen, sondern unter demokratischen Losungen. Und auch die drei Dekrete sind keine Dekrete einer sozialistischen Revolution, sondern sind Dekrete einer demokratischen Umwälzung. Das betrifft den Frieden, das betrifft die Enteignung der Großgrundbesitzer, worin aber ein Element der Sozialrevolution enthalten ist, das betrifft sogar die Gründung der Bolschewiken-Regierung, die sich als provisorisch vor dem Volk erklärte. Das Dekret über die Arbeiterkontrolle ist im Smolny der Dreiheit der großen Dekrete zugehörig. Das Versprechen im Aufstand war das Versprechen der Demokratie und noch nicht der sozialistischen Revolution. Es war der Sturz der provisorischen Regierung und die Errichtung einer Macht der Räte. Aber das wären die Räte der Bolschewiki, Menschewiki, Sozialrevolutionäre und noch anderer Vertreter der werktätigen Klassen, auch der Bauernräte im Begriff der Sowjet. Hier liegt ein Versprechen, das so nicht gehalten wurde.

Zweites Beispiel: Konstituierende Versammlungen, wochenlang, obwohl alle diese Dekrete mit dem Vorbehalt im Oktober 1917 gemacht wurden, bis zum Zusammentreten der konstituierenden Versammlung. Auch die amtierende Regierung. Auf die konstituierende Versammlung warteten die Russen seit März 1917. Und nun kam sie. Die Wahlen waren da. Die Bolschewiken bildeten nicht die Mehrheit, sondern nur 25 Prozent. Hatte eigentlich Lenin ungefähr erwartet, weil die große Masse der Bauern vor allem durch die größte Partei im Land vertreten wurde, nämlich durch die Sozialrevolutionäre. Aber wochenlang hat Lenin im Dezember schon agitiert in der Partei gegen den Parlamentarismus, gegen die konstituierende Versammlung. Und als am Vorabend des Zusammentritts der konstituierenden Versammlung in Petrograd bei Menschen, die nun endlich diese Versammlung Wirklichkeit werden sahen, auf die Straßen gingen – mehrere Zehntausend in Petrograd -, da wurden sie zusammengeschossen. Das haben wir natürlich in der SED oder in der Erinnerungspolitik der DDR, auch die Sowjets, nicht präsent gemacht. Aber das sind konkrete historische Indizien, die den demokratischen Sozialismus der Bolschewiki, soweit sie sich Lenin anschlossen, infrage stellten. Insofern habe ich doch auch eine Menge Kritik in Richtung der Bolschewiken, auch was die konstituierende Versammlung betrifft.

Prof. Anni Seidel:

Herr Bock, Sie machen mir es leicht, die letzte Runde einzuleiten. Ich habe an Sie alle eine abschließende Frage. Was möchten Sie aus ihren Kenntnissen, aus ihrem Erfahrungsschatz vor allem der Partei DIE LINKE mitgeben zum weiterdenken aus dem Nachdenken über die russische Revolution.

Dr. Sonja Striegnitz:

Das ist wahrscheinlich die komplizierteste Frage. Ich gehe davon aus, ich bin unter Naturschutz. Viele von uns, die hier sitzen, auch. Wir sind außerinstitutionelle Wissenschaftler. Das heißt, das, was wir als Wissenschaftler betreiben, wird im seltensten Fall von einem größeren Publikum wahrgenommen. Ich würde sagen, es würde der LINKEN gut anstehen, auch künftig nicht auf den wissenschaftlichen Fundus zu verzichten, den es in ihr gibt. Sie sollte sich viele Dinge aneignen, die in der „grauen Literatur“ auf den Tisch gelegt werden, die auch die  betreffen. Das halte ich für wichtig.

Um den advocatus diaboli zu unterstützen, sage ich, ist es wichtig, Lenin neu zu lesen. Das war auch für mich in den Jahren seit der so genannten Wende wichtig. Ihn wieder lesen, Lenin überhaupt zu lesen. Ohne dass man ihn immer im Munde führt, muss man ihn gelesen haben. Man sollte ihn nicht selektiv lesen, nicht so, wie wir ihn leider in der Vergangenheit gelernt haben.

Robert Misik:

Ich denke, man kann der Linken – als Milieu und nicht nur als Partei -  relativ wenig raten aus dem Erfahrungsschatz der russischen Revolution. Klaus Lederer hat es schon in seiner Anmoderation gesagt, dass es da so etwas gibt wie ein Verlustgefühl. Dieses Verlustgefühl ist etwas mehr als die sentimentale Nostalgie gegenüber einer Revolution, an der man hing. Und nun ist man schon alt und möchte die Dinge nicht so einfach hinter sich lassen. Mit dem Verlust der Idee der Revolution selbst – so gut das ist, dass man sie verloren hat, weil Revolutionen auch etwas Riskantes sind – hat es auch etwas Schlechtes. Das die Idee verloren gegangenen ist, dass es auch etwas völlig anderes geben kann. Der Begriff „Revolution“ war ja die Chiffre für das Eingreifen der Subjekte in die Geschichte. Sie waren nicht nur Gebeutelte des Zeitenlaufs, nicht nur kleine Figuren, die vom Fortschritt mitgeschwemmt werden, zu dem sie wenig beitragen können. Sondern es gibt Situationen in der Geschichte, wo es zwei Möglichkeiten gibt und man entscheidet sich für A oder B und es obliegt dem Subjekt, den Unterschied zu machen. Das ist ja das Paradoxe der Revolutionen, die zu Unfreiheit geführt haben, dass sie auch gleichzeitig ein Ausweis der Freiheit des Subjekts sind. Revolutionen sind der Moment der totalen Freiheit. Weder A oder B stehen fest. Das ist die Würde der Revolution und auch etwas, was Menschen immer wieder motiviert hat. Das darf man nicht vergessen. Auch wenn es nur zu kleinen konkreten Veränderungen geführt hat im Sinne von Reform und Reformismus, stand dann oft dahinter das Ideal, das die Menschen, die sich dafür einsetzten, motiviert hat. Das war so etwas wie eine revolutionäre Idee.

Das ist auch das Erbe des westlichen Kommunismus. Der war mal größer und mal kleiner. Wenn man sich ansieht, wo er mal größer und mal kleiner war und dazu beitragen konnte zur Verbesserung seines Landes – beispielsweise Italien -, dort gibt es diese Dialektik noch und man kann sie nachvollziehen. Und selbst in der westeuropäischen Sozialdemokratie, die Revolution nicht wirklich machen wollte, aber sie manchmal noch in Sonntagsreden im Munde führte in den 20er Jahren, war das revolutionäre Ideal immer noch das, was die Menschen zu Reformen motiviert hat. Insofern sehen wir schon, dass wir mit dem Verlust der Idee der Revolution mehr verlieren als die Illusion, von der es gut ist, dass wir sie verloren haben. Wir haben etwas verloren, was die Menschen motiviert hat, sich für etwas einzusetzen.

Prof. Peter Brandt:

Ich will nicht wiederholen, was ich vorhin schon sagte. Aber ich möchte darauf hinweisen, dass Lenin in seinem Schweizer Exil relativ kurz vor der Februarrevolution tief gezweifelt hat, ob er den Umsturz in Russland erlebt. Was bedeutet das? Das war nun jemand, der sein ganzes Leben, von morgens bis abends eigentlich mit dieser Frage beschäftigte. Die Dinge können eine jähe Wendung nehmen. Darauf muss man vorbereitet sein. Ich will damit nicht sagen, dass wir uns auf einen Umschwung analog der Revolution vorbereiten sollen, sondern nur darauf hinweisen, dass auch Linke manchmal dem Fehler unterliegen, zu sagen, das sei alles ganz unrealistisch. Man muss da offen bleiben. Nicht zuletzt der Zusammenbruch der Sowjet-Ordnung, sofern man sie so nennen kann, bedeutet das Offen sein für jähe Wendungen. Das ist der eine Punkt.

Der zweite Punkt wäre, dass man doch auch die vermuteten Folgen kalkulieren muss. Ich behaupte, dass Lenin und seine engsten Mitstreiter – auch Trotzki – hätten anders agiert, wenn sie nicht überzeugt gewesen wären, dass Russland der erste Anstoß zur Weltrevolution ist. Das ist ein ganz zentraler Punkt. Es gibt Äußerungen von Lenin im März 1918 auf dem Höhepunkt der deutschen Frühjahrsoffensive, als es zeitweise möglich schien, dass Deutschland den Krieg gewinnt und das hätte für Russland die absolute Katastrophe bedeutet, wo er sagt: Wenn die deutsche Revolution uns nicht zu Hilfe kommt, sind wir verloren. Es gab etliche solcher Äußerungen. Da waren schon Hoffnungen, die Revolution wird entweder zerschlagen werden oder sie wird entarten, wenn sie sich nicht ausbreitet. Ich behauptet nun, dass die Art und Weise – ohne das ausführen zu können -, wie man das betrieben hat, hat mit dazu geführt, dass sie sich nicht ausbreitete. Aber ich denke, eine ganz wichtig Sache, die wir hier noch nicht erwähnten, die aber von Lothar Bisky vorhin angesprochen wurde, ist: Man kann nicht über die  reflektieren, ohne über den Stalinismus zu reden und über den Zusammenhang. Ich bin auch der Meinung, dass Lenin etwas anderes ist als Stalin, aber es ist auch nicht so, dass man simpel – wie ich es auch früher als ehemaliger Trotzkist gemacht habe – zuordnet: Lenin gut, Stalin böse. Ganz so einfach ist es nicht. Wenn man noch mal nach dem Bild der Lokomotive fragt, dann hat die Stalinsche Revolution von oben mehr bewirkt,  wenn man einfach danach guckt, wie ein Gesellschaft umgewälzt wird. Aber was raus kam, war weiß Gott nichts, was man als Linker als Gesellschaft wünschen sollte.

Prof. Helmut Bock:

Ich denke, dass die Häuptlinge des Kapitals überall dort, wo es revolutionäre Bewegungen geben wird oder gibt, mit dem Signum kommen, sie als Terroristen zu bezeichnen. Und angesichts dieser Tatsache und gestützt auf die Erfahrungen der proletarischen und auch sozialistischen Revolutionen würde ich sagen, als Sozialist müsste man das Recht auf Revolution immer vertreten. Ganz prinzipiell. Das schließt nicht aus, dass man die konkrete historische Analyse für ein Land oder für eine Region der Welt auch anstellen muss. Aber grundsätzlich besteht das grundsätzliche Recht auf Revolution. Deshalb kam ich mit Engels, der mir in dieser Beziehung sehr nahe steht.

Das Zweite ist, dass wir natürlich eine Antwort auf deine Frage nur geben können und wollen als demokratische Sozialisten. Da wiederhole ich mich mit dem vorhin nicht ausgeschöpften Hinweis darauf, dass auch kritische Erfahrungen ein Fundus sind und dass wir das Nichterreichen von Positionen des demokratischen Sozialismus oder überhaupt demokratische sozialistische Methoden und Denkweisen verletzt sehen in dieser konkreten Revolutionsbewegung. Das muss uns zu denken geben für eigenes heute und morgen. Da bietet die konkrete Revolution von 1917 ein ganzes Erbe, das wir erarbeiteten können. Nämlich bei den Alternativen gegenüber Lenin. Wir waren eingeschworen auf die Leninistische Strategie und Politik durch den ideologischen Apparat, durch unsere eigene Ideologisierung. Aber es gibt in der Partei der Bolschewiki gemäßigte Bolschewiken, die den demokratischen Sozialismus praktizieren wollten. Es gibt bei den Menschewiken Köpfe, die demokratischen Sozialismus vertraten wie Plechanow. Es ist vielleicht auch die Frage für die Sozialrevolutionäre zu stellen, ob da nicht Persönlichkeiten denk- und strategiefähig waren. Da nenne ich einen großen Namen: Maxim Gorki, der kein Gegner der Bolschewiken war, kein Gegner der Revolution, aber auf Schritt und Tritt die konkrete Politik der Bolschewiken unter der zunehmenden Führung Lenins kritisierte, und zwar von einem humanistischen Standpunkt. Humanismus dürften wir vielleicht in unseren heutigen und morgigen Entscheidungen für Revolution oder gegen Revolution nicht vergessen. Der Bürgerkrieg hat im russischen Volk, das schon im ersten Weltkrieg am meisten blutete, nach Meinung aller Historiker rund 10 Millionen Tote gekostet. Dazu noch 5 Millionen Verhungerter, weil das Land derart zerrüttet war und der Kriegskommunismus nicht zur Ernährung beitragen konnte. Das war eine verheerende Katastrophe, so nicht vorauszusehen. Aber soweit voraussehen sollten wir in zukünftigen Entscheidungen auch als Humanisten. Wir sollten analysieren und prüfen, wann mit welchen Zielen unter welchen Umständen Revolution möglich ist.

Darauf hat eigentlich Drabkin in der Diskussion im ND am vergangenen Wochenende hingewiesen. Er gab nämlich auf die Frage, ob er das Bild der Lokomotive auf die Oktoberrevolution anwenden würde, keine klare Antwort. Er sagte: „Es gibt auch Reformen von umwälzendem Charakter, umwälzend, und nicht diese kleine demagogische Reformmacherei, wie sie uns hier tagtäglich in Deutschland und anderswo vorgemacht wird.“

Prof. Anni Seidel:

Ich danke unseren Gästen ganz herzlich. Wir haben jetzt genügend Stoff zum Nachdenken.

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