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8. Mai 2014Klaus Lederer

Freiheit, Toleranz, Frieden und Solidarität

Rede am Ehrenmal der Sowjetarmee im Treptower Park

[ Manuskript – es gilt das gesprochene Wort. ]

 

Meine Damen und Herren,
sehr geehrte Vertreter der diplomatischen Vertretungen,
geschätzte Kameradinnen und Kameraden der VVN-BdA,
liebe Freundinnen und Freunde,

wir begehen heute den 69. Jahrestag der Befreiung Europas von der Nazibarbarei, der Befreiung vom unglaublichen Terror und Leid, vom Naziregime mit der Entfesselung des 2. Weltkrieges über Millionen von Menschen gebracht. Der deutsche Faschismus war mit seinen Verbrechen – der politischen Verfolgung und Ermordung der Widerständigen, der planmäßigen und organisierten Vernichtung der europäischen Juden, des mörderischsten Krieges seit je – einzigartig. Ebenso einzigartig waren die Opfer, die für die Befreiung Europas vom Naziregime gebracht worden sind. Zwischen 50 und 80 Millionen Tote hinterließ dieser Weltenbrand. Niemals zuvor und niemals danach hat ein einzelnes Land so viel Leid über Europa und letztendlich die ganze Welt gebracht wie Nazideutschland, das selbst ernannte Dritte Reich.

Deutschland – das heißt: im Kriegstaumel ihrem Führer folgend Millionen Deutsche – überfiel seine Nachbarstaaten und besetze sie. Die faschistischen Horden entfesselten einen kaum zu beschreibenden Terror gegenüber der Zivilbevölkerung. Vertreibung, Versklavung, Verschleppung waren Alltag – Männer, Frauen und Kinder wurden in die Zwangsarbeit gepresst oder ermordet.

Gerade gegenüber der Sowjetunion ging es für Hitler von Anfang an nicht nur um Eroberung, sondern um einen Vernichtungsfeldzug. Das war nicht etwa ein Krieg, in dem besonders viele Kriegsverbrechen begangen wurden. Dieser Krieg war ein einziges ungeheures Verbrechen der Deutschen. Die Völker der Sowjetunion und die Angehörigen der Roten Armee trugen mit geschätzt 27 Millionen getöteten Soldatinnen und Soldaten, Partisaninnen und Partisanen, Zivilistinnen und Zivilistinnen den mit Abstand größten Blutzoll der Anti-Hitler-Koalition. Sie brachten ein unermessliches Opfer.

Ich blicke mit Respekt und Dankbarkeit auf die historische Leistung der Roten Armee. Sie hatte den entscheidenden Anteil an der Niederwerfung der Nazibarbarei. Sie hielt einer mörderischen Schlacht an Kriegsmaterial und Bataillonen stand. Sie hielt Leningrad, trotzte der Belagerung. Sie warf in einem zehrenden, jeder Humanität spottenden Krieg, der ihre vollständige Vernichtung zum Ziel hatte, die Horden von Wehrmacht, SS und die mordenden Polizeibataillone zurück. Sie brachte den Krieg zurück in die Stadt, in der er geplant wurde und seinen Ausgang nahm – in unsere Heimatstadt Berlin. Sie zwang die Nazidiktatur zur bedingungslosen Kapitulation.

Über 7.000 gefallene Soldatinnen und Soldaten der Sowjetarmee und ihrer Verbündeten, die ihr Leben im Kampf um die Eroberung Berlins ließen, sind allein hier am Sowjetischen Ehrenmal im Treptower Park bestattet. Mögen uns diese Toten für immer Mahnung sein.


Liebe Anwesende,

der Tag der Befreiung und des Sieges über den Hitlerfaschismus findet in diesem Jahr in einer bedrückenden Atmosphäre statt. Unsere Augen richten sich tagtäglich auf die beunruhigende Situation in der Ukraine. Mit Sorge beobachten wir, wie in Politik und Medien das Säbelrasseln zunimmt und antirussische Ressentiments wieder erweckt werden.

Gerade an einem Tag wie heute gilt es zu erinnern, in welch tiefer Schuld wir gegenüber den Menschen aller Völker der früheren Sowjetunion stehen. Es ist eine Schuld, die uns alles zu tun gebietet, um einen neuen Krieg zu verhindern. Cornelia Kerth und unser VVN-BdA-Veteran Heinrich Fink haben einen offenen Brief an Außenminister Steinmeier geschrieben. Sie fordern ihn auf, alles dafür zu tun, dass beide Seiten des Konfliktes die Waffen niederlegen und in direkte Friedensgespräche eintreten. Ich unterstütze diese Initiative aus tiefstem Herzen.

Eine Eskalation des Konfliktes in der Ukraine hätte unabsehbare Folgen für den gesamten europäischen Kontinent. Es ist bereits jetzt viel zu viel Blut vergossen worden. Die historische Erfahrung zeigt uns, wie schnell derartige Spannungen und Konflikte in Bürgerkriege und in kriegerische Auseinandersetzung zwischen Staaten umschlagen können. Ein solcher Krieg inmitten des europäischen Kontinents könnte sich zu einem – für meine Generation – unvorstellbar grauenhaften Desaster entwickeln.

Zu oft erinnern mich die Adressen, Memoranden und Äußerungen der vergangenen Wochen an die Rhetorik des Kalten Krieges. Der Westen stilisiert sich als das Gute, drängt Russland in die Rolle des Bösen. Dabei wissen wir doch, dass es um ökonomische und militärische Interessen geht, die die NATO und der Westen seit Jahren ohne Rücksicht auf die Sicherheitsinteressen Russlands in Osteuropa verfolgt haben. Das rechtfertigt nun umgekehrt keine Völkerrechtsverstöße Russlands.

Aber es ist doch ganz klar: dauerhafte Sicherheit und dauerhafte friedliche Koexistenz setzen ein System friedlicher Konfliktlösung und Konfliktbewältigung unter Einschluss Russlands voraus. Es wird keine kollektive Sicherheit in Europa und der Welt gegen Russland geben, sondern nur gemeinsam mit Russland! Es ist bekannt: ich bin kein großer Freund der Politik von Wladimir Putin. Und ich bin auch nicht geneigt, jegliches Agieren der russischen Regierung im aktuellen Ukraine-Konflikt zu rechtfertigen.

Aber ich fordere, dass wir bei aller Kritik niemals die Verantwortung für das unsägliche Leid vergessen, das Nazideutschland über die Sowjetunion gebracht hat. Deshalb erfüllt es mich mit Fassungslosigkeit und Empörung, wenn die Bundesregierung jegliche Sensibilität vermissen lässt, welche Wirkung es auf Russland und die russischen Menschen, aber auch auf die russische Bevölkerung in der Ost-Ukraine hat, wenn der Außenminister der Bundesrepublik Deutschland mit Führern der Swoboda und des faschistischen dritten Sektor vor Kameras posiert. Diese Bewegung beruft sich offen auf den Nazikollaborateur und Massenmörder Stepan Bandera. Das ist unerträglich! Ich empfinde es als gleichermaßen unerträglich, wie einseitig, selbstgerecht und tendenziös über den Ukraine-Konflikt in Deutschland von Medien und herrschender Politik diskutiert und berichtet wird.

Diese Geschichtslosigkeit erschüttert mich. Welche Blüten das treibt, zeigt der neueste Auswuchs des Geschichtsrevisionismus seitens der Springerpresse, assistiert von der Funktionärin der Vertriebenenverbände Erika Steinbach und dem Berliner Justizsenator Thomas Heilmann. Das Sowjetische Ehrenmal im Tiergarten soll weg, so dieser Vorstoß.


Verehrte Anwesende,

im Zusammenhang mit dem Ukraine-Konflikt ein zentrales Ehrenmal der Sowjetarmee in der Stadt der Kapitulation der Nazis in Frage zustellen, ist nicht mehr nur einfach geschichtslos. Es ist unanständig, beschämend und Ausdruck tief sitzender russlandfeindlicher Ressentiments, die überkommene Gestaltung der Grabstätte von tausenden Sowjetsoldaten für das Anstacheln und Befeuern von nationalistischen Stimmungen zu missbrauchen. Stattdessen wäre alles zu unternehmen, um Verständigung und Verhandlungen zu befördern, damit die Waffen schweigen und es zu eine tragfähigen Übereinkunft für dauerhaften Frieden kommt. Das ist die Tagesaufgabe!

 
Meine Damen und Herren,

auch wenn der 8. Mai historisch der Tag der Befreiung, der 9. Mai der Tag des Sieges ist, erleben wir doch alltäglich, dass der Kampf gegen Faschismus, Rassismus, Nationalismus und Antisemitismus eine Daueraufgabe ist und bleibt. »Wehret den Anfängen!« mag eine viel bemühte Losung sein doch erscheint sie mir in Anbetracht des neuerlichen Erfolges rechter Bewegungen als wichtiger denn je. Der Terror der NSU, Aufmärsche der Nazis, Terror gegen alle, die nicht in das völkische Weltbild der braunen Brut passen, aber auch Rechtspopulismus und rassistische Ressentiments. Das sind Herausforderungen für uns Antifaschistinnen und Antifaschistinnen. Wir tun vieles, wir widersprechen, treten ihnen entgegen, blockieren.

Wir erleben gegenwärtig eine Erosion der kritischen Erinnerung. Filme wie »Unsere Mütter, unsere Väter« und geschichtsklitternde Dokumentationen verklären den Zweiten Weltkrieg beinahe zu einer ungewollten, vom Himmel gefallenen Tragödie – und die Deutschen zu Opfern. Doch dieser Krieg war von den Nazis gewollt. Und die meisten Deutschen waren eben keine Opfer. Sondern sie haben sich zumindest mitschuldig gemacht, wenn nicht Schlimmeres. Mit jedem weiteren Jahr, das verstreicht, wird die Erinnerung wichtiger. Mit jedem weiteren Versuch der Relativierung von Naziverbrechen wird ein Eintreten gegen Verklärung notwendiger.

 
Meine Damen und Herren,
verehrte Anwesende,

wenn es eine Lehre gibt, die die Nachkommen der Besiegten verinnerlicht haben sollten, dann die:

Wir dürfen nie wieder zulassen, dass der Faschismus auf deutschem Boden eine Chance hat.

Wir müssen dafür Sorge tragen, allen Menschen bewusst zu machen, was Krieg und Faschismus bedeuten. Wir müssen alles dafür tun, dass vor allem die nachwachsenden Generationen verstehen, dass es nichts an völkischer und Naziideologie gibt, was auch nur annähernd erstrebenswert ist.

Wir müssen für eine Gesellschaft werben und kämpfen, die exakt das Gegenteil von Faschismus lebt: Freiheit, Toleranz, Frieden und Solidarität.

Ich verneige mich vor den Kämpferinnen und Kämpfern gegen den Faschismus. Auch vor denjenigen, die allzu oft noch vergessen werden. Zum Beispiel der jüdische Widerstand in Osteuropa, die kämpfenden Partisaninnen Jugoslawiens, die tschechischen Flieger in der Royal Air Force, die Frauen in der Resistance, die polnischen Agenten in Nordafrika, die aus afrikanischen Ländern stammenden Soldaten der Freien Französischen Streitkräfte.

Vor allem aber verneige ich mich vor den Soldatinnen und Soldaten der Roten Armee.

Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg!