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18. April 2001Vor 55 Jahren: gewollt und verfolgt

Geschichte lässt sich nicht aufrechnen

Die PDS-Vorsitzende Gabi Zimmer und die Landesvorsitzende der PDS-Berlin, Petra Pau, erklären zum 55. Jahrestag der Vereinigung von KPD und SPD:

In kaum einem zweiten Land ist das Verhältnis linker Strömungen und Parteien untereinander so belastet wie in Deutschland. Wunden, die man sich im 20. Jahrhundert schlug, hinterließen Narben und gegenseitiges Misstrauen.

Die gemeinsame Geschichte belastet die Gegenwart. Noch immer abrufbereit sind die Verantwortung von Gustav Noske für die Ermordung der KPD-Gründer Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, die Tausenden Kommunistinnen und Kommunisten, die in der Weimarer Republik unter sozialdemokratischen Regierungen als politische Gefangene in Haft geworfen wurden, der »Blut-Mai« des Jahres 1929. Ebenso präsent ist die verheerende Sozialfaschismusthese der damaligen KPD, die mit Zwang einhergehende Vereinigung von KPD und SPD sowie die Verfolgung von Sozialdemokraten durch die SED. Beispiele nur, die nicht verdrängt werden sollen und ohnehin verschiedenen Bewertungenunterliegen.

Auf dem Sonderparteitag im Dezember 1989 hatte sich die SED beim »Volk der DDR« dafür entschuldigt, »daß die ehemalige Führung der SED unser Land in (eine) existenzgefährdende Krise geführt hat«. Dazu stehen wir und wir meinen aus heutiger Sicht: Dies sollte die Vereinigung von KPD und SPD einschließen. Denn die Gründung und Formierung der SED wurde auch mit politischen Täuschungen, Zwängen und Repressionen vollzogen.

Wir erwarten übrigens von der Sozialdemokratie keine Abbitte für Handlungen, mit denen sie der deutschen Linken Schaden zugefügt hat. Geschichte lässt sich nicht gegenseitig aufrechnen, Ablassrituale machen sprachlos, sie haben nichts mit historischer Aufarbeitung zu tun.

Nach den Erfahrungen des Jahres 1933 und mit der folgenden nationalsozialistischen Barbarei war der Drang nach einer wieder vereinigten Arbeiterbewegung in Deutschland weit verbreitet, übrigens nicht nur in der Sowjetischen Besatzungszone. Die Gründung der SED war historisch erklärbar, sie war von vielen gewollt und vollzog sich regional sehr unterschiedlich.

Zugleich verweisen Historiker darauf: Skeptisch waren seinerzeit keineswegs nur »rechte«, argwöhnisch waren vor allem »linke« Sozialdemokraten, darunter viele ehemalige Anhänger der KPD. Sie hatten in den zwanziger Jahren erlebt, wie in der KPD demokratischer Meinungsstreit ausgeschaltet und die Partei einer stalin-treuen Linie unterworfen wurde. Nun befürchteten sie hinter der Vereinigung erneut eine Vereinheitlichung nach stalinistischen Prinzipien, so, wie sie auch in anderen osteuropäischen Staaten von statten ging.

Viele, die sich damals dem Zusammenschluss von KPD und SPD verweigerten, bezahlten das mit ihrer Freiheit, ihrer Gesundheit, nicht wenige mit dem Leben. Auf der 13. Tagung des Parteivorstands der SED 1948 drängte Wilhelm Pieck: »Wir haben ... sehr vieleKräfte in unserer Partei, die innerlich noch nicht von der Notwendigkeit der Vereinigung überzeugt waren ...« Fortan trat ein, was linke Einheitsgegner 1945/46 befürchtet hatten. Sozialdemokraten in der SED wurden gedemütigt und verfolgt, ebenso kritische Kommunisten, ehemalige Mitglieder von KPDO, SAP, die sogenannten Westemigranten, schließlich nicht wenige, die in der Nazi-Zeit in KZ und Zuchthäusern für ihre Ideen gelitten hatten.

All das gehört zur widersprüchlichen Geschichte. Die PDS hat sich ihren Anteil 1989/90 bewusst aufgebürdet, um einen Neuanfang zu wagen, einen besseren. Sie trägt an ihm, schwer. Zugleich halten wir es für schlicht ahistorisch, wenn konkurrierende Parteien uns die Vergangenheit und sich die Zukunft verordnen wollen. Zumal die zentrale Frage des 21. Jahrhunderts, die Verwirklichung von individueller Freiheit und sozialer Gerechtigkeit, noch immer einer Lösung harrt, und zwar weltweit.

Auch deshalb ist uns eine grundsätzliche Lehre wichtig. Die Linke ist plural und auch nur so in der Lage, eine offene Gesellschaft erfolgreich zu verändern. Das Unglück der Linken ist nicht, dass sie in verschiedenen Parteien agieren. Die Misere der Linken ist ihre Spracharmut miteinander.

18. April 2001