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20. Januar 2010Newsletter

Rot-Rot beschließt Berliner Schulreform

Der bildungspolitische Sprecher der Linksfraktion im Abgeordnetenhaus, Steffen Zillich und das Mitglied im Landesvorstand der Berliner LINKEN, Sebastian Schlüsselburg informieren:

Das Abgeordnetenhaus hat am 14.01.2010 mit den Stimmen der SPD und der LINKEN und bei Enthaltung von Bündnis90/Die Grünen die gesetzlichen Grundlagen für die Einführung der Integrierten Sekundarschule beschlossen. Neben den Gemeinschaftschulen, die Grund und Sekundarstufe umfassen, wird es künftig nach der Grundschule nur noch die »Integrierte Sekundarschule« und das Gymnasium geben.


Ziel der Schulreform: Mehr Chancengleichheit und bessere Leistungen

Die Integrierte Sekundarschule tritt an die Stelle der bisherigen Haupt-, Real- und Gesamtschule und bietet alle Schulabschlüsse bis zum Abitur an. Die Gliederung des Schulwesens wird deutlich reduziert. Kinder sollen künftig nicht mehr in bestimmte Schubladen gesteckt, sondern besser individuell gefördert werden. Mit der Schulreform entfällt die Aufteilung der Kinder nach Abschlussziel und damit nach Berufs- und Lebensperspektive, weil alle Schulen nach der Grundschule alle Abschlüsse bis hin zum Abitur anbieten. Die Reform der Schulstruktur ist eine wichtige Voraussetzung dafür, individuelles und längeres gemeinsames Lernen an den Schulen zu ermöglichen. Wir Lassen uns dabei von drei zentralen Zielen leiten:

  • Alle Kinder und Jugendliche sollen zu höchstmöglichen schulischen Erfolgen geführt werden. Wir wollen den Anteil derjenigen, die die Schule ohne Abschluss verlassen, deutlich verringern.
  • Innerhalb der nächsten zehn Jahre wollen wir die Zahl der Abiturientinnen und Abiturienten deutlich erhöhen.
  • Wir wollen den Bildungserfolg von der sozialen Herkunft eines Kindes spürbar entkoppeln

Mit der Schulstrukturreform treffen wir eine wichtige Entscheidung, um diese Ziele schrittweise zu erreichen.

 
Die neue »Integrierte Sekundarschule«:

Kern der Schulreform ist die Umgestaltung der Sekundarstufe-I. Mit der Einführung der neuen »Integrierten Sekundarschule« schaffen wir eine Schule, in der es keine Aufteilung in verschiedene Bildungsgänge gibt und an der alle Abschlüsse einschließlich des Abiturs erworben werden können. Sie ersetzt die gescheiterte Restschule Hauptschule und gibt den ehemaligen Real- und Gesamtschulen neue Möglichkeiten für bessere Pädagogik.

Die Sekundarschulen sind Ganztagsschulen und erhalten dafür eine entsprechende Ausstattung. Das Abitur kann dort sowohl in 12 als auch in 13 Jahren abgelegt werden, anders als am Gymnasium. Gleichzeitig gewährleisten die zentralen Abschlussprüfungen beim mittleren Schulabschluss (MSA) und beim Abitur die Gleichwertigkeit der Abschlüsse. Jede Sekundarschule verfügt dabei entweder über eine eigene Oberstufe oder über eine feste Kooperation mit einer anderen Oberstufe bzw. mit Oberstufenzentren. So ist der bruchlose Weg zum Abitur an jedem Standort gesichert.

Mit dem produktiven Lernen wird ein gutes Angebot aus den Hauptschulen übernommen und mit anderen Formen des »Praxis-Lernens« als Duales Lernen an den Integrierten Sekundarschulen verankert. Schüler haben damit auch mehr Möglichkeiten, um sich beruflich zu orientieren und sich gezielt auf das Berufsleben und eine Berufsausbildung vorzubereiten.

  • Sitzenbleiben:
    Das zwangsweise Wiederholen von Jahrgangsstufen wird es an den Integrierten Sekundarschulen nicht geben. Nur wenn die Eltern und das Kind z.B. aufgrund längerer Krankheit freiwillig eine Wiederholung wollen, ist das zulässig. Die dadurch eingesparten Mittel werden zur Ausstattungsverbesserung der Integrierten Sekundarschulen verwendet.
  • Leistungsdifferenzierung:
    In den Integrierten Sekundarschulen sollen vor allem Formen der Binnendifferenzierung statt der jetzt für die Gesamtschulen vorgeschriebenen äußeren Fachleistungsdifferenzierung, die indirekt das gegliederte Schulwesen widerspiegelt, zur Anwendung kommen. Im Gesetz ist festgeschrieben, dass keine Verpflichtung zur äußeren Fachleistungsdifferenzierung besteht. Durch gezielte Fortbildung und Unterstützung einer auf individuelles Lernen ausgerichteten Schulentwicklung müssen jetzt in der Praxis binnendifferenzierende Elemente realisiert und gestärkt werden.

 
Ausstattung der Integrierten Sekundarschule:

DIE LINKE hat sich von Anfang an für eine gute Ausstattung der Integrierten Sekundarschule stark gemacht. Gleichzeitig wollen wir, dass in den neuen Schulen integrative und offene Lernformen praktiziert werden. Wenn im Folgenden die Ausstattung mit Klassenfrequenzen angegeben wird, soll das nicht unterstellen, dass in den Integrierten Sekundarschulen Lernprozesse nur im klassenverbandsbezogenen Frontalunterricht stattfinden sollen. Die Ausstattungsmerkmale einer vierzügigen integrierten Sekundarschule sind die folgenden:

  • 25 Schüler/innen pro Klasse
  • 52 zusätzliche Lehrerstunden für den gebundenen, 16 für den offenen und 32 für den teilgebundenen Ganztagsbetrieb
  • 3,5 Sozialarbeiter/Erzieher-Stellen für den gebundenen, 1,5 für den offenen und 2,5 für den teilgebundenen Ganztagsbetrieb. Diese Stellen können entweder für Honorare für Leistungen der kooperierenden freien Träger oder für die Beschäftigung von Erzieher/innen und/oder Sozialarbeiter/innen verwendet werden.

Darüber hinaus gilt:

  • Schulen im 'sozialen Brennpunkt' (hoher Anteil von Schülern nichtdeutscher Herkunft und mit Lernmittelbefreiung) erhalten auf Betreiben der LINKEN eine zusätzliche Ausstattung.
  • Im Schuljahr 2010/11 wird ein Fortbildungsprogramm i.H.v. 3,3 Mio. Euro finanziert um die Lehrkräfte auf das Lehren und Lernen in heterogenen Gruppen vorzubereiten.
  • Für die Angebote des »Dualen Lernens« werden an den Integrierten Sekundarschulen für 2010/11 zunächst insgesamt 2,2 Mio. Euro veranschlagt.
  • Insgesamt betragen die jährlichen Mehrausgaben, wenn die Sekundarschulen voll ausgebaut sind, ca. 23 Mio. Euro.
  • Hinzu kommen über 300 Mio Euro im Rahmen der Konjunktur- und Schulsanierungsprogramme für die erforderlichen baulichen und Sanierungsmaßnahmen.

Der Senat hat von Beginn an geplant die Stundenzahl an den Integrierten Sekundarschulen gegenüber dem Gymnasium herunter zusetzen. Dies haben wir vor dem Hintergrund der Gleichwertigkeit beider Schularten, die ja auch dieselben Abschlüsse vergeben, kritisiert. Statt einer starren Unterrichtskürzung treten wir insgesamt für eine höhere Flexibilität der Schulen ein. Nach den öffentlichen Protesten um die angekündigte Reduzierung der naturwissenschaftlichen Unterrichtsstunden in den Jahrgangsstufen 9 und 10, hat der Senat diese nun wieder auf 5 Stunden pro Woche erhöht. Dafür wurden die Stunden für den Wahlpflichtbereich reduziert.

 
Übergang zwischen Grund- und Sekundarstufe:

Solange es eine, wenn auch reduzierte, Gliederung des Schulwesens gibt, stellt sich auch die Frage nach der Organisation des Übergangs zwischen den Grund- und weiterführenden Schulen. Im Gegensatz zu Hamburg hat Rot-Rot sich in Berlin dafür entschieden, das Recht der Eltern, zu entscheiden, an welcher Schule ihr Kind angemeldet werden soll, nicht einzuschränken. Eine Bildungsgangempfehlung wird es in der bisherigen Form nicht mehr geben. Auch gibt es keine abstrakte Zugangshürde zum Gymnasium wie etwa ein Numerus Clausus. Die Grundschulen erstellen künftig auf der Grundlage der bisher gezeigten Leistungen, besonderen Stärken, Interessen und Neigungen eine Förderprognose für die Kinder und beraten die Eltern. Die Förderprognose ist nicht mehr auf einen Abschluss gerichtet, sondern soll eine Aussage darüber treffen, an welcher Schule das Kind am besten gefördert werden kann.

Nur an Schulen, an denen die Nachfrage größer ist als die Anzahl der Plätze findet ein geregeltes Auswahlverfahren statt. 60% der Plätze kann die Schule nach eigenen Auswahlkriterien, die von der Schulaufsicht zu genehmigen sind, vergeben. 30% der Plätze werden im Losverfahren vergeben. Bis zu 10% der Plätze sind für sog. Härtefälle reserviert. Durch das Losverfahren wird ein Zugang zu begehrten Schulen gerade auch für jene weiter geöffnet, denen der Weg bisher versperrt blieb. Schülerinnen und Schüler, die an ihrer Wunschschule keinen Platz erhalten, haben dennoch die Möglichkeit, einen Schultyp ihrer Wahl zu besuchen.

Am Gymnasium gibt es weiterhin eine Probezeit. Wer am Ende der 7. Klasse die Versetzung in die 8. Klasse nicht schafft, wechselt in die 8. Jahrgangsstufe einer Sekundarschule. Danach kann das Gymnasium bis zum Ende der Pflichtschulzeit niemanden mehr zwangsweise vom Gymnasium verweisen.

 
»Pilotphase Gemeinschaftsschule« wird fortgesetzt und ausgeweitet:

Die »Pilotphase Gemeinschaftsschule« wird fortgesetzt und ausgeweitet. Alle Schulen haben auch im Rahmen der Strukturreform die Möglichkeit Gemeinschaftsschule zu werden. Dafür werden die nötigen finanziellen Mittel zur Verfügung gestellt. Weitere Anträge für neue Gemeinschaftsschulen liegen vor. Darunter z.B. eine durch den Protest der Eltern gegen erhebliche Widerstände in der Bezirkspolitik durchgesetzte Bewerbung aus Zehlendorf. Diese Entwicklung zeigt: Die Gemeinschaftsschule ist eine akzeptierte und stark nachgefragte Schule in der ganzen Stadt. Sie geht den direkten Weg zu einer Schule des gemeinsamen Lernens von der Einschulung bis zum Schulabschluss. An Gemeinschaftsschulen stellt sich die Frage des Übergangs nach der Grundschule nicht. Bis zur 8. Klasse können die Gemeinschaftsschulen selbstständig entscheiden, ob die Leistungen der Schüler traditionell mit Zensuren oder mit verbalen Berichten bewertet werden. Das Abitur kann auch dort ganz individuell in 12 oder 13 Jahren abgelegt werden und natürlich sind alle Gemeinschaftsschulen Ganztagsschulen mit der entsprechenden Ausstattung. Zudem werden alle Gemeinschaftsschulen wissenschaftlich begleitet und unterstützt.
Die Gemeinschaftsschulen zeigen, wohin die Entwicklung noch gehen muss. Die Gemeinschaftsschulen sind Motor, Beispiel und Ziel der Schulreform.

 
Offene Punkte:

Mit dieser Schulreform werden selbstverständlich nicht alle Baustellen in der Bildungspolitik geschlossen. Das ist auch nicht ihr Anspruch. Qualitätsverbesserungen, Senkung der Zugangshürden und eine erheblich bessere Ausstattung sind für die Kitas beschlossen. Die Aufgabe, insbesondere die Ganztagsförderung in den Grundschulen zu verbessern, bleibt ebenso wie die Notwendigkeit einer Veränderung der sonderpädagogischen Förderung. Hierfür ist der Senat beauftragt, in diesem Jahr ein Konzept vorzulegen, wie wir in Richtung einer inklusiven Förderung vorankommen.

 
Fazit:

Die Überwindung eines Schulsystems, das systematisch einige privilegiert und viele benachteiligt ist – in der Bundesrepublik seit Jahrzehnten erfolglos versucht worden. Auch nach dem Pisa-Schock wurde das gegliederte Schulsystem von den Bildungsministern für unantastbar erklärt. Das haben wir in Berlin mit der Pilotphase Gemeinschaftschule aufgebrochen. Der Notwendigkeit die Struktur zu ändern widerspricht kaum noch jemand.

Aber auch jetzt befinden wir uns in einem Dilemma dem man nur entgehen könnte, wenn man alles beim Alten beließe: Einerseits wissen wir, dass wir die Probleme die das gegliederten Schulsystems verursacht, im Ganzen nur dadurch lösen können, wenn wir die Gliederung insgesamt überwinden. Aber andererseits ist die sofortige Einführung der Gemeinschaftsschule für alle Kinder derzeit weder politisch und gesellschaftlich durchsetzbar.

Deshalb sagen wir erstens klar, wohin wir wollen: Das Ziel bleibt ein nichtauslesendes Schulsystem. Und gehen zweitens schrittweise vor: Wir schaffen zunächst zwei gleichwertige Schulen. Neben dem Gymnasium entsteht die Integrierte Sekundarschule, die sich als Schule für alle versteht und zu allen Abschlüssen bis hin zum Abitur führt. Dass dies ein Zwischenschritt ist, darin ist sich die Koalition einig. Und wir fördern drittens mit den Gemeinschaftsschulen das lebende Beispiel dafür, dass die Entwicklung der Berliner Schulen nicht im Zwischenschritt steckenbleibt. Hierin besteht auch entscheidende Unterschied zur in vielen Punkten ähnlichen Entwicklung in Hamburg.

Dieses Dilemma ist – es geht gar nicht anders – auch in den einzelnen Elementen der Schulreform sichtbar. Sie ist natürlich ein Kompromiss. In einigen Punkten konnten wir uns nicht durchsetzen. Dies betrifft zum Beispiel das Probejahr an den Gymnasien, die Absenkung der Stundentafel für die integrierten Sekundarschulen, das weiterhin bestehende Sitzenbleiben an den Gymnasien. Wir mussten zur Kenntnis nehmen, dass es in der SPD wenig Bereitschaft für Konflikte mit der Gymnasiallobby gab.

So bleibt das Gymnasium bleibt trotz der Reduzierung der Gliederung bestehen. Es kann jedoch  endgültig nicht mehr das Abiturmonopol für sich beanspruchen und wird sich stärker auf die individuelle Förderung von Kindern einlassen müssen, da es nach der 8. Klasse nicht mehr abschulen darf.

Elemente der Gemeinschaftsschule – individuelle Förderung, gemeinsames Lernen von Kindern unterschiedlicher  Leistungsvoraussetzung, Verzicht auf Aussortieren werden mit der integrierten Sekundarschule flächendeckend ausgeweitet. Lehrerinnen und Lehrer werden darauf vorbereitet. Immer mehr Menschen werden also die Erfahrung machen, dass das was in der Bundesrepublik bisher weithin als undenkbar galt, normal ist und gut funktioniert. Wenn die Reform gelingt, stärkt das die Kraft für weitere Entwicklungen.