
Reichtum und Herausforderung
In Berlin leben Menschen aus über 100 Nationen zusammen. Mit jeweils eigener Herkunft, Kultur, Tradition und Weltanschauung. Sie bereichern das Leben in der Stadt. Sie stellenihre Mitmenschen und deren Toleranz aber auch immer wiederauf die Probe – eine Vielfalt, die Reichtum und Herausforderung zugleich ist. Dieses Spannungsfeld berührt grundlegende Fragenmenschlichen Zusammenlebens und wirft Konflikte auf, die insbesondere Kinder und Jugendliche betreffen.
Fragen nach der eigenen Identität, nach der Lebensplanung und ihrem künftigen Platz in der Gesellschaft, nach der Bedeutung von Freundschaft und Liebe sowie ihren Beziehungen zu anderen Menschen bestimmen den Alltag von Heranwachsenden in besonderer Weise.
Junge Menschen brauchen Gelegenheit, um sich zu äußern, auszutauschen und Antworten auf ihre Fragen zu finden. Sie brauchen Offenheit, Akzeptanz und Begleitung, um einander in ihrer Verschiedenartigkeit kennen, tolerieren und respektieren zu lernen. Denn sie sind es, die unsere Gesellschaft zukünftig mitgestalten werden.
Ethik: Ein Fach für alle
Der Ort, der die besten Bedingungen hierfür bietet, ist ohne Zweifel die Schule. Deshalb hat die rot-rote Regierungskoalition zum Schuljahr 2006/2007 Ethik als neues Fach an den Berliner Schulen eingeführt. Von der 7. bis zur 10. Klasse verbindlich, bietet der Ethik-Unterricht Schülerinnen und Schülern unterschiedlicher nationaler, ethnischer und kultureller Herkunft, verschiedener Glaubensrichtungen und Weltanschauungen Raum, die Lebensweisen und -vorstellungen des jeweils anderen kennen zu lernen und sich mit ihnen auseinander zu setzen. Der Ethik-Unterricht sensibilisiert sie für Gemeinsames, aber auch für Unterschiede.
Hier lernen sie, das Fremde nachzuvollziehen, sich miteinander zu verständigen und Konflikte friedlich zu lösen.
Die Themenfelder im Ethik-Unterricht sind breit gefächert: Es geht um Identität, Freundschaft und Glück, um Diskriminierung, Gewalt und Toleranz, um Wissen über Religionen und Kulturen. Es geht um Freiheit, Verantwortung und Solidarität, um Gleichheit, Recht und Gerechtigkeit, um Pflicht, Schuld und Gewissen. Es geht um Werte.
Ethik verbindet
Die Erfahrungen, die Schülerinnen und Schüler, Lehrende und Eltern in den vergangenen zwei Jahren seit Einführung des Faches in Berlin mit dem Ethik-Unterricht gemacht haben, sind in großer Mehrheit positiv, die Ergebnisse bemerkenswert. So berichten Lehrer, dass ihre Schülerinnen und Schüler beispielsweise Vorurteile hinterfragen und verstärkt über die Rechte anderer diskutieren – angeregt durch den gemeinsamen Ethik-Unterricht.
Das kann Ethik-Unterricht aber nur leisten, weil er als Pflichtfach konzipiert ist, an dem alle Schülerinnen und Schüler gemeinsam teilnehmen – nicht getrennt nach ihrer ethnischen, weltanschaulichen oder religiösen Herkunft. Auch deshalb ist Ethik als Unterrichtsfach nicht abwählbar. Denn die Besonderheit des Faches ist das Verbindende. Somit ist es kein Alternativ- oder Ersatzangebot zum Religions- und Lebenskundeunterricht, wie es derzeit die kirchennahe Initiative »Pro Reli« fordert, sondern stellt einen Grundbestandteil des Berliner Lehrplans dar.
Nur miteinander lassen sich gegenseitiges Verständnis entwickeln und Gemeinsamkeiten entdecken. Nur zusammen kann man Respekt voreinander gewinnen und Grenzen von Toleranz erfahren. Grundkenntnisse weltanschaulicher und religiöser Ethik, Fragen der Lebensgestaltung und der Menschenrechte sind für alle Schülerinnen und Schüler der Berliner Schulen unverzichtbar – und dies unabhängig davon, ob sie darüber hinaus einen christlichen, islamischen, jüdischen oder buddhistischen Religionsunterricht beziehungsweise das weltanschauliche Fach Humanistische Lebenskunde besuchen.
Das Schulfach Ethik kann Jugendlichen helfen, eine Vorstellung davon zu entwickeln, wie die Welt, in der sie leben möchten, aussehen soll, und ihnen dafür Wissen, Leitbilder und Wertmaßstäbe vermitteln. Es soll sie dazu anregen, aktiv zu werden, Konflikte gewaltfrei auszutragen, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen und gesellschaftliche Prozesse mitzugestalten. Und es soll die Voraussetzungen dafür schaffen, einen eigenen Standpunkt zu entwickeln und zu vertreten, ohne andersartige Meinungen zu verunglimpfen. Diesen Prozess zu begleiten und zu fördern, ist eines der wichtigsten Ziele des Ethik-Unterrichts.
Ethik und Berliner Tradition
Religions- und Lebenskundeunterricht ist im Unterschied zu den meisten anderen Bundesländern in den Berliner Schulen kein reguläres Pflichtfach. Hier wird er in Verantwortung der Kirchen, von Religionsgemeinschaften und des Humanistischen Verbandes Deutschland erteilt und fast vollständig vom Staat finanziert – mit knapp 50 Millionen Euro pro Jahr. Die Teilnahme ist freiwillig.
Diese Praxis hat eine lange Tradition. Sie geht auf das Berliner Schulgesetz vom 26. Juni 1948 zurück und ist durch das Grundgesetz im Artikel 141 (»Bremer Klausel«) gesichert. Dem trägt die Konzipierung des Ethik-Unterrichts als in seiner Ausrichtung neutrales Pflichtfach Rechnung.
Ethik folgt dem bildungspolitischen Auftrag der Schule, indem es einen spezifischen Beitrag zur Entwicklung gemeinsamer Wertvorstellungen und gegenseitiger Verständigung leistet. Dafür ist die weltanschauliche und religiöse Neutralität des Faches eine Voraussetzung. Religions- und Lebenskundeunterricht hingegen ist bekenntnisgebunden und deshalb auch freiwillig. Er dient dazu, die eigene Religion oder Weltanschauung kennen und ausüben zu lernen und aus dieser Perspektive den Blick auf andere zu richten.
Seit der Einführung des Ethik-Unterrichts hat sich nichts an der Stellung des Religions- und Weltanschauungsunterrichts geändert. Die Schulen stehen weiter für dieses Unterrichtsangebot offen. Es aktiv zu nutzen, beruht auf der freiwilligen Entscheidung der Schülerinnen und Schüler sowie ihrer Eltern. Das hat sich in Berlin seit immerhin 60 Jahren bewährt.
Ergänzung statt Konkurrenz
Das Schulfach Ethik ist keine Alternative oder Konkurrenz zu konfessionellem oder weltanschaulichem Unterricht.
Das Berliner Modell – gemeinsamer, verbindlicher Ethik-Unterricht und freiwilliger Religions- und Lebenskundeunterricht – ist gut und besser als ein Wahlpflichtfach geeignet, um Schülerinnen und Schüler darin zu fördern und zu bestärken, im multikulturellen Berlin offen, tolerant, diskriminierungsfrei und Verständnis entwickelnd mit der Vielfalt an Religionen und Kulturen umzugehen.
Beides – Ethik sowie der Religions- und Lebenskundeunterricht – haben ihren Platz und eine jeweils andere Funktion an den Berliner Schulen. Wer wie die Initiative »Pro Reli« zwischen diesen Fächern »Wahlfreiheit« fordert, schränkt die tatsächlichen Möglichkeiten jedoch ein: Die Schülerinnen und Schüler müssen eines der beiden Fächer abwählen, um am Unterricht des anderen Faches teilnehmen zu können. Dies würde weder der Freiheit zur Teilnahme am Religionsunterricht noch dem gemeinschaftlichen Ansatz des Ethik-Unterrichts gerecht werden.