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26. August 2004Senator Dr. Thomas Flierl

»Zwangsarbeit in Berlin 1938-1945 und das Beispiel Flick«

Anlässlich der Eröffnung der Ausstellung »Zwangsarbeit in Berlin 1938-1945 und das Beispiel Flick« des Arbeitskreises der Berliner Regionalmuseen im Prenzlauer Berg Museum sagte Kultursenator Dr. Thomas Flierl am 16. September 2004 u.a. folgendes:

Das Thema Zwangsarbeit ist das noch am wenigsten bearbeitete Kapitel bei der Aufarbeitung der NS-Geschichte in Deutschland. NS-Zwangsarbeit und die Kontinuität der deutschen Wirtschaftseli-ten sind über Jahrzehnte verdrängt worden.

Die Gründung und die Arbeit der Bundesstiftung »Erinnerung, Verantwortung, Zukunft« ist ein großer Schritt in die richtige Richtung. Dennoch bleiben viele Vorgänge außerhalb des Auftrages dieser Stiftung.

Mit der Erinnerung, mit dem Innewerden und der reflektierten Aneignung dessen, was rund um die Zwangsarbeit in Deutschland bzw. im Machtbereich des Deutschen Reiches geschehen ist, stehen wir erst am Anfang. Auch hier in Berlin.

Im Sommer 1944 mussten mehr als 400.000 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter für die Berliner Wirtschaft – und nicht zuletzt für die Rüstungsindustrie – arbeiten. Mittlerweile haben die Recherchearbeiten einer Arbeitsgruppe, angesiedelt beim Innensenator und eingerichtet, um Anfragen von ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern zu beantworten, ergeben, dass es in Berlin mehr als 2.000 Lager gab.

Mit dem Gelände des ehemaligen Zwangsarbeiterlager in Schöneweide verfügt Berlin über einen authentischen Ort gefunden, der für eine aufklärende Geschichtsarbeit sich geradezu anbietet. Hier steht inmitten dichter bürgerlicher Wohnbebauung die einzige in Stein erbaute Barackenanlage, die nicht wegen der Dauerhaftigkeit und eines gewissen Komforts, sondern wegen einer möglichen Brandgefahr für die umliegenden Wohnungen und Betriebe so errichtet wurde.

In Umsetzung der Koalitionsvereinbarung von SPD und PDS wird hier ein Ort des Gedenkens und der Information entstehen, an dem auch die hier gezeigte Ausstellung einen dauerhaften Präsentationsort finden wird.

Wir werden im Herbst im Senat die politischen und rechtlichen Voraussetzungen dafür schaffen, damit wir im kommenden Jahr mit den Sanierungs- und Umbaumaßnahmen beginnen können.

Das ist in Zeiten des Sparens und der schrumpfenden Haushalte sicherlich kein leichtes Unterfangen. Doch zeigt es auch, welche Bedeutung der rot-rote Senat diesem Thema beimisst und was auf diesem Gebiet noch zu tun ist.

Diese Ausstellung steht im Zusammenhang mit der zur Eröffnung der Flick-Collection im Hamburger Bahnhof nächste Woche. Sie fügt der Darstellung der Zwangsarbeit in Berlin das Beispiel Flick in Berlin und Brandenburg hinzu.

Ich sehe darin keine Gegenausstellung, keine die Anti-Flick-Collection-Ausstellung, sondern eine notwendige Ergänzung.

Diese Ausstellung ist Teil einer breiten gesellschaftlichen Debatte, wie sie auch das Berliner Abgeordnetenhaus als notwendige Voraussetzung der Präsentation der Flick-Collection gefordert hat. Ich teile weder die Meinung jener, die in der Flick-Collection lediglich eine herausragende, nun öffentlich präsentierte Kunstsammlung sehen, noch bin ich mit jenen einer Meinung, die eine solche Ausstellung in Berlin grundsätzlich ablehnen. Meine Position ist: Ausstellung und Debatte gehören nach Berlin. Nicht weil, ganz Westdeutschland von der Entnazifizierung profitiert habe, könne man die Flick-Collection jetzt zeigen – wie ich mit meiner Position heute in taz missverstanden werde. Sondern: über die Präsentation wichtiger moderner und zeitgenössischer Kunst hinaus wird die Berliner Flick-Collection im vereinten Deutschland zum Medium einer Debatte wird, die verdrängte historische Defizite der alten Bundesrepublik hinsichtlich der Kontinuität deutscher Wirtschaftseliten und damit der Gründungsbedingungen Nachkriegsdeutschland aufruft.

Diese Debatte wird kompensatorisch und greift zu kurz, wenn sie sich einzig und allein auf die Person des Sammlers Flick konzentriert und sowohl ihn wie auch die von ihm gesammelten Kunstwerke in die Haftung für die Verbrechen seines Großvaters nimmt.

Eine Gesellschaft, die darauf verzichtet hat, die Nazi- und Kriegsverbrecher zu enteignen, handelt kompensatorisch, wenn sie dieses nun vielleicht als versäumt erkannte an einer Person nachvollziehen will.

Eine solche verkürzte Debatte blendet zudem zwei weitere Aspekte aus.

Erstens, die Tatsache, dass nicht nur der west-deutsche, sondern auch der ost-deutsche Teilstaat, die DDR, trotz markanterer Brüche, die der anderen gesellschaftspolitischen Entwicklungsrichtung geschuldete waren, nicht frei war von Problemen im Umgang mit dem Erbe der Nazi-Diktatur – zum Beispiel beim Umgang mit »arisiertem« jüdischen Eigentum, aus dem »Volkseigentum« wurde.

Und zweitens, blendet eine verkürzt und kompensatorisch geführte Debatte aus, dass das vereinte Deutschland im Jahre 15 nach dem Mauerfall dabei ist, sich von den historischen Voraussetzung der beiden deutschen Teilstaaten abzulösen – und dies vielleicht eine der letzten Gelegenheiten ist, ein historische und gesellschaftspolitische Debatte zu führen, die im Zuge des Einigungsprozesses 1990 nicht stattgefunden hat bzw. politisch nicht zugelassen wurde.

Eine grundsätzlicher geführte Debatte wird aufzeigen, dass viele große Vermögen in Deutschland – und anderswo – aus kriegswirtschaftlichen Quellen stammen.

Die aktuelle Debatte um die Art und Weise, die Nähe oder Ferne einer historischen Dokumentation der Zwangsarbeit in den Firmen Flicks aus Anlass der Präsentation der Flick-Collection im Hamburger Bahnhof darf nicht darüber hinweg täuschen, dass die große Ausstellung in Deutschland zur Kontinuität deutscher Wirtschaftseliten und Vermögen noch aussteht: eine Ausstellung, die nach meiner Auffassung von BDI/BDA und der Stiftung »Topographie des Terrors« zu veranstalten wäre.