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23. Juni 2014Podiumsdiskussion im Haus der Demokratie

Der vergessene Arbeiterwiderstand gegen den deutschen Faschismus

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Am 22. Juni 1944 trafen die Kommunisten Anton Saefkow und Franz Jacob mit den Sozialdemokraten Julius Leber und Adolf Reichwein in der Wohnung des Arztes Rudolf Schmid zusammen. Nach mehr als 10 Jahren Funkstille zwischen beiden Flügeln der Arbeiterbewegung war es das Ziel des Treffens, die Möglichkeiten eines gemeinsamen Neuanfangs in Deutschland nach einem durch das Attentat auf Adolf Hitler ermöglichten, erfolgreichen Staatsstreich auszuloten. Zum siebzigsten Jubiläum dieser Zusammenkunft veranstalteten die Berliner VVN-BdA, die Initiative zur Erinnerung an den Arbeiterwiderstand und die Stiftung Haus der Demokratie und Menschenrechte eine Podiumsdiskussion zur historischen und gegenwärtigen Betrachtung dieses Ereignisses, an der auch ich teilnehmen durfte.

Im Podium stimmten wir darin überein, dass die historische Bedeutung des Treffens zwar kaum zu unterschätzen ist, jedoch in der heutigen Betrachtung des antifaschistischen Widerstands viel zu wenig gewürdigt wird. Dr. Stefan Heinz von der Forschungsstelle Nationale und Internationale Gewerkschaftspolitik der Freien Universität Berlin betonte, dass die Widerstandsbewegungen in den späten 1930er und frühen 1940er Jahren immer heterogener wurden, was die Zusammenkunft von Kommunisten und Sozialdemokraten 1944 umso besonderer gemacht hat. Der Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Prof. Dr. Johannes Tuchel, ergänzte, dass die politische Situation nach einem erfolgreichen Staatsstreich völlig offen gewesen wäre. Insofern war es vor allem die Konzentration auf die Zeit nach dem Ende der Nazi-Diktatur, die ein einzigartiges Merkmal der Sondierungen darstellt. Daran anknüpfend wies ich auf die beiderseitigen politischen Traumata der vorhergegangenen Jahre hin, für deren Überwindung dieses Treffen einen noch nie dagewesenen Anfangspunkt symbolisierte.

Was aber bedeutet das für die heutigen Herausforderungen in der Bildungs- und Gedenkarbeit? Stefan Heinz betonte zunächst, dass das wissenschaftliche Interesse am deutschen Arbeiterwiderstand zwar durchaus wächst, aber immer noch ein akademisches Schattendasein fristet. Daniel Wucherpfennig vom DGB Berlin-Brandenburg erklärte, dass sich die gewerkschaftliche historische Bildungsarbeit im Bereich Widerstand vor allem auf die Biografien der Akteure konzentriert, um hierdurch die geschichtlichen Gegebenheiten konkret zu vermitteln. Johannes Tuchel wies des Weiteren darauf hin, dass die Ideen der Widerstandsgruppen für ein Nachkriegsdeutschland noch viel weiter erforscht und diskutiert werden müssten, sowie dass vor allem die unabhängigen Politikkonzepte dieser Zeit einen überaus spannender Anknüpfungspunkt für aktuelle Debatten darstellen.

Auf die Rolle von Regierungen und Parteien angesprochen gab ich zunächst zu bedenken, dass Erinnerungskultur immer genau so pluralistisch ist, wie die Gruppen, die sie betreiben. So können und müssen Parteien beispielsweise über Stiftungen ihre eigene Geschichte in diesen Zusammenhängen erforschen.

Grundsätzlich jedoch sollte bei Erinnerungsarbeit vor allem das bereits bestehende zivilgesellschaftliche Engagement unterstützt werden, denn nur so kann eine Erinnerungskultur entstehen, die nicht ‚von oben‘ angeordnet, sondern aus der Bevölkerung heraus gewachsen ist. Wenn uns das Treffen in der Köpenicker Straße vor 70 Jahren eines lehrt, dann dass auch unüberwindlich erscheinende Gräben kein Hindernis für gemeinsame Gespräche darstellen. Wenn auch die damaligen Gegebenheiten mit den heutigen glücklicherweise nicht vergleichbar sind, so sollten wir uns dennoch stets vergegenwärtigen, dass politische Veränderungen nie durch Abgrenzung voneinander, sondern stets durch solidarisches und gemeinschaftliches Handeln erreicht wurden.