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11. September 2008Bericht über eine Bildungsveranstaltung in Pankow

"Prager Frühling"

Am 11. September 2008 fand in der Pankower Geschäftstelle der Linken eine Diskussionsveranstaltung zum Thema „Prager Frühling“ statt, jenem Versuch des Jahres 1968, den real existierenden Sozialismus in der Tschechoslowakei zu reformieren und ihm das zu geben, was unter dem Schlagwort „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ geführt wird.

Als am 21. August 1968 Truppen des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei einmarschierten und den Versuch des Aufbaus eines Sozialismus jenseits der wahren Lehre niederschlugen, rief dies eine Reihe unterschiedlicher Gefühle und Einschätzungen hervor. Für die einen war das Scheitern des Prager Frühlings der Beweis, dass die Reformierung des Realsozialismus nicht möglich ist, für andere wiederum ein Erfolg in der Niederschlagung der Konterrevolution, wieder andere waren persönlich enttäuscht und flüchteten sich in die Resignation. In der heutigen Forschung über die Ereignisse von 1968 fällt der Fokus in der Regel auf die Welt westlich des Eisernen Vorhangs. Ob Studierendenproteste in der Bundesrepublik und Westberlin, die Revolte französischer Jugendlicher gegen unerträgliche gesellschaftliche Zustände oder das Aufblühen der Bürgerrechtsbewegung in den USA, der Blick nach Osten stellt normalerweise nicht mehr als eine Fußnote dar.

Doch kaum ein anderer Themenkomplex eignet sich derzeit so stark für Geschichts-Politik. Die Auseinandersetzungen sind dabei vielfältig: Zerstörung bürgerlicher Werte durch die „68er“, Erfüllung eigener politischer Träume durch die Konstruktion einer angeblichen Kooperation von Studierenden und der idealisierten Arbeiterklasse oder auch die Konstruktion einer „33er- Generation“, die wiederum mit den „68ern“ gleichgesetzt werden kann. Die Geschehnisse im Osten werden in diesem Zusammenhang vorwiegend für den Aufbau antikommunistischer Stereotypen verwandt, welche wiederum mit dogmatischen Beißreflexen beantwortet werden.

Es stellten sich drei Gäste der Diskussion: Ein Zeitzeuge – Florian Havemann, Schriftsteller, Maler und Komponist, 1968 wegen eines Flugblatts inhaftiert, die Mitherausgeberin des Magazins "prager frühling" - Lena Kreck und ein Historiker – Stefan Bollinger, Autor des Buches „1968 – die unverstandene Weichenstellung“.

Die Aspekte des Prager Frühlings wurden aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet - der historischen, der persönlichen und vor allem des Perspektive des Zusammenhangs zwischen der reinen Geschichte und der politischen Gegenwart. Bewusst wurde auf ein kontroverses Podium verzichtet, einhellig wurden die Ereignisse in der CSSR vor der Niederschlagung durch Truppen des Warschauer Vertrages als positiv bewertet. Schlagworte wie „letzte Chance“, aber auch der Prager Frühling als historisches Leitbild für die Gegenwart prägten die vermittelten Inhalte. Ideen und Thesen, wie ein Verweis auf die Kulturgeschichte des Alkoholismus in Russland, welcher nach Ansicht Florian Havemanns maßgeblich zur Entscheidung der sowjetischen Führung zur Niederschlagung des Prager Frühlings geführt habe, oder der Anstoß einer Debatte über die Bedeutung eines kulturellen Aufbruchs für einen politisch-gesellschaftlichen Wandel gaben Anlass zu Diskussion und Reflexion.

Leider fanden trotz eines prominent und kompetent besetzten Podiums, trotz monatelanger Vorbereitung und aufwendiger Bewerbung nur wenige Besucherinnen und Besucher den Weg in die Kopenhagener Straße. Die wenigen Anwesenden waren jedoch sehr am Thema interessiert und haben für eine produktive Diskussion auf hohem Niveau gesorgt. Bei allen Vorteilen eines eher „familiären“ Zusammenseins im kleinen Kreis ist eine größere Beteiligung, vor allem der Basis, für die Zukunft wünschenswert und für die politische Bildung der Partei und die Befähigung zur Teilnahme an programmatischen Diskussionen unerlässlich.

Jörn Wegner, Mitglied der AG Politische Bildung Pankow