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17. Februar 2012Wenke Christoph

Stadtentwicklungskonzept 2020

Zum Papier: Das Stadtentwicklungskonzept 2020. Statusbericht und perspektivische Handlungsansätze wurde 2004 auf Grundlage verschiedener, allgemeinerer Berlin-Studien und Berlin-Leitbilder von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung erarbeitet und sollte der Konkretisierung dieser Leitbilder in Bezug auf die Herausforderungen und strategischen Ansätze in der Stadtentwicklung dienen. Von 2004-2006 wurde über verschiedene Aspekte des Konzepts im Stadtforum der Senatsverwaltung diskutiert.

 
Ausgangssituation

Grundlage für die Entwicklung von Thesen und Handlungsvorschlägen für die Stadtentwicklung ist eine Analyse der Herausforderungen und Chancen der Berliner Stadtentwicklung:

Herausforderungen Chancen
Demographischer Wandel: Alterung, Migration Hauptstadtfunktion
Wirtschaft: Deindustrialisierung, Tertiärisierung, Wissensökonomie Tourismus
Globaler Städtewettbewerb: Zuwanderung, Attraktivität Berlins Wissenschaftslandschaft (stärkere Vernetzung mit Wirtschaft nötig)
Segregation: Suburbanisierung, soziale Ausdifferenzierung EU-Osterweiterung, europäische Verflechtungen
Flächennutzung: dynamischer Grundstücksmarkt Image und Kultursektor

 

Ziele und Handlungsfelder

Die Ziele der Stadtentwicklung werden auf dieser Grundlage so formuliert:

  1. Steigerung der Wirtschaftskraft und Wettbewerbsfähigkeit (Hauptstadt, Dienstleistungszentrum, Tourismus, neue Technologien, Kultur)
  2. Erhalt und Entwicklung einer soziale und funktional gemischten Stadt (Erhalt der sozialen Mischung, Orientierung von Wohnen/Infrastruktur an neue Anforderungen)
  3. Berlin als grüne und ökologische Stadt erhalten (Erhalt und Entwicklung von Freiräumen – Lebensqualität)
  4. Internationale Profilierung der Metropolregion (Handlungsfelder Osteuropa, Wissenschaft, Marketing)

Zentrale These des Konzepts ist die Konzentration der Stadtpolitik auf die Innenstadt, als dynamisches Entwicklungs-, soziales Problemgebiet und Imagefaktor für Berlin.

Die Außenbezirke seien demgegenüber einerseits der stabilisierende „ruhende Pol“ der Stadt, in dem Stadtpolitik sich aufs „Laufen lassen“ konzentrieren sollte. Andererseits sollen Adlershof, Buch und Flughafen BBI Impulse für die wirtschaftliche Entwicklung geben.

In Bezug auf Wohnen/soziale Stadt schlägt das Konzept den Rückzug aus der Wohnungsbauförderung und Deregulierung vor; das Segment preiswerter Wohnungen sei aus dem Bestand zu sichern. Der Erhalt der sozialen Mischung als Zielstellung soll vor allem über kooperative Angebote und bürgerschaftliches Engagement erfolgen (Programm Soziale Stadt).

 
Kritische Einschätzung

Insgesamt sind zwei zentrale Orientierungen des Konzepts sichtbar: Zum einen ein Fokus auf die Rolle und Handlungsoptionen Berlins im (globalen/europäischen/deutschen) Städtewettbewerb, auf die Attraktivität der Stadt für Unternehmensansiedlungen, Tourismus und Arbeitskräfte. Zum anderen ist sehr deutlich eine Absage an eine übergreifende Regulations- bzw. Steuerungsrolle erkennbar – bspw. in der Konzentration auf die Innenstadt, in Forderungen nach Deregulierung z.B. im Immobilienmarkt, sowie in der Orientierung auf Public-Private-Partnerships und bürgerschaftliches Engagement als Instrumente der Stadtpolitik.

Der Fokus der Studie liegt auf Stärken-Schwächen-Potenzial-Analysen und weniger auf Analyse von Ursachen-Wirkungsgefügen. Die daraus entwickelten Handlungsempfehlungen stellen daher gesellschaftliche und politische Entwicklungen auch kaum infrage, sondern nehmen sie als Gegebenheiten und Ausgangsbedingungen hin.

Die Bedürfnisse, Forderungen und Potenziale der Berliner Bevölkerung spielen im Gegensatz zu – vermuteten – globalen (Wirtschafts-)Interessen eine untergeordnete Rolle. Darüber hinaus zeigt sich deutlich die geringe Halbwertzeit von Prognosen zu Entwicklungen auf dem Wohnungs- und Immobilienmarkt...

 
Was können wir aus daraus lernen?

  • Wie können gesellschaftliche (Konflikt-)Verhältnisse in ein Leitbild einfließen?
    Unterschiedliche Lebenssituationen und Interessen und die Orientierung daran sollten offen gelegt werden und Grundlage einer kritischen Leitbilddebatte sein.
  • Wie werfen wir einen Blick über den Berliner Tellerrand ohne unkritisch in die Mainstream-Debatten zu globaler Wettbewerbsfähigkeit und der Ausrichtung der Stadtpolitik darauf zu geraten?