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31. August 2010Hakkı Keskin

Es gibt millionenfach Sarrazins in Deutschland

Von Prof. Dr. Hakki Keskin
2005-2009 Mitglied des Deutschen Bundestages
Ehrenvorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland

Sarrazins Äußerungen schlagen Wellen und bestimmen die Tagesordnung. Seine Hauptaussage: »Den Einwanderern muslimischen Glaubens fehlt es an der  Bereitschaft zur Integration.« Noch offener formuliert: Sie wollen sich nicht integrieren, ihre Kultur und ihr Glaube verhindern ihre Integrationsfähigkeit.

Wie oft haben wir seit Jahrzehnten von manchen führenden Politikern, nicht selten aus den Kreisen der Unionsparteien, diese  Sprüche und Behauptungen gehört. Mit einem Unterschied, dass sie anstelle der Muslime von Türken geredet haben, aber das Gleiche wie Sarrazin gemeint haben.

Es ist nicht lange her, als Necla Kelek und Seyran Ate? für ihre ganz ähnlichen Behauptungen und Publikationen von Medien und Politik viel  Lob, ja sogar von einem hochrangigen Politiker eine Auszeichnung  erhielten. Frau Kelek unterstützte Sarrazin bei seiner Buchvorstallung mit den Worten: »Hier hat ein verantwortungsvoller Bürger bittere Wahrheiten drastisch ausgesprochen.«

Am 28.August widmete die BZ Sarrazin fast eine ganze Seite mit der Überschrift »Das ist wirklich dran an seinen Thesen.« Und sie zitierte die so genannten Experten, die Sarrazins Behauptungen im Großen und Ganzen rechtfertigten.

Neu bei Sarrazin ist jedoch seine Genthese: »Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen, Basken haben bestimmte Gene, die sie von anderen unterscheiden.« Dies belegt ganz eindeutig, dass er dem Rassismus und der Islamophobie verfallen ist.

Sarrazin formuliert in provokativer Form die seit Jahrzehnten von vielen, auch von Politikern, vertretene Auffassung, dass  die Einwanderer Schuld daran seien, wenn viele der ersten oder der zweiten Migrantengeneration immer noch der deutschen Sprache nicht mächtig sind, wenn ihre Kinder große Defizite in der Schule aufweisen, wenn die Kriminalitätsrate bei Jugendlichen nicht-deutscher Herkunft höher ist usw.

Die Verantwortung liege also ausschließlich bei den nicht-deutschen Menschen. Die Fehlleistungen und falsche Politik aller Regierungen bei der Integrations-, Bildungs- und Beschäftigungspolitik finden kaum eine Erwähnung in dieser Sichtweise.

Als einer von vielen Migrationsforschern habe ich dreißig Jahre lang über Migration und Integration gelehrt, geforscht, publiziert und in hunderten Veranstaltungen auf die Fehler der Politik hingewiesen und ganz konkrete Vorschläge entwickelt, wie eine zukunftgerechte Integrationspolitik sein müsste. Auch als Bundesvorsitzender der Türkischen Gemeinde (1995-2005) in Deutschland habe ich hierfür konkrete Vorschläge gemacht, die gewollt ignoriert wurden und  werden.

Im vorigen Jahr habe ich meine 30-jährigen Erfahrungen und Kenntnisse über Integrationspolitik aus der Sicht eines Betroffenen in meinem Buch »Deutsch-türkische Perspektiven« (Wochenschauverlag www.keskin.de) publiziert. Es ist bedenklich und interessant, dass sich – von wenigen Ausnahmen abgesehen – weder die Medien, noch die Politik mit meiner Kritik und  meinen konkreten Vorschlägen befasst haben. Offensichtlich deshalb, weil eine kritische Auseinandersetzung mit der Integrationspolitik der Parteien und Regierungen nicht ins Konzept passt.