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17. September 2004Senator Dr. Thomas Flierl (PDS)

50 Jahre Amerika-Gedenkbibliothek

Rede des Kultursenators Dr. Thomas Flierl zum Festakt am 17. September 2004

Dear Mrs. Coates,
Sehr geehrte Frau Senatorin Schubert
Liebe Frau Dr. Lux,
Meine sehr verehrten Damen und Herren

Vor Ihnen steht ein Out- und Insider in Personalunion. Als Kultursenator unserer Stadt ein Politiker und als Stiftungsratsvorsitzende der Stiftung Zentral- und Landesbibliothek ja irgendwie auch Mitarbeiter dieses Hauses. Das gibt mir die Möglichkeit, unser heute gefeiertes Jubiläum sowohl politisch, als auch ein wenig bibliothekarisch zu betrachten.

Ich möchte Fragen an den Beginn meines Grußwortes stellen.

Ist das eigentlich opportun: Im Jahre 2004 noch das Jubiläum einer Einrichtung zu feiern, die doch nun mittlerweile Teil eines neuen Ganzen geworden ist?
Ist denn nicht mit dieser neuen Einheit in Gestalt der Stiftung Zentral- und Landesbibliothek die Bedeutung der Teilmenge sekundär geworden, in einer Stadt, deren vormalige zwei Teile wir gerade dabei sind wieder zusammenzufügen?
Ist das ein Jubiläum für alle Bürger unserer Stadt, oder ist die Geschichte der Amerika-Gedenkbibliothek eher eine alte, weil Westberliner Geschichte?

Ich bin sicher, dass sich Menschen in unserer Stadt diese Frage stellen, wenn sie morgen in ihren Zeitungen von unserer Jubiläumsfeier lesen. Ich bin sicher, dass die Historie der Amerika-Gedenkbibliothek als Teil der persönlichen Vita ungleich verteilt ist bei den Bürgern unserer Stadt. Aber das bezieht sich nicht nur auf unsere Bibliotheken; das ist das Ergebnis eines halben Jahrhunderts deutscher Geschichte.

Diese Stadt macht sensibel für solche Situationen, sie provoziert und produziert sie. Wir erleben sie noch beinahe täglich, die Unterscheidung in »Meine Geschichte – Deine Geschichte«, die Versuche, Spuren der jeweils anderen Geschichte mit leichter Hand beseitigen zu wollen und die eigene Biographie als die »eigentliche« zu sehen.

Es ist nicht zusammengewachsen, was zusammengehört, sondern wir haben Zusammengehöriges zusammengefügt – das macht einen Unterschied. Diese neue Einheit ist allzu oft noch eine eher organisatorische. Die Parallelen zwischen der Geschichte unserer Stadt und der Geschichte unserer großen Öffentlichen Bibliotheken sind frappierend. So, wie die Zentral- und Landesbibliothek in einem Haus noch Vision ist, müssen wir noch an der Stadt arbeiten, in der es eine gemeinsam akzeptierte Geschichte gibt. Und nur wenn wir wechselseitig die beiden deutschen Teil-Geschichten als Bestandteil unserer neuen, jetzt gemeinsamen Geschichte begreifen, sie akzeptieren und pflegen, sind wir da angekommen, wo wir von deutscher Einheit reden können.

Und darum beantworte ich die anfangs gestellten Fragen mit Überzeugung: Ja, das Jubiläum der Gedenkbibliothek ist unser Jubiläum. Wir feiern hier nicht das 50-jährige Jubiläum der Westberliner AGB, sondern wir feiern heute unsere AGB, so wie wir das 100-jährige Jubiläum unserer Stadtbibliothek feiern werden, weil sie Teil der Geschichte unserer gemeinsamen neuen Stadt sind und unverzichtbarer Bestandteil unserer neuen Zentralen Öffentlichen Bibliothek. Wir sind in der Gegenwart angekommen – politisch und bibliothekarisch.

Die Entstehungsgeschichte der Gedenkbibliothek ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert. Es wird häufig berichtet, die Bibliothek sei ein Geschenk des amerikanischen Volkes an die Berliner gewesen. So direkt war das nicht. Gewiss, das Geld wurde von den Vereinigten Staaten zur Verfügung gestellt, jedoch ohne Zweckbestimmung. Es waren vielmehr Berliner Politiker unter Führung von Ernst Reuter, die entschieden, damit eine öffentliche Bibliothek zu errichten. Man transponiere diesen Vorgang einmal gedanklich in das Jahr 2004.

Dass die amerikanische Seite eine solche Entscheidung begrüßte, dass sie auch keinen Einfluss auf den Bestandsaufbau und den Entwurf der Angebote genommen haben soll, ist verständlich, hatte man doch im eigenen Lande die Bedeutung und Wirkung einer freien, allgemein zugänglichen Öffentlichen Bibliothek kennen und schätzen gelernt. Dass es auch andere Bibliotheken geben könnte, haben die Amerikaner nie erleben müssen. »Eine Bibliothek ist eine Bibliothek ist eine Bibliothek« – sagen die angelsächsischen Bibliothekare. So selbstverständlich, wie Dean Acheson es bei der Grundsteinlegung ausdrückte: Ein Symbol für die Freiheit zu lernen, zu studieren, die Wahrheit zu suchen. Und ich füge hinzu: Sie öffentlich aussprechen zu können. Aber das war neu im Nachkriegsdeutschland, nicht selbstverständlich.

Nach 12 Jahren Nazi-Herrschaft und Indoktrinierung eine Öffentlichen Bibliothek neuen Stils und neuen freiheitlichen Geistes: Öffentlich in vielfacher Bedeutung des Begriffs und offen. Offen für alle geistigen und kulturellen Strömungen, Meinungen, auch für die Auseinandersetzung, den Disput. Offen für die Wahrheit - so es sie denn gibt. Ein Portal in eine neue Zeit, in eine neue Welt, eine, die besser werden sollte.

Dieser Wunsch erfüllte sich, wie wir alle wissen, nur sehr zögerlich. Auch die deutsche Nachkriegsgeschichte hat wieder Opfer gefordert. Unsere deutsche und Berliner Welt wurde zunächst zweigeteilt, und die Wege, auf denen man dort die neuen Welten herzustellen suchte, differierten ebenso, wie die Bestände unserer Öffentlichen Bibliotheken. Das ist sehr sensibel zu behandeln und ich möchte hier kein Urteil abgeben, aber wer objektiv ist, weiß, dass keine Öffentliche Bibliothek Berlins in diesen Jahren politisch oder weltanschaulich ungeprägt blieb, auch nicht die Gedenkbibliothek, deren Ursprung im politischen Geschehen lag und deren Standort, wie die Literatur belegt, eindeutig politisch festgelegt war.

Machen Sie sich gelegentlich die Mühe, die Auswahlverzeichnisse Berliner Bibliotheken aus der Zeit des »Kalten Krieges« zu lesen, die offiziellen Äußerungen von damaligen Politikern aber auch von Bibliothekarinnen und Bibliothekaren zur Rolle ihrer Bibliothek in beiden Teilen unserer Stadt. Nein, die Prinzipien, die Ernst Reuter und seine Zeitgenossen und die Spender bewegten, verwirklichen sich nicht selbsttätig in bibliothekarischer Praxis. Ihre Umsetzung müssen wir beständig kritisch hinterfragen und neu erarbeiten.

 
A library is a library is a library?

Nein, Bibliotheken sind immer auch Ausdruck gesellschaftlicher Ideen, Überzeugungen und Zielsetzungen. Der Übergang zum Werkzeug kann da sehr diffus sein, wenn nicht das oben genannte Postulat der Meinungsvielfalt und Offenheit gewahrt bleibt.

Wir sind heute gewiss noch nicht in der neuen Welt angekommen, werden viele Visionen nie ganz verwirklichen und Ideale ohnehin nie erreichen können, aber wir wollen ihnen näher kommen.

Ein Jubiläum sollte immer gleichermaßen ein Blick zurück und voraus sein. Die Errichtung der Amerika-Gedenkbibliothek war nicht nur das Symbol eines neuen Anfangs. Hinter dem heutigen Jubiläum stehen auch das Bewusstsein und die Überzeugung, dass diese Bibliothek ihren Anteil daran hat, dass wir heute in einer ungeteilten Stadt in einem demokratischen Staat leben können.

Und ein wenig auch der Stolz, dass wir weiter an der Umsetzung der Gründungsidee gearbeitet und in Berlin mit der neuen Zentral- und Landesbibliothek ein Beispiel für erfolgreiche, moderne Bibliotheksarbeit geschaffen haben.

Aber das ist kein Schlusspunkt. Möge diese neue Zentral- und Landesbibliothek immer etwas von der Innovation repräsentieren, die der Gründungsidee der alten AGB innewohnte, möge sie immer etwas symbolisieren, das nicht selbstverständlich ist.

 
Bibliotheken, gerade die Öffentlichen, sind nie fertig – die Errichtung der Amerika-Gedenkbibliothek war ein Auftrag ohne zeitliche Begrenzung.

Nur wenn wir das begreifen, können wir den Idealen ihrer Gründer gerecht werden und auch den heutigen und künftigen Anforderungen begegnen.

Ich danke Ihnen.