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"Wir haben noch lange nicht alles erreicht: Gleicher Lohn für gleiche Arbeit, Chancengleichheit in Ausbildung und Beruf - weitgehend Fehlanzeige."

 

"Da steht Solidarität ganz hinten"

 

"Es gibt mehr Frauen in Führungspositionen. Nicht, weil die Männer das wollten oder gut fanden, sondern weil Frauen sich das erkämpft haben."

 

"Das sind die Bilder, die die Mehrheitsgesellschaft sehen möchte, um sich abgrenzen zu können und zu sagen, es geht uns gut, wir sind besser."

 

"Meine Lebensphilosophie ist: Wie ich behandelt werden möchte, so möchte ich auch mit anderen umgehen."

"Und ich habe es zum ersten Mal erlebt, dass ich nicht gefragt wurde, woher ich vor Jahrzehnten gekommen bin. Das hat mir so gut getan. Das war für mich die Normalität."

 

"Heute ist der 8. März salonfähig geworden. Man feiert mit Sekt. Die politische Kraft ist weniger geworden. "

"Aber wichtig ist es auch zu wissen, warum es den 8. März gibt, warum er entstanden ist, wer Rosa Luxemburg und Clara Zetkin waren. Ohne das alles zu wissen, verliert der 8. März seinen ursprünglichen Anspruch"

"Bei uns in der Familie war der Frauentag immer ein Feiertag, wir haben uns gratuliert. Ich bin mit meinen beiden Töchtern am 8. März immer auf dieStraße gegangen"

Gün und Azize Tank

"Ich denke, ich romantisiere auch manchmal meine Vergangenheit. Heute gibt es andere Bedingungen."

"Wenn sie damit erreichen, was sie möchten, ist das für mich in Ordnung. Vielleicht gehört es auch zu einer Bewegung, mal ein bisschen Pause zu haben. Aber gestorben ist die Bewegung nicht."

"Wir kämpfen mit den weißen deutschen Frauen gemeinsam, jedenfalls in vielen, wesentlichen Fragen. Wir haben viel mehr Gemeinsamkeiten, als viele denken." 

2. März 2012Bewegung

8. März: Die Bewegung ist noch lange nicht tot....

Azize Tank, seit vielen Jahren in der Berliner Frauenszene aktiv, erzählt, was der 8. März für sie heute bedeutet und wie sie ihn vor vielen Jahren erlebt hat. Sie setzt sich mit den Veränderungen in der Frauenbewegung und ihrer Rolle als Berliner mit Migrationshintergrund auseinander

 

Interview mit Azize Tank zum internationalen Frauentag

Was bedeutet der internationale Frauentag  für dich?

Der Frauentag ist für mich ein Kampf- und Feiertag. Mir ist es wichtig, dass wir uns immer wieder klar machen, was wir erreicht haben, was wir wollen oder was wir noch erreichen müssen. Er hat eine sehr hohe Symbolkraft. Kämpfen und Feiern – das gehört zusammen.

Was haben wir erreicht?

Frauen haben sehr viel Anerkennung erkämpft, gesellschaftliche Anerkennung. Das war beileibe nicht einfach. Viele Frauen haben dafür viel gegeben. Frauen haben gestreikt, fürs Wahlrecht demonstriert, haben gegen den §218 gekämpft. Wir haben die Quoten in vielen Bereichen erkämpft. Heutzutage streiten wir wieder darüber. Doch völlig klar ist: Ohne die Quoten würden nicht so viele Frauen in den Parlamenten und in wichtigen Entscheidungspositionen sitzen. Solange Gleichberechtigung von Männern und Frauen keine Normalität ist – und das ist sie bei allen Fortschritten immer noch nicht – brauchen wir Quoten, auch um die Macht der Männer zu brechen.

Der Kampf um Gleichberechtigung ist immer noch aktuell?

Selbstverständlich.. Wir haben noch lange nicht alles erreicht: Gleicher Lohn für gleiche Arbeit, Chancengleichheit in Ausbildung und Beruf - weitgehend Fehlanzeige. Bei diesem System müssen wir uns auch nicht darüber wundern. In Krisenzeiten wie gegenwärtig sind Frauen als erste von Entlassungen, Lohnkürzungen usw. betroffen. Da versuchen konservative und reaktionäre Kräfte alles, uns Frauen wieder die „Heim und Herd“-Ideologie schmackhaft zu machen. Obwohl inzwischen die meisten doch wissen, dass da nicht unsere Zukunft liegt..

 Liegt das am Patriarchat?

Ja, auch.  Aber auch an der  Dominanz des Kapitalverhältnisses, an der  Profitorientierung, die  die gesellschaftlichen Verhältnisse prägen und patriarchale Machtverhältnisse zementieren. Da steht Solidarität ganz hinten.

Berlin empfindet sich oft als „Stadt der Frauen“. Ist das so?

Über die Hälfte der BerlinerInnen sind Frauen, insofern ist es eine Stadt der Frauen. Schaue ich mir die politische Landschaft an, kann ich das auch bestätigen. Früher gab es kaum mal eine Bürgermeisterin. Heute sind sie selbstverständlich. Auch beim Senat oder im Abgeordnetenhaus hat sich manches bewegt. Nicht so viel, wie wir uns wünschen, aber wir sind schon ein Stück weiter. Und ich glaube, die Frauen sind viel selbstbewusster geworden -  und zwar als Frauen. Es gibt mehr Frauen in Führungspositionen. Nicht, weil die Männer das wollten oder gut fanden, sondern weil Frauen sich das erkämpft haben.

Ist Berlin auch die Stadt der Migrantinnen?

Ja, Berlin ist die Stadt der Vielfalt – mehr als viele andere Städte. Wenn ich jetzt eher von den oberen Etagen rede, dann nicht, weil ich die anderen vergessen möchte. Es geht mir darum, Vorbilder sichtbar zu machen. Mit „meiner“ Bürgermeisterin habe ich mal einen Mädchenladen besucht. Eine junge Frau sagte ‚Oh, kann eine Frau auch Bürgermeisterin werden?‘ Das war für sie eine Besonderheit. Daraus schloss sie für sich, dass sie das auch schaffen kann, wenn sie nur  gleiche Chancen und Rechte hat.

Haben sich die migrantischen Berlinerinnen auch verändert?

Ja, die  Frauen lassen sich längst nicht mehr alles gefallen, weil sie gelernt haben, sich zu wehren und ihre Interessen durchzusetzen. Das gilt für den Arbeitsplatz und für das Privatleben. Viele haben jetzt den Mut, ihre Männer zu verlassen, wenn sie merken, sie führen nicht das Leben, das sie sich gewünscht haben. Auch Mädchen rebellieren zunehmend gegen patriarchalische Familienstrukturen. Sehr viele machen dann den Schritt, der für sie gut ist. Und das ist kein Wunschdenken, sondern die Quintessenz meiner Erfahrung nicht nur in der Frauenbewegung, sondern auch aus mehreren Jahrzehnten als Migrantenbeauftragte in einem Berliner Bezirk, die tausende von Betroffenen beraten und begleitet hat…

Das bricht mit dem Bild, das sich viele weiße Deutsche von Migrantinnen machen, nämlich dass sie von Männern unterdrückt werden, dass sie Kopftücher tragen müssen....

Das sind die Bilder, die die Mehrheitsgesellschaft sehen möchte, um sich abgrenzen zu können und zu sagen, es geht uns gut, wir sind besser. Abgesehen davon, welches Recht nehme ich mir heraus über eine Frau zu urteilen, die sich für ein Kopftuch entscheidet. Wir leben in einem kapitalistischen System, und da werden viele Frauen an den gesellschaftlichen Rand gedrängt, mit und ohne Migrationshintergrund. Aber es gibt immer mehr Frauen, die sich damit nicht mehr abfinden, sich in diesen Bildern nicht mehr wiederfinden und das ist ein großer Fortschritt.

Das hilft, rassistische Stereotype zu durchbrechen?

Na klar. Wenn mir gesagt wird, ach wie schön, Sie tragen gar kein Kopftuch, dann frage ich mich, wie kommen die Leute auf so eine Frage? Ich bin wirklich eine phantasievolle Frau, aber da frage ich mich wirklich: Hej, von was reden die? Da stoßen zwei fremde Welten aufeinander. Dabei fiel ich nicht einmal durch ein Kopftuch auf, als ich vor Jahrzehnten als junge Frau aus Istanbul nach Bayern kam, sondern durch enge Jeans, kurze Röcke und lange Locken!  
Noch ein anderes Beispiel: da treffe ich eine mir bekannte weiße Deutsche am Flughafen und sie fragt, ach fliegst du jetzt in deine Heimat? Ich sage, nein in den Urlaub. Sie fährt für vier Wochen in die Türkei, ich auch. Mein zu Hause ist hier in Berlin. Ich bestimme, was und wo für mich Heimat ist. Aber das ist noch lange nicht angekommen in der Mehrheitsgesellschaft. Bei einem kürzlichen Empfang habe ich eine Frau kennen gelernt, wir haben uns lange unterhalten. Und ich habe es zum ersten Mal erlebt, dass ich nicht gefragt wurde, woher ich vor Jahrzehnten gekommen bin. Das hat mir so gut getan. Das war für mich die Normalität. Meistens erlebe ich aber immer noch das Wir – die weißen Deutschen - und das Ihr – die Migrantinnen. Und dabei lebe ich schon in einer privilegierten gesellschaftlichen Stellung.

Was muss sich ändern?

Meine Lebensphilosophie ist: Wie ich behandelt werden möchte, so möchte ich auch mit anderen umgehen. Das ist wichtig. Ton und Art, wie Fragen gestellt werden, sind so wichtig, um gesellschaftliche Normalität herzustellen, die nicht vom Ihr und Wir ausgeht. Aber wir müssen auch endlich benennen, dass es in diesem Land ein Problem mit Rassismus gibt und diesen bekämpfen auf allen Ebenen.
Ich bin grade dabei, den 8. März mit Frauengruppen vorzubereiten. Mir ging so durch den Kopf: wie war  das vor 20, 30 Jahren? Damals war die Frauenbewegung eine richtige Bewegung. Das ist heute nicht mehr so. Es wird überall der 8. März gefeiert. Wunderbar. Wenn ich an früher denke, da haben wir kaum einen Raum anmieten können, um am 8. März eine Veranstaltung zu machen.

Im Westen! Im Osten war das anders

Richtig. Im Westen war der 8. März nicht etabliert. Wir mussten um ihn kämpfen. Wir haben ein internationales Frauenkomitee in Berlin gegründet, um mit den weißen deutschen Frauen gemeinsam gegen den § 218 zu kämpfen. Der betrifft uns ja auch gemeinsam.  Heute ist der 8. März salonfähig geworden. Man feiert mit Sekt. Die politische Kraft ist weniger geworden. Man feiert den 8. März sogar im Jugendfreizeitheim, aber die Mädchen sind dann geschminkt, ahmen Superstars und Models nach. Dann frage ich mich schon, was hat das noch mit dem 8. März zu tun. Auf der einen Seite finde ich es schön. Aber wichtig ist es auch zu wissen, warum es den 8. März gibt, warum er entstanden ist, wer Rosa Luxemburg und Clara Zetkin waren. Ohne das alles zu wissen, verliert der 8. März seinen ursprünglichen Anspruch.

Das ist aber zwischen Ost und West unterschiedlich. Im Osten hatte der 8. März immer einen hohen Stellenwert, die Frauen bekamen Blumen und Gratulationen. Im Westen mussten Feministinnen ihn erst erkämpfen...

Es waren nicht nur Feministinnen. Es waren auch religiöse Frauen und viele andere, die für den 8. März eingetreten sind, weil sie wussten, dass sich die Lebensbedingungen für die Frauen ändern mussten. Das war unser gemeinsames Motto. Natürlich gibt es da unterschiedliche Sichtweisen. Das ist auch gut so. Aber es gibt Gemeinsamkeiten, und das hat die Breite und Kraft der Frauenbewegung ausgemacht. Bei uns in der Familie war der Frauentag immer ein Feiertag, wir haben uns gratuliert. Ich bin mit meinen beiden Töchtern am 8. März immer auf dieStraße gegangen. Als meine ältere Tochter zehn Jahre alt  war, habe ich ihr ein Frauenzeichen mit Friedenstaube geschenkt. Das war ihr erster Schritt zur Frauenbewegung.

Warum ist diese Bewegung heute so wenig zu spüren? Hat sie alles erreicht? Ist sie von den Institutionen aufgesaugt worden?

Wünsche und Interessen der Generationen haben sich verändert. Es gibt heute auch andere Methoden und Austauschmöglichkeiten. Man muss heute nicht mehr immer nur auf die Straße gehen, um seinem Willen Ausdruck zu verleihen. Auch medienmäßig ist es anders geworden. Ich denke, ich romantisiere auch manchmal meine Vergangenheit. Heute gibt es andere Bedingungen. Es gibt die Alphamädchen, die heute medial gehypt werden. Früher wurde Karriere nicht von Emanzipation getrennt. Heute heißt es, das gehört nicht zusammen. Im Gegenteil: Emanzipation kann der Karriere sogar schaden. Heute teilen viele jüngere Frauen unsere feministischen Grundsätze weniger und versuchen, sich auf andere Art sich durchzusetzen. Wenn sie damit erreichen, was sie möchten, ist das für mich in Ordnung. Vielleicht gehört es auch zu einer Bewegung, mal ein bisschen Pause zu haben. Aber gestorben ist die Bewegung nicht.

Ein wunderbarer Satz zum Schluss…

Für mich ist aber noch ein Satz wichtig: während wir dieses Interview gemacht haben, habe ich mich keine Sekunde als Migrantin gefühlt, sondern als Frau, als politisch handelnde und denkende Frau in Berlin – das ist für mich wichtig. Meine Herkunft ist egal. Damals, als wir in Westberlin um den 8. März gekämpft haben, lebten wir erst ein paar Jahre hier. Das ist jetzt anders. Wir sind hier ansässig. Wir gehen nicht mehr weg. Wir kämpfen mit den weißen deutschen Frauen gemeinsam, jedenfalls in vielen, wesentlichen Fragen. Wir haben viel mehr Gemeinsamkeiten, als viele denken.

Azize Tank, Jahrgang 1950, war bis zu ihrem Eintritt in den Un-Ruhestand MigrantInnenbeauftragte im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf

Interview: Katina Schubert