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5. September 2014Klaus Lederer

Schwuler, Literat, Kommunist:
In Hellersdorf wird jetzt Ronald M. Schernikaus gedacht

Erinnerung an Ronald M. SchernikauErinnerung an Ronald M. SchernikauErinnerung an Ronald M. SchernikauErinnerung an Ronald M. SchernikauErinnerung an Ronald M. SchernikauErinnerung an Ronald M. Schernikau

»Der Kapitalismus hatte nur eine Chance: So zu tun, als sei er keiner.
Er würde den Leuten mit dem Stundenlohn erzählen müssen, sie seien Herren ihrer selbst.
Das hat geklappt. Herzlichen Glückwunsch.«
Ronald M. Schernikau, Legende

Während Massen von Menschen dem Osten den Rücken kehrten, machte sich einer auf in die entgegengesetzte Richtung – von West nach Ost. Im September 1989 erhält Ronald M. Schernikau die Staatsbürgerschaft der Deutschen Demokratischen Republik und bezieht eine Neubauwohnung in der Cecilienstraße 241 in Berlin-Hellersdorf, damals benannt nach Albert Norden, einem früheren Politbüromitglied der SED. Fast 23 Jahre nach seinem Tod prangt nun dort am Eingang des Wohnhauses eine Tafel zu seiner Erinnerung. »Die Anmaßung der Welt vergessen und uns ihr zuwenden« heißt es darauf.

Zur feierlichen Enthüllung am heutigen sonnigen Freitagmorgen sind viele Freunde und Wegbegleiter Schernikaus erschienen. Seine Mutter, Ellen Schernikau, und sein Lebensgefährte und Nachlassverwalter Thomas Keck, der aus Schernikaus Hauptwerk »Legende« liest. Juliane Witt, LINKE-Kulturstadträtin in Marzahn-Hellersdorf, die durch die Veranstaltung führt, sagt: »Es ist ein gutes Signal, wenn wir jetzt mit einer Informationstafel an den Menschen, Künstler und selbstbewussten Homosexuellen erinnern.«

Tatsächlich findet mit der Enthüllung ein fünfjähriger Prozess einen wunderbaren Abschluss. Damals hatten Carsten Schatz und ich die Idee geboren, Schernikau an diesem Ort zu ehren. Natürlich gibt es dabei immer sehr persönliche Geschichten und Erlebnisse. Mit »Die Tage in L.« hat mich ein Buch Schernikaus in den 1990er Jahren sehr bewegt und geprägt, in dem ich viele meiner eigenen inneren Brüche und Konflikte aus dieser Zeit der Umbrüche gespiegelt fand. Den meisten Menschen ist Schernikau durch seine »Kleinstadtnovelle« bekannt. In diesem Buch aus dem Jahr 1980 beschrieb der damals erst 19-jährige Autor das Aufwachsen als schwuler, unangepasster Jugendlicher in einer spießigen westdeutschen Kleinstadt. Der Roman wurde sofort ein Bestseller und ist heute sogar Bestandteil des Deutschunterrichts an vielen Schulen. Im Jahr der Veröffentlichung zog Schernikau von Lehrte bei Hannover nach West-Berlin. Dort begann er ein Studium der Germanistik, Psychologie und Philosophie und wurde Mitglied der Sozialistischen Einheitspartei Westberlins (SEW). Nach zunächst erfolglosen Bewerbungen konnte er 1986 ein Studium am Institut für Literatur Johannes R. Becher in Leipzig beginnen. Als westdeutscher Staatsbürger war er damit eine absolute Ausnahme.

Seine Abschlussarbeit am Literaturinstitut war das Buch »Die Tage in L.«, das in der Bundesrepublik vom Konkret Verlag veröffentlicht wurde. Nach seiner Übersiedlung arbeitete er als Dramaturg für Hörfunk und Fernsehen beim Henschelverlag in Ost-Berlin. Am 20. Oktober 1991 starb Ronald M. Schernikau an den Folgen einer AIDS-Erkrankung. Nur wenige Tage zuvor hatte er sein Werk »Legende« fertiggestellt, welches posthum und nur durch die Unterstützung namhafter Autoren wie Peter Hacks, Elfriede Jelinek, Dietrich Kittner und Hermann L. Gremliza erschienen ist.

Jörg Sundermeier, dessen Verbrecher-Verlag sich des literarischen Erbes Schernikaus inzwischen mit großem Engagement angenommen hat, schrieb einst über Schernikaus Erstlingswerk: »Die ›Kleinstadtnovelle‹, [...] ist kein ›schwules‹ Buch, so wenig wie es ein ›antiprovinzielles‹ oder ›feministisches‹ Buch ist. Es beschreibt lediglich die Verhältnisse, wie sie sind. Und es zeigt, dass man sie ändern kann. Und ändern muss.«

Ich bin sehr dankbar für das heutige Ereignis. Für die Gestaltung und Realisierung der Gedenktafel zu Ehren Ronald M. Schernikaus gebührt dem Amt für Weiterbildung und Kultur, der Wohnungsbaugesellschaft Stadt und Land und vor allem Thomas Keck, ohne den dies alles nicht möglich gewesen wäre, großer Dank. Dass die Wohnungsbaugesellschaft Stadt und Land sich für Produktion, Kostenübernahme und Montierung sofort und sehr unkompliziert bereitgefunden hat, war für mich besonders erfreulich.