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18. April 2004Senator Harald Wolf

So wollen wir leben: Frei und in gegenseitigem Respekt.

Aus der Rede des Bürgermeisters von Berlin, Harald Wolf, auf der Gedenkveranstaltung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin anlässlich des 61. Jahrestages des Aufstandes im Warschauer Ghetto und des Gedenktages Jom HaShoah am 18. April 2004

Wir gedenken heute des 61. Jahrestages des Aufstandes im Warschauer Ghetto. Wir gedenken des mutigen Aufstandes, der in der Nacht zum 19. April 1943 begann und erst nach zähem Kampf der schlecht bewaffneten Aufständischen von der SS blutig niedergeschlagen wurde. Die Juden in aller Welt begehen heute zugleich Jom HaShoah den Tag des Gedenkens an die Shoah, an die Vernichtung von sechs Millionen europäischer Juden.

Wir dürfen dieses unfassbare Verbrechen niemals vergessen. Aus der Vergangenheit erwächst uns Deutschen und ihrer Hauptstadt Berlin eine bleibende Verantwortung für die Zukunft. Verantwortung heißt, Antisemitismus in all seinen Spielarten nicht zu verharmlosen. Und es heißt, jeder Form von Vorurteilen – egal, aus welcher Ecke sie kommen entschlossen die Stirn zu bieten.

Berlin ist heute eine Stadt, die weltweit für ihre Liberalität, Weltoffenheit und Toleranz bekannt ist. Damit wollen wir nicht nur werben. So wollen wir leben: frei und in gegenseitigem Respekt. Aber Berlin ist eben auch die Stadt, in der die Vernichtung von sechs Millionen Juden geplant und organisiert wurde. Und es ist zugleich die Stadt, die einst der Mittelpunkt jüdischen Lebens in Europa war; deren kulturelle Vielfalt und liberaler Geist maßgeblich von seinem jüdischen Bürgertum mitgeprägt wurde.

Mit dem Holocaust hat Berlin seine jüdischen Wurzeln und einen Großteil seiner reichhaltigen Kultur verloren. Wir sind heute glücklich darüber, dass das jüdische Leben in Berlin zu einer neuen Blüte gefunden hat:

  • Die Jüdische Gemeinde zu Berlin wächst wieder
  • Jüdische Geschäfte und Restaurants sind entstanden; vor kurzem haben wir den Grundstein für ein neues Jüdisches Familien- und Bildungszentrum gelegt
  • das Jüdische Museum zieht Menschen aus aller Welt an
  • die Synagoge an der Oranienburger Straße ist zu einem Mittelpunkt lebendigen Großstadtlebens geworden.

Heute trägt das jüdische Leben in Berlin wieder zum besonderen Flair unserer Stadt bei. Wir haben aber zugleich dafür Sorge zu tragen, dass das auch in Zukunft so bleibt. Das ist unsere dauerhafte Verpflichtung.

Heute, an diesem Tag des Gedenkens, ist Gelegenheit, um sich gegenseitig zu versichern, dass wir niemals vergessen werden. Wir sind stolz auf das wieder erblühte jüdische Leben in Berlin. Aber es bleibt zugleich auch unsere Pflicht, alle Formen des Antisemitismus und Rassismus zu bekämpfen und alles zu tun, damit sich die jüdischen Bürgerinnen und Bürger Berlins in der Stadt heimisch und sicher fühlen können. Das ist eine Verpflichtung Ihnen, den Juden gegenüber, und das ist eine Verpflichtung unserer ganzen Gesellschaft gegenüber, deren Grundfeste auf gegenseitiger Anerkennung, auf Mitmenschlichkeit und auf Respekt vor der Würde des Einzelnen beruhen. Heute und in Zukunft.