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21. Januar 2009Newsletter

Zur Weiterentwicklung der Schulstruktur in Berlin

Von Steffen Zillich, bildungspolitischer Sprecher der Linksfraktion und Sebastian Schlüsselburg, Mitglied im Landesvorstand.
 

1.        Ausgangspunkt und Stand der Dinge:

In der Koalitionsvereinbarung haben sich SPD und LINKE in der Bildungspolitik auf zwei zentrale Punkte verständigt: Erstens, wird mittels der »Pilotphase Gemeinschaftsschule« ein schrittweiser »Einstieg in eine Gemeinschaftsschule, die sich am skandinavischen Prinzip der ungeteilten Schule orientiert« gegangen. Zweitens sollen über die Pilotphase hinaus »integrative Elemente in unserem Schulsystem gestärkt werden«.

Die ersten Gemeinschaftsschulen sind erfolgreich gestartet. An vielen Schulstandorten übersteigt die Nachfrage der Eltern die vorhandenen Plätze deutlich. Der LINKEN ist es mit der Einführung der ersten Gemeinschaftsschulen gelungen, dass die Stadt endlich sachlich und unaufgeregt über eine Bildungsreform spricht, die Chancengleichheit und individuelle Förderung in den Mittelpunkt stellt. Wir haben dazu beigetragen, dass die Schulstruktur kein Tabu mehr ist.

Bildungssenator Zöllner wurde im Mai letzten Jahres vom Abgeordnetenhaus beauftragt,  Vorschläge für die »Weiterentwicklung der Schulstruktur als Schritt  zu mehr individueller Förderung und gemeinschaftlichem Lernen« vorzulegen. Dieser Bericht soll Überlegungen für die Fortführung und Ausweitung der Pilotphase Gemeinschaftsschule,  die Prüfung der Übertragungsmöglichkeiten integrativ wirkender Elemente aus der Pilotphase Gemeinschaftsschule auf alle Schulen, die Prüfung der Übertragbarkeit von Erfahrungen anderer Bundesländer bei der Weiterentwicklung der Schulstruktur auf Berlin und Wege zur Überwindung der Hauptschule beinhalten. In diesen Prüfauftrag zur qualitativen Weiterentwicklung der Schulstruktur in Berlin sollen auch die Gymnasien einbezogen werden. - Soweit zu den parlamentarischen Vorgaben an den Bildungssenator.

Dieser Bericht wird voraussichtlich im Februar 2009 dem Abgeordnetenhaus vorgelegt werden. Vorab hat Bildungssenator Jürgen Zöllner in dieser Woche Eckpunkte dieses Berichtes in den Koalitionsfraktionen vorgestellt.

Kern des Vorschlags ist, ab 2010/11 nach der Grundschule anstelle der bisherigen Haupt- und Realschulen und der Gesamtschulen nur noch eine Schulform zu etablieren, die den Arbeitstitel »Sekundarschule« trägt. Diese Schule soll eine integrativ arbeitende Schule sein, die zu allen Schulabschlüssen, einschließlich bis zum Abitur führt, das in 12 oder 13 Jahren erworben werden kann. Die Schulen sollen die Möglichkeit erhalten, die Elemente, die Gemeinschaftsschulen kennzeichnen, aufzunehmen und umzusetzen.
In den Sekundarschulen wird es kein Probehalbjahr, kein Abschulen und kein Sitzenbleiben mehr geben. Sie werden als Ganztagsschulen in gebundener Form eingerichtet. Neben der Sekundarschule wird es in diesem Schritt weiter das Gymnasium geben, das in 12 Jahren zum Abitur führen soll. Auch für das Gymnasium wird es kein zwangsweises Abschulen mehr geben. Wenn das Gymnasium auf Sitzenbleiben verzichtet, kann es dafür zusätzliche personelle Ressourcen erhalten. Außerdem sollen die Gymnasien mit Mensen ausgestattet werden und ein Gymnasium pro Bezirk mit  gebundenem Ganztagsbetrieb ausgestattet werden.

Die Pilotphase Gemeinschaftsschule wird fortgeführt.
 

2.        Was ist der LINKEN wichtig?

Unser Ziel ist und bleibt die Gemeinschaftsschule als eine individuell fördernde Schule für Alle einzuführen. Die Reformschritte, die wir jetzt angehen, müssen sich an drei konkreten Bildungszielen messen lassen: der deutlichen Erhöhung der Abiturquote, der deutlichen Senkung der Schulabbrecherquote und vor allem einer deutlichen Reduzierung des Zusammenhangs zwischen Bildungserfolg und sozialer Herkunft.

Für uns ist deshalb ganz klar: Der Schritt zur Sekundarschule kann und darf nur ein Zwischenschritt zur Gemeinschaftsschule sein, keine Sackgasse. Das Ziel bleibt »Eine Schule für Alle«,  die ohne Auslese funktioniert. Deshalb muss die Pilotphase Gemeinschaftsschule fortgesetzt und ausgeweitet werden, weil in ihr die Erfahrungen für ein ungegliedertes Schulsystem gewonnen werden.

Bei der Sekundarschule kommt es uns auf folgende Punkte an:

  • die Sekundarschule muss eine intern integrative Schule sein, also die äußere Differenzierung als Organisationsprinzip überwinden.
  • die Sekundarschule ist nicht die Schule für die Kinder, die es nicht auf das Gymnasium geschafft haben, sondern sie muss tatsächlich gleichwertig sein und sich als Schule für alle Kinder verstehen, in der es ebenso darum geht, Startschwierigkeiten auszugleichen, wie Spitzenleistungen zu erzielen.
  • diese Reform muss auskömmlich finanziert sein. Mit der LINKEN wird es keine weitere unterfinanzierte Bildungsreform mehr geben.

Die Existenz unterschiedlicher Schulformen auch nach einem Zwischenschritt trägt weiterhin die Gefahr der sozialen Auslese. Das wollen wir nicht hinnehmen. Deshalb muss es für den Zugang eine Regelung geben, die einer sozialen Ausdifferenzierung zwischen den Schulformen entgegen wirkt.

Die »Pilotphase Gemeinschaftsschule« wird weiter ausgebaut werden. Auch in einem größeren Umstrukturierungsprozess müssen Schulen die unbürokratisch die Möglichkeit haben sich mit einer Grundschule zu einer Gemeinschaftsschule zu entwickeln.
 

3.        Breite Debatte in der Partei und mit der Öffentlichkeit

Der Bericht mit den Vorschlägen des Senats wird spätestens Anfang März vorliegen. Wir wollen dann eine breite öffentliche Diskussion in und außerhalb der Partei führen. Was können Wege, Umwege und Holzwege zur Gemeinschaftsschule sein?

Darüber wollen wir im Rahmen einer Werkstatt mit Eltern, Lehrern, Schülern, Gewerkschaften, Verbandsvertretern und allen interessierten Berlinern diskutieren. Das war uns schon bei der Konzeption der »Pilotphase Gemeinschaftsschule« wichtig und ist bei dem vor uns liegenden Schritt umso wichtiger.

Darüber hinaus werden wir zur Ermöglichung einer breiten Debatte dieses wichtigen Themas in der Partei einen Landesparteitag im März einberufen. Dort werden die Erkenntnisse und Anregungen aus der öffentlichen und parteiöffentlichen Diskussion in einen entsprechenden Antrag einfließen.