Viel zu lange haben Gesundheitspolitik und Gesundheitssystem geschlechtsdifferenzierte und -sensible Aspekte bei der Diagnose und Therapie von Krankheiten unbeachtet gelassen. 1999 hat der Deutsche Städtetag beschlossen, die Frauengesundheit stärker in den Fokus zu nehmen. Mit dem „Bericht zur gesundheitlichen Situation von Frauen in Deutschland“ der Bundesregierung aus dem Jahr 2001 wurde erstmals einer breiten Öffentlichkeit deutlich gemacht, dass Frauengesundheit als Thema in Zukunft stärkere Beachtung finden muss.
Unterschiedliche Krankheitsbilder und -verlaufsformen bei Männern und Frauen sind nicht nur biologisch bedingt und erklärbar, sondern auch Ausdruck sozialer und gesellschaftlicher Indikatoren. Einen eindrucksvollen Beleg für die Folgen solcher Versäumnisse bieten die Erkenntnisse über Herzinfarkt bei Männern und Frauen. Da sich die medizinische Forschung lange auf Männer konzentrierte (Herzinfarkt galt als typische „Männerkrankheit“), blieben Erkenntnisse z.B. über erste warnende Hinweise auf einen drohenden Infarkt bei Frauen unbeachtet.
Heute ist bekannt, dass sich diese bei Frauen völlig anders äußern können. Es ist das Verdienst der Frauen- und Geschlechterforschung vor allem an der Charité, dass die Medizin heute schneller auch auf Herzinfarkte bei Frauen mit richtigen Maßnahmen reagieren kann. Weil Frauen mit einem Herzinfarkt durchschnittlich 30 Minuten später als Männer ins Krankenhaus eingeliefert werden, haben die beiden Senatsverwaltungen für Frauen und Gesundheit gemeinsam mit dem Deutschen Herzzentrum, der Apothekerkammer und dem Arbeitskreis Frauengesundheit eine Informationskampagne mit Plakaten und Informationsblättern gestartet.
Die Linkspartei.PDS-Fraktion hat sich sehr dafür eingesetzt, dass die Forderungen und Empfehlungen des Frauengesundheitsnetzwerkes im Senat aufgegriffen wurden. So wurde die geschlechtsdifferenzierte Gesundheitsberichterstattung fester Bestandteil im Aufgabenkatalog der Politik. Die geschlechtsspezifische Betrachtung der Gesundheitsvorsorge wurde als ein zentrales Projekt der Gesundheitsverwaltung bei der Einführung von Gender Mainstreaming in Angriff genommen.
Das Berliner Programm zur Förderung der Chancengleichheit für Frauen in Forschung und Lehre hat dazu beigetragen, dass Frauen- und Geschlechterforschung auch im Bereich der Medizin etabliert und institutionalisiert werden konnte. Mit der Gründung der „Arbeitsgemeinschaft der Frauen- und Geschlechterforschungseinrichtungen Berliner Hochschulen (afg)“ gibt es ein Kompetenznetzwerk mit standort- und ressortübergreifendem Charakter. Hier sind auch die gesundheitlich ausgerichteten Institutionen der (Fach)Hochschulen eingebunden. Damit verfügt die Berliner Hochschullandschaft über ein Kompetenznetzwerk, das im Rahmen der Strukturreformen in Wissenschaft, Forschung und Lehre Kristallisationspunkt auch für den Ausbau und die Stärkung der Frauen- und Geschlechterforschung in der Medizin sein kann. Allerdings bedarf es dazu auch künftig deutlicher politischer Unterstützung. Die Hochschullehrerinnen und Wissenschaftlerinnen an der Charité haben täglich Widerstände zu überwinden, die in dem noch immer männlich geprägten Organisationsbetrieb ihre Ursache haben. Die öffentlichen Bekenntnisse aus Vorstandsetagen und akademischen Gremien zur gleichberechtigten Teilhabe von Frauen in den Gesundheitswissenschaften stehen oft im eklatanten Widerspruch zur Realität. Die Linkspartei.PDS wird sich nachdrücklich dafür einsetzen, die Bedingungen für Frauen– und Geschlechterforschung in der Medizin weiter zu verbessern.