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Die Autoren

Dr,. Wolfgang Albers
Albers
Katrin Lompscher
Lompscher

Dr. Wolfgang Albers ist Mitglied des Abgeordnetenhauses und Sprecher für Wissenschaft und Gesundheit.

Katrin Lompscher ist Mitglied des Abgeordnetenhauses und Sprecherin für Stadtentwicklung, von 2006 bis 2011 war sie Umweltsenatorin in Berlin. 

7. März 2012Wolfgang Albers und Katrin Lompscher

Hintergrundinformation
zur Diskussion um den Experimentierreaktor des Helmholtz-Zentrums BER II in Berlin Wannsee

 
Vorbemerkung

Grundsätzlich ist zunächst anzumerken: Die Ereignisse in Fukushima haben den Begriff »Sicherheit« im Zusammenhang mit der Nutzung von Atomkraft noch einmal auf dramatische Weise relativiert. Die Grenzen im Bemühen um die Beherrschbarkeit der mit der Nutzung von Atomenergie verbundenen Gefahren auch mit modernster Technologie wurden drastisch und nachhaltig aufgezeigt. Angesichts dieser dramatischen Bilder aus Japan sind die Ängste der Menschen keineswegs irrational, sondern nur allzu gut begründet. Die längst überfällige Konsequenz daraus: Atomkraftwerke abschalten und den Ausstieg aus der Atomenergie einleiten.
Bei dem Forschungsreaktor BER II des Helmholtz-Zentrums Berlin, der seit 1974 betrieben wird, handelt es sich nicht um ein Atomkraftwerk. Es geht hier nicht um Atomforschung und auch nicht um die Profitinteressen der Atomlobby, sondern um einen international renommierten Wissenschaftsstandort mit rund 1.100 Arbeitsplätzen.
Es handelt sich bei diesem Reaktor um eine Neutronenquelle, die Neutronen für die Forschung produziert. Die so gewonnenen Neutronen dienen der Wissenschaft gleichsam als Sonde für das Innere der Materie. Mit ihnen kann man Proben aus der Medizin, der Umwelttechnik, der Materialforschung, der Kunstgeschichte und der Archäologie untersuchen.
Noch ist diese Technologie weitgehend alternativlos. Allerdings wird an möglichen Alternativen bereits gearbeitet. Die Zukunft gehört sogenannten »Spallationsquellen«. Zwei kleinere solcher Beschleunigeranlagen sind in der Schweiz und in England bereits in Betrieb. An einer großen gemeinsamen europäischen Spallationsquelle (ESS) wird in Lund in Schweden gebaut, sie wird aber voraussichtlich nicht vor 2020 in Betrieb gehen können. Das Helmholtz-Zentrum Berlin ist mit seinen Erfahrungen auch an diesem internationalen Projekt beteiligt.

Eine Entscheidung über unseren Umgang mit dem Forschungsreaktor bleibt einem Landesparteitag unserer Partei vorbehalten. Wir sollten die Diskussion dazu sachlich führen.
Es sei allerdings angemerkt, dass es nicht der Positionsfindung der Berliner Linken dient, Argumente unkritisch zu übernehmen und diese für den Wissenschaftsstandort Berlin möglicherweise ja auch folgenreiche Debatte zu emotionalisieren.
Es hilft niemandem, wenn mit Unwahrheiten und falschen Behauptungen eine seriöse Behandlung dieses Problems konterkariert und damit eine sachgerechte Entscheidung nach objektiver Prüfung unterlaufen wird. Unsere Argumente müssen Hand und Fuß haben. Wir wollen uns damit ja nicht lächerlich machen, sondern durch eine solide Argumentation Vertrauen gewinnen und Verlässlichkeit demonstrieren.
Dieses Material soll dabei notwendige Informationen für die weitere Debatte zur Verfügung stellen. Es nimmt kein Ergebnis vorweg.
 

Anlass

Unter dem Motto: »Atomreaktor bedroht Berlin und Brandenburg« fordert ein Berlin-Potsdamer Anti-Atombündnis die sofortige Schließung und den »Abriss« des Forschungsreaktors am Helmholtz-Zentrum in Wannsee. Der Bezirksverband unserer Partei Steglitz-Zehlendorf hat den entsprechenden Aufruf in einer eigenen Pressemitteilung weitgehend übernommen und schließt sich der Argumentation dieses Bündnisses an.
Bereits auf unserem letzten Parteitag gab es einen Antrag, der den Fortbestand des Forschungsreaktors problematisierte. Aus Zeitgründen konnte dieser allerdings nicht mehr behandelt werden. Das Thema soll deshalb auf Wunsch der Initiatoren auf dem nächsten Parteitag noch einmal aufgegriffen werden.
 

Zur Argumentation der Reaktorgegner:

 
1.

In dem Aufruf des Bündnisses wird behauptet, der Senat habe seine Verantwortung für den Reaktor nicht ernst genommen. In den letzten 5 Jahren war es unsere linke Senatorin Katrin Lompscher, die für diesen Reaktor politisch verantwortlich war. Sie ist ihrer Aufsichtspflicht sorgfältig nachgekommen. Die Sicherheit der Anwohnerinnen und Anwohner stand dabei immer an erster Stelle, der sich auch wissenschafts- und forschungspolitische Bedürfnisse unterzuordnen hatten. Die Kontrolle des Reaktors wurde jederzeit gewährleistet durch kontinuierliche, aber auch anlassbezogene Überprüfungen, deren Frequenz sich, abhängig von der Art der Belastung und der Wichtigkeit der jeweiligen Komponente, zwischen einmal wöchentlich und einmal alle fünf Jahre erstreckte. Jeweils nach drei Wochen Reaktorbetrieb erfolgt eine Woche Wartung.

Es war auch nicht, wie in dem Aufruf behauptet wird, die Bundesregierung, die den Stresstest am Forschungsreaktor in Wannsee veranlasst hat, sondern unsere verantwortliche Senatorin Katrin Lompscher. Sie hatte die Initiative zu der zusätzlichen Sonderprüfung bereits unmittelbar nach den Ereignissen in Fukushima Mitte April 2011 ergriffen. Die Aufforderung des Bundesumweltministeriums dagegen erfolgte erst am 2. August 2011.

Der wissenschafts- und gesundheitspolitische Sprecher der Linken im Berliner Abgeordnetenhaus, Wolfgang Albers, hat zur aktuellen Diskussion um den Reaktor zwei Anhörungen im Gesundheits- sowie im Wissenschaftsausschuss beantragt. Am 14. 3. 2012 soll im Abgeordnetenhaus in öffentlicher Sitzung die wissenschafts- und forschungspolitische Bedeutung des Reaktors für die Wissenschaftsregion Berlin erörtert werden. Der Bezirksverband der Linken Steglitz-Zehlendorf wurde gebeten, einen reaktorkritischen Experten zu benennen, der im Namen unserer Fraktion zu dieser Anhörung eingeladen wurde.

In einer zweiten Anhörung wird sich der Gesundheitsausschuss mit der Frage beschäftigen, ob vom Forschungsreaktor und der auf dem gleichen Gelände gelegenen »Zentralen Sammelstelle für radioaktive Abfälle« Gefahren für die Gesundheit der Anwohnerinnen und Anwohner ausgehen. Hier steht der Termin noch nicht fest. Er muss zunächst mit der Ausschussmehrheit abgestimmt werden. Auch zu dieser Anhörung wird der Bezirksverband der Linken Steglitz- Zehlendorf Gelegenheit haben, einen kritischen Experten zu benennen.
 

2.

In dem Aufruf wird bemängelt, dass der Reaktor bei der aktuellen Überprüfung außer Betrieb war. Das ist zwar richtig, denn seit Oktober 2010 ist der Reaktor wegen notwendiger und geplanter Wartungsarbeiten vorübergehend heruntergefahren. Es ist allerdings widersprüchlich, einerseits zu fordern, den Reaktor erst wieder anzufahren, wenn die ergebnisoffene Prüfung abgeschlossen ist und andererseits gleichzeitig zu bemängeln, dass die Prüfung, die man einfordert, am stillgelegten Reaktor erfolgte.
 

3.

In dem Aufruf wird formuliert, es handele sich um einen »alten« Atomreaktor. Das ist so nicht korrekt. Der Reaktor ist zwar 1974 in Betrieb gegangen, wird aber fortlaufend modernisiert und befindet sich technologisch auf dem neuesten Stand. Nur so wird er den wissenschaftlichen Anforderungen gerecht. In der aktuellen Umbauphase wurden zum Beispiel neue verspiegelte Neutronenleiter eingebaut, die die Qualität der wissenschaftlichen Hochleistungsinstrumente noch einmal deutlich verbessern.
 

4.

Der Forschungsreaktor dient gemeinsam mit dem ebenfalls vom HZB betriebenen Elektronenspeicherring BESSY II jährlich mehr als 2000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus aller Welt bei der Grundlagenforschung zur Beschaffenheit der Materie, aber auch bei Forschungen in einem ganz breiten Anwendungsspektrum, das von der Forschung im Bereich der Supraleitung, der Erforschung der Vorgänge in Katalysatoren und Brennstoffzellen, von Treibstoffen, von Rußablagerungen in Motoren und Triebwerken bis hin zu Forschungen zur Herstellung und Haltbarkeit von Baumaterialien reicht. In der medizinischen Forschung werden die erzeugten Neutronen unter anderem zur Untersuchung von Eiweißstoffen benötigt, um die Krankheitsursachen für Multiple Sklerose und Morbus Alzheimer aufzudecken.
 

5.

Technologisch handelt es sich bei dem Forschungsreaktor um einen »Schwimmbadreaktor«, so genannt, weil er mit gewöhnlichem Wasser betrieben wird. Der Reaktor arbeitet bei Normaldruck und Raumtemperatur. Es gibt deshalb auch keinen Reaktordruckbehälter, der explodieren könnte. Aus diesem Grund benötigt er auch kein Containment. Die beiden 11 m tiefen Reaktorbecken haben einen Durchmesser von 3,50 m und sind mit einer sich von 3 auf 2 m Stärke verjüngenden Schwerbetonwand ummantelt. Sie enthalten ca. 200 m³ Wasser. Ein Nachfüllen der Becken bei einer Leckage ist selbst unter extremen Bedingungen einfach zu bewerkstelligen, da der Reaktor eben keinen Druckbehälter braucht und daher einfach zugänglich ist. Der Forschungsreaktor produziert ca. 10 MegaWatt Wärme. Ein Leistungsreaktor zum Vergleich etwa 3.000 - 4.000 MegaWatt. Seine Kühlung erfolgt über Wärmeaustauscher. Bei einem Ausfall der Pumpen braucht er allenfalls eine Nachkühlung von 1 Minute Dauer. Dieses ist allein durch das mechanische Nachlaufen der Pumpen gewährleistet. Pro Jahr benötigt der Wannsee-Reaktor 2,5 kg des spaltbaren, nichtwaffenfähigen Uranisotops 235. Kernkraftwerke verbrauchen im Jahr ca. 1.500 kg.

Der Reaktor verfügt über 24 Brennelemente mit je 322 Gramm Uran-235 und 6 sog. Kontrollstäbe mit je 238 Gramm Uran-235 als Neutronenabsorber. Die Stäbe sind jeweils 80 cm lang und befinden sich in einer Aluminium- Matrix. Zum Vergleich: Deutsche AKWs verfügen im Schnitt über 600 Brennstäbe von jeweils 4 m Länge.
Die Schnellabschaltung des Reaktors ist betrieblich, automatisch wie manuell, schon bei geringfügigen Abweichungen von Vorgabewerten vorgesehen. Die Auslöseschwelle für eine Schnellabschaltung ist dabei extrem niedrig angelegt. Der Kernspaltungsprozess kommt nach einer solchen Schnellabschaltung bereits in weniger als 0,5 Sekunden zum Erliegen.

Bei Ausfall der Stromversorgung fallen die oben erwähnten Kontrollstäbe, die an Elektromagneten aufgehängt sind, allein durch ihr Gewicht in den Reaktorkern im Wasserbecken und unterbrechen die Kernspaltung.
 

6.

Die zusätzliche Sonderprüfung sollte auf der Grundlage der Erkenntnisse aus den Ereignissen in Fukushima die Robustheit des Reaktors gegen auslegungsüberschreitende Einflüsse untersuchen. Es sollte nicht das wiederholt werden, was ohnehin bereits Bestandteil des Sicherheitsberichts ist. Der Prüfbericht des TÜV Rheinland, der nun vorliegt, bestätigt diese Robustheit, weist aber auch noch einmal auf Schwachstellen hin. Er bestreitet keineswegs ein vorhandenes Risiko, er definiert es jedoch auf sachlicher Grundlage.

So wurden insgesamt 22 Absturz-Szenarien konstruiert, bei zweien davon, kann die Robustheit in der Tat nicht garantiert werden. Dabei spielt die Dachkonstruktion aber keine Rolle.
 

7.

In dem Aufruf wird behauptet, es gebe einen Riss im Kühlsystem. Das ist falsch. Die beiden Reaktorbecken sind durch einen 2 m breiten Kanal miteinander verbunden. So kann der Reaktorkern ggfs. in das zweite Becken verbracht werden, während das andere leer gepumpt wird, um darin ggfs. zu arbeiten. Der Rückfluss des Wassers in das leergepumpte Becken wird dabei durch einen Schieber verhindert.

Und hier gab es in der Tat an diesem Schieber eine undichte Nahtstelle durch die das Wasser in das Becken in geringer Menge zurücktropfen konnte, gerade so viel, dass der Wasserstand in dem leergepumpten Becken in 24 Stunden um 1 cm anstieg. Dieser Defekt wird im Zuge der aktuellen Wartung behoben. Er stellte zu keinem Zeitpunkt eine Gefahr dar, weil er im geschlossenen System keine Relevanz für die Kühlung besaß.
 

8.

In dem Aufruf heisst es weiter, es seien ungeeignete Materialien direkt am heissen Kern des Reaktors verarbeitet.

Offensichtlich ist damit das ominöse konische Strahl-Rohr aus angeblich minderwertigem Material gemeint, von dem in einer »Kontraste«-Sendung vom 9. Juni 2011 die Rede war.

Die insgesamt neun Strahlrohre dienen dazu, die Neutronen aus dem Reaktorkern durch das Wasserbecken und die Betonabschirmung zu den Experimentiereinrichtungen zu leiten. Die Anforderungen an diese Strahlrohre sind detailliert in entsprechenden Werkstoffvorschriften festgelegt. Die in diesen Werkstoffvorschriften aufgeführten üblichen Werte für die anfängliche Streckgrenze und die Dehnbarkeit des Materials wurden bei diesem beanstandetem Rohr in der Tat mit nur 73 N/mm² statt 80 N/mm² und 172 N/mm² statt 180 N/mm² nicht ganz erreicht. Das Rohr war dennoch für den Einsatz in Atomreaktoren zertifiziert. Im Rahmen eines entsprechenden Tolerierungsantrags konnten auch mit diesen Werten die Forderungen der Festigkeitsberechnungen erfüllt werden.

Zur Erläuterung: Die Neutronenstrahlung verändert im Laufe der Jahre die Materialeigenschaften der Rohre. Während die Gleichmaßdehnung, das Maß für die Dehnbarkeit oder Duktilität, abnimmt, steigen Zugfestigkeit und Streckgrenze. Aus diesem Grund war die Einsatzzeit dieses beanstandeten Rohres von vorne herein begrenzt. Die Gleichmaßdehnung soll nicht unter 5% sinken. Dieser Wert wäre für das Rohr 2011 erreicht worden. Es wurde deshalb zeitgerecht und planmäßig ausgetauscht.
Das Material für das neue Strahlrohr, dessen Haltbarkeit jetzt auf etwa 20 Jahre angelegt ist, erfüllt alle in Spezifikation und Werkstoffvorschriften geforderten Werte. Die Druckfestigkeit bleibt durch Verschraubungen sichergestellt, lediglich das Dichtungskonzept wurde verändert. Die Schweißlippendichtung wurde durch eine Metallringdichtung ersetzt.
 

9.

Als sogenannte Kalte Quelle dient auf minus 250 Grad Celsius gekühlter Wasserstoff, der in einem Drei-Barrieren-Sicherheitssystem in einem sogenannten Moderatortopf, von einem Hochvakuum und einer Heliumatmosphäre umgeben, eingeschlossen ist. Würde das Hochvakuum auch nur in geringem Maße abfallen, z.B. durch ein Leck, würde dies durch die Messgeräte sofort bemerkt werden. Die umgebende Heliumatmosphäre verhindert zudem irgendwelche chemische Reaktionen. Eine Wasserstoffverpuffung oder -explosion ist also nahezu ausgeschlossen. Bei einer eventuellen Leckage der Wasserstoffleitung käme es in der 2. Barriere, im Vakuumsystem zu einem Druckanstieg auf maximal 12 bar. Erst bei einer hypothetisch angenommenen Wasserstoffverpuffung würde das Vakuumsystem beschädigt. In Folge käme es im Strahlrohr zu einer Druckspitze von bis zu 24 bar.
Die dritte Barriere ist dann das konische Strahlrohr selber, das auf einen plötzlichen Druckanstieg bis zu 30 bar ausgelegt ist, so dass es auch einer solchen Wasserstoffexplosion standhalten und nicht bersten würde.
 

10.

In dem Aufruf wird weiterhin behauptet, radioaktive Abfälle seien auf dem Gelände des HZB unter unzureichenden Bedingungen gelagert. Das ist falsch. Der Forschungsreaktor selber verbraucht im Jahr etwa 14 Brennelemente. Dabei fallen ca. 168 g Plutonium an. Diese werden nicht in der Zentralen Sammelstelle gelagert, sondern verbleiben bis zu ihrem Abtransport in einem Absetzbecken unter dem eigentlichen Reaktorbecken.

Der Abtransport der ausgebrannten Elemente findet alle drei bis vier Jahre statt. Nach dem § 9 des Atomgesetzes müssen radioaktive Abfälle, die nicht aus dem Betrieb kerntechnischer Anlagen stammen, im jeweiligen Bundesland zwischengelagert werden, bis sie weiter zur Endlagerung verbracht werden können.

Pro Jahr fallen im Durchschnitt 30 m³ solcher Abfälle in Berlin an. Dabei stammen 63 Prozent des Mülls aus Forschungseinrichtungen. 14 Prozent kommen aus der Industrie, 15 Prozent aus der Nuklearmedizin, den Berliner Krankenhäusern und Arztpraxen, vom kontaminierten Handschuh bis zum ausgedienten Röntgengerät. Den Rest bilden unterschiedliche Materialien wie zum Beispiel alte Ionisationsrauchmelder oder Bauschutt. Die Lagerkapazität beträgt rund 800 m³, sie ist zur Zeit zu 95% ausgelastet. Das Problem besteht darin, dass die Sammelstelle zum Zeitpunkt ihrer Errichtung zu Beginn der 70iger Jahre einvernehmlich auf 5-10 Jahre konzipiert war. Dann sollte ein Endlager für diese Abfälle zur Verfügung stehen.

Die Einrichtung eines solchen Endlagers ist immer wieder aufgeschoben worden. Es wird wohl auch in absehbarer Zeit keines zur Verfügung stehen. Als Zwischenlösung wird deshalb u.a. erwogen, diese Abfälle in Kooperation mit dem Helmholtz-Zentrum Berlin, das in Gorleben ungenutzte Lagerkapazitäten besitzt, dort zwischenzulagern.

Der radioaktive Müll wird in der Sammelstelle jeweils speziell bearbeitet, in aufwändigen Prozessen separiert, Hochdruck-verpresst, einzementiert, in 200-l-Fässern verpackt, die dann wieder in Container eingestellt und ein weiteres Mal zementiert werden, um so auf den endgültigen Abtransport zu warten.
 

11.

In dem Aufruf wird behauptet, der Forschungsreaktor gäbe ein Vielfaches der Menge eines wesentlich größeren Atomkraftwerks an hochradioaktivem Tritium ab. Das trifft nicht zu.

Dem Parlamentsbericht 2009 »Umweltradioaktivität und Strahlenbelastung im Jahr 2009: Unterrichtung durch die Bundesregierung« ist zu entnehmen, dass das HZB keine exponierte Stellung in Sachen Tritium-Emission einnimmt. Bei allen aufgeführten Ausstoßstoffen wurden die vorgeschriebenen Abgabegrenzen nicht überschritten. Teilweise lag die Emission sogar deutlich darunter. Dabei wurden BER II und die Zentralstelle für radioaktive Abfälle (ZRA) als Anlagen an einem Standort gemeinsam bilanziert.
 

12.

Weiterhin wird behauptet, durch die Strahlung des Reaktors ergebe sich eine erhöhte Gesundheitsgefährdung für die Umgebung. Um den Reaktor herum, wie überhaupt in ganz Berlin, haben wir eine niedrigere Strahlenbelastung als sie zum Beispiel im Schwarzwald natürlicherweise vorliegt. Der Mittelwert für die natürliche Strahlung in Deutschland beträgt 2,1 mSv pro Jahr, bei einer Schwankungsbreite von 1 bis 6 Millisievert. Die Strahlenbelastung durch eine medizinische Röntgenuntwersuchung beträgt pro Therapie etwa 1,9 Millisievert. Bei einem Langstreckenflug von 10 Flugstunden in 10.000 Metern Höhe beträgt der Wert 50 Mikrosievert, also 0,05 Millisievert. Die durchschnittliche Jahresdosis, der man in Gebäuden durch Baustoffe ausgesetzt ist, beträgt 0,8 bis 1,7 Millisievert. Der genehmigte Abgabewert des BER II nach §47 der StrahlenSchutzVerordnung beträgt 300 MikroSievert (µSievert) pro Jahr. Dieser wird bei weitem nicht erreicht. Der Mehrwert in unmittelbarer Umgebung der Anlage in Wannsee liegt bei höchstens 0,2 Mikrosievert pro Jahr, also 0,0002 Millisievert.
 

13.

Ebenso wird in der Argumentation der Reaktorgegner behauptet, der Berliner Senat weigere sich, ein entsprechendes Krebskataster anzulegen. Das ist falsch. In Berlin existiert ein solcher »Krebsatlas« bereits seit Jahren. Er wird vom »Gemeinsamen Krebsregister der Länder Berlin, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und der Freistaaten Sachsen und Thüringen« in Zusammenarbeit mit der Senatsverwaltung Gesundheit erstellt. Die letzte Präsentation erfolgte im Juli 2007.

Dieser Atlas ist im Internet unter dem Stichwort »Krebsatlas Berlin« abrufbar. Er enthält unter anderem eine detaillierte Analyse der Krebsneuerkrankungsraten in kleinräumiger Gliederung. Man kann dort für die jeweiligen Berliner Bezirke nach Art der Krebs-Erkrankung aufgeschlüsselt die Erkrankungsraten erfahren. Der Bezirk Steglitz-Zehlendorf weist dabei keine signifikant höhere Krebserkrankungsrate auf. Im Gegenteil: Die Neuerkrankungsrate ist hier signifikant niedrig, die niedrigste aller Berliner Bezirke.