DIE LINKE. Berlin


9. Mai 2015Matinee zum 70. Jahrestag der Befreiung

»Befreiung – was sonst?«

»Befreiung – was sonst?« Diese Frage nach dem Charakter des 8. Mai stellt sich uns heute nicht mehr. In Westdeutschland zumindest war das sehr lange umstritten. Jetzt hat sich der Tag der Befreiung zum 70. Mal gejährt, und der Parteivorstand sowie die Landesverbände Berlin und Brandenburg haben zu einer Matinee ins Kino International eingeladen.

»Der ganz gewöhnliche Faschismus« – ein Ausschnitt aus dem berühmten Dokumentarfilm des sowjetischen Filmemachers Michail Romm aus dem Jahr 1965 markierte den Auftakt der Matinee. Musikalisch begleitet wurde die Veranstaltung von der Sogenannten Anarchistischen Musikwirtschaft, die mitreißend sowjetische, russische, französische, britische und amerikanische Lieder spielte.

Im Rahmen der Matinee würdigten wir Genossinnen und Genossen, die noch selbst im Widerstand gegen den Faschismus aktiv waren:

Anneliese Englert

1923 wurde Annelies Englert in Wallroda  bei Radeberg geboren. Ihre Eltern, beide im Ort bekannte Kommunisten, wurden schon kurz nach der Machtergreifung 1933 verfolgt. Dem Vater gelang die Flucht nach Tschechien. Zusammen mit der Mutter wurde die 9-jährige Annelies verhaftet. Nach Freilassung der beiden gelang die Flucht ebenfalls nach Tschechien. 6 Jahre lebte man in Sicherheit, bis 1939 die neuerliche Verhaftung im nunmehr besetzten Tschechien erfolgte. Annelies war da15 Jahre alt. Ihr Vater kam nach Zuchthaus und KZ in das Strafgefangenlager ins norwegische Tromsö. Im März 1944 wurde er dort erschossen. Annelies und ihre Mutter überlebten den Terror dank der Hilfe und Solidarität tschechischer Genossen. Nach der Befreiung kamen sie1945 nach Deutschland zurück. Annelies beteiligte sich am Wiederaufbau. Seit 1951 in Ludwigsfelde lebend gehört sie bis zum heutigen Tage der Partei DIE LINKE in ihrem Kreisverband Teltow-Fläming an.

Werner Knapp

Werner Knapp wurde am 24. September 1921 in Berlin geboren. Sein Vater gehörte seit 1919 der KPD an. Seine Mutter stammte aus einer Pastorenfamilie. Kindheit und Jugend von Werner Knapp waren durch dieses Elternhaus geprägt. Während des Nationalsozialismus musste sein Vater in die Illegalität gehen. Seine Mutter schrieb Flugblätter für Widerstandsgruppen der KPD. 1935 emigrierte die Familie auf Drängen der KPD nach Prag. Hier besuchte Werner Knapp die Realschule. Er war Mitbegründer der FDJ am 8. Mai 1938 in Prag. Kurz vor der Besetzung Prags durch die Deutsche Wehrmacht musste er nach Paris gehen und begann dort eine Lehre als Maschinenschlosser.
Hier wurde er am 26. Oktober 1939 zur Tschechoslowakischen Auslandsarmee im Süden Frankreichs einberufen und kam im Juni 1940 an die Front an der Marne. Er kämpfte bis zum 8. Mai 1945 in dieser Armee.

Kurt Gutmann

Kurt Gutmann wurde am 18. Februar 1927 in Krefeld geboren. Während der Kindheit litt er unter dem täglichen antisemitischen Terror der Nationalsozialisten. Kurt Gutmann konnte mit dem allerletzten Kindertransport im Juni 1939 nach Schottland entkommen. Er erlebte die Zeit als Kind in Deutschland mit Angst und Schrecken. Die Nazis stahlen ihm das Lachen und die Fröhlichkeit. Kurt Gutmann fand durch seine späteren Nachforschungen heraus, dass Mutter und Bruder höchst wahrscheinlich im Konzentrationslager Sobibor ermordet wurden. Als Kurt Gutmann alt genug war, meldete er sich zur Arbeit in der Kriegsindustrie im schottischen Glasgow. Dort kam er mit deutschen Antifaschisten zusammen und nahm an der Arbeit der dort bestehenden Gruppe der Freien Deutschen Jugend in Großbritannien teil. Den 8. Mai erlebte er in einem Ausbildungslager der britischen Armee, zu der er sich freiwillig gemeldet hatte. Für ihn war es selbstverständlich geworden, nach der Entlassung aus der Britischen Armee sofort nach Deutschland zurück zu kehren. Denn er sagt: „Ich hielt es für meine Pflicht am Aufbau eines antifaschistischen und demokratischen Deutschland teilzunehmen.“

Erhard Stenzel

Der heute 90-jährige Erhard Stenzel musste mit 8 Jahren mitansehen, wie sein Vater 1933 von SA-Schlägertrupps im sächsischen Freiberg verhaftet wurde. 1944 wurde sein Vater, ein überzeugter Kommunist im KZ Buchenwald ermordet. Schon früh erfuhr Erhard, wie verbrecherisch das faschistische Regime in Deutschland herrschte.
Er selbst wurde 1942 als 17-jähriger zur Wehrmacht eingezogen. In Nordfrankreich nahm er Kontakt zur französischen  Resistance auf. Am 3. Januar 1944, nachdem er überlaufen konnte, wurde er offiziell in die Resistance und die französische KP aufgenommen. Fortan kämpfte er aktiv gegen die SS und Gestapo in Frankreich. Als Widerstandskämpfer in Frankreich hoch geehrt, musste er knapp 60 Jahre warten, bis sein Todesurteil als Wehrmachtsdeserteur in Deutschland als Unrecht anerkannt wurde und er rehabilitiert wurde.
Unermüdlich steht er als Zeitzeuge vor Schulkassen Rede und Antwort. Bis 2014 war er als Stadtverordneter der LINKEN in Falkensee politisch aktiv. Sein Kreisverband Havelland ernannte ihn zum Ehrenvorsitzenden.

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Szenische Lesung

Junge Genossinnen und Genossen der Linken in Berlin und Brandenburg näherten sich literarisch dem Grauen und dem Alltag des Faschismus und des Kriegs in Deutschland. In einer szenischen Lesung lasen sie Ausschnitte aus Peter Weiss: »Ästhetik des Widerstands«, Marianne Brentzel: »Nesthäkchen kommt ins KZ. Eine Annäherung an Else Ury 1877-1943«, Erica Fischer: »Aimée und Jaguar. Eine Liebesgeschichte, Berlin 1943« und Stefan Doernberg: »Moskau-Seelow-Berlin. Heimkehr eines Deutschen nach Deutschland 1945«.

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Der Kampf ums Heute und Morgen

Zu einer abschließenden Diskussion bat Klaus Lederer Bianca Klose von den Mobilen Beratungsteams gegen Rechtsextremismus (mbr), Hans Coppi von der Berliner VVN-BDA und Christoph Kopke vom Moses Mendelsohn-Zentrum der Universität Potsdam aufs Podium. Jetzt ging es auch um den täglich notwendigen und sich ausweitenden Kampf gegen Rechtsextremismus, Rechtspopulismus, Neonazis: auf der Straße, in den Medien, in Kunst und Kultur. Das Gift von Rechtspopulismus, Antisemitismus, antimuslimischen Rassismus zieht sich nicht nur bis in die Mitte der Gesellschaft. Es hat längst auch Einfluss auf die veröffentlichte Meinung und mit Formationen wie der AfD auch politische Wirksamkeit bis in die Parlamente gewonnen. Querfront-Strategien wie die des Rechtspopulisten und einstmals Linken Jürgen Elsässer oder Teilen der Montagsmahnwachenbewegung versuchen, die Trennschärfe zwischen Antifaschismus und Rassismus aufzulösen in einem vermeintlich gemeinsamen Kampf um Frieden, gegen EU und USA. Die politischen Parameter werden und müssen neu sortiert werden. Das gemeinsam zu organisieren und politisch mehrheitsfähig zu machen, ist eine hoch aktuelle Aufgabe der gesellschaftlichen Linken genauso wie der Partei DIE LINKE. 

Matinee zum 70. Jahrestag der BefreiungMatinee zum 70. Jahrestag der BefreiungMatinee zum 70. Jahrestag der BefreiungMatinee zum 70. Jahrestag der BefreiungMatinee zum 70. Jahrestag der BefreiungMatinee zum 70. Jahrestag der Befreiung
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Durch das Programm führte Janine Hamilton, Pressesprecherin der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Unser Dank für diese tolle Veranstaltung gilt allen Genossinnen und Genossen, die vor und hinter den Kulissen organisiert, gelesen, geschrieben, gesprochen, fotografiert und anders mitgeholfen haben. Die Matinee ist gefilmt worden. Ausschnitte werden hier in Kürze auch zu sehen sein.

Fotos: Antje Kind

Quelle: http://www.die-linke-berlin.de/politik/positionen/geschichte/befreiung_was_sonst/