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Politik von A bis Z

Jugendberufsagentur

Der Senat hat die Absicht, bis zum Ende des Jahres 2016 in allen Bezirken Jugendberufsagenturen einzurichten. Ziel ist es, die Angebote von Arbeitsagentur, Jobcenter, Senat, Jugendhilfe und Schule zusammenzuführen, um jedem jungen Menschen einen gelingenden Übergang von der Schule in Ausbildung und Beruf zu sichern. Diese Zielstellung unterstützt DIE LINKE. Der Handlungsbedarf ist groß. Berlin gehört zu den Ländern mit der höchsten Jugendarbeitslosigkeit. Die Zahl derer, die die Schule ohne Abschluss verlassen bzw. Ausbildung oder Studium abbrechen, ist alarmierend. Fast 13.600 junge Menschen zwischen 15 und 25 waren Ende Mai 2016 in Berlin arbeitslos gemeldet, das ist fast jede/jeder Zehnte dieser Altersgruppe! Nur jede/jeder vierte von ihnen hat eine Ausbildung.

Doch das Berliner Konzept für eine bezirkliche Jugendberufsagentur hat gravierende Mängel. Das fängt bei der Zielgruppe an. Offiziell heißt es, dass sich jeder junge Mensch, der das 25. Lebensjahr noch nicht vollendet hat, an die Jugendberufsagentur wenden kann. Das ist richtig, doch nicht jedem/jeder wird dort auch geholfen. Die Jugendberufsagentur wendet sich in erster Linie an jene, die es in den meisten Fällen vermutlich auch allein schaffen würden. Für diejenigen, die es aufgrund vielfacher Benachteiligungen schwerer haben, ist die Jugendberufsagentur nur »Anlaufstelle«. Das betrifft z.B. junge Menschen mit Behinderung, die an die Reha-Stellen der Agentur für Arbeit verwiesen werden, oder die nicht geringe Zahl von Jugendlichen mit »erhöhtem Unterstützungsbedarf«, für die das Jugendamt zuständig ist oder die gleich an die Arbeitsvermittlung der Agentur für Arbeit verwiesen werden. Für Angebote der Jugendberufshilfe nach § 13 SGB VIII haben die Bezirke jedoch keine zusätzlichen Mittel bekommen. Eine Zusage des Senats, hier nachzubessern, blieb bisher unerfüllt. Dabei war es das Ziel, für »schwierige Fälle« komplexe Angebote zu machen. Erst sollte das tägliche Leben geregelt werden, bevor an eine Ausbildung gedacht werden kann, d.h. Entschuldung, Drogentherapie… Für diese und andere sozial-integrative Leistungen sind die Bezirke zuständig, doch denen fehlen ebenfalls die Mittel dafür.

Besonders kompliziert ist die Herausforderung, jungen Geflüchteten individuelle Unterstützungsangebote für Ausbildung und Arbeit zu machen. Dafür fehlen bisher geeignete Angebote. Abhilfe könnte schaffen, wenn sich die Partner unter dem Dach der Jugendberufsagentur zusammentun, ihre jeweiligen Ressourcen und Erfahrungen bündeln und flexibel die geeigneten, auf den einzelnen jungen Menschen genau passenden Instrumente für die Förderung von Ausbildung und Arbeit entwickeln würden. Doch diese rechtskreisübergreifende Zusammenarbeit hat die Bundesagentur für Arbeit mit Verweis auf die Rechtslage untersagt und entsprechende Modellprojekte, die seit Jahren in einigen Bezirken erfolgreich durchgeführt wurden, beendet. Die Partner der Jugendberufsagenturen haben zwar ein gemeinsames Dach, doch hinter den jeweiligen Türen bleibt man mit seinem jeweiligen »Instrumentenkasten« für sich. Der Vorteil für die jungen Menschen, amtsdeutsch als »Kunden« bzw. »Kundinnen« bezeichnet, reduziert sich darauf, dass die Wege von Behörde zu Behörde nicht mehr so weit sind. Das ist immerhin schon etwas, doch uns als LINKEN bei weitem nicht genug.

Ein weiteres Problem ist die Umsetzung des Konzepts der Berufs- und Studienorientierung. Richtig ist die Erkenntnis, dass sich Schülerinnen und Schüler bereits in der Schule rechtzeitig mit der Frage der Berufswahl auseinandersetzen. Zur Berufsberatung ist die Agentur für Arbeit auch gesetzlich verpflichtet. Doch es geht nur gemeinsam mit den Schulen. Aber auch da fehlen die Ressourcen, das Know-how und die richtigen Partner. Ein wesentlicher Verbündeter sollte die Wirtschaft sein, die auch in Berlin händeringend nach Fachkräften ruft. Es gibt viele gute Beispiele für eine für alle Seiten vorteilhafte Zusammenarbeit zwischen Schulen und Betrieben. Trotzdem wird immer wieder ein sogenanntes »mismatching« beklagt: Jugendliche suchen Ausbildungsplätze, und Unternehmen beklagen Bewerbermangel – entweder gibt es keine oder es sind nicht die richtigen. Leider wurde versäumt, in den Vereinbarungen über die Zusammenarbeit zur Umsetzung einer Jugendberufsagentur in Berlin konkret festzulegen, was jeder Beteiligte einbringt und wie man es gemeinsam schaffen kann, jedem bzw. jeder Jugendlichen einen Ausbildungsplatz anzubieten oder den Weg dahin zu ebnen. Nur so ist es zu erklären, dass jeder vierte betriebliche Ausbildungsplatz in Berlin unbesetzt bleibt, der Senat jedoch sowohl 2015 als auch 2016 über 500 außerbetriebliche Ausbildungsplätze aus Steuergeldern finanziert. Das Geld sollte besser in ausbildungsbegleitende Hilfen oder die Unterstützung von Bildungs- und Ausbildungsverbünden fließen. Doch dafür sind wieder einmal andere Rechtskreise zuständig.

Ein wesentlicher Kritikpunkt für DIE LINKE ist, dass beim Konzept für die Jugendberufsagenturen die Agentur für Arbeit den Ton angibt. Sie verfügt über die Ressourcen und sie entscheidet, wem geholfen wird und welche Angebote gemacht werden. Statt des Jugendhilfeprinzips des Wunsch-, Wahl- und Entscheidungsrechts gilt das Prinzip der Sanktion. Statt der partnerschaftlichen Zusammenarbeit mit den Trägern vor Ort gilt der Ausschreibungszwang. Und dabei gewinnt nicht der Beste, sondern im Regelfall der billigste Anbieter.

Das und Weiteres wollen wir ändern. Wir wollen die Arbeit der Jugendberufsagenturen überprüfen und gemeinsam mit den Betroffenen und Beteiligten das Konzept der Jugendberufsagenturen verändern und die für den Erfolg erforderlichen Kompetenzen und Ressourcen bereitstellen. Dieser Erfolg wird daran zu messen sein, ob es gelingt, allen jungen Menschen in Berlin eine Perspektive für Ausbildung und Beruf zu schaffen.

DIE LINKE. Berlin fordert:

  • Die Angebote der Jugendberufsagenturen in den Bezirken müssen sich an alle Jugendlichen richten. Die Zielgruppenbestimmung der Berliner Jugendberufsagenturen muss entsprechend geändert werden. Das Wunsch- und Wahlrecht der jungen Menschen muss berücksichtigt, ihre Entscheidung respektiert werden.
  • Die Jugendberufsagenturen müssen mit den notwendigen Ressourcen ausgestattet werden. Dazu gehören auch zusätzliche Mittel für die Bezirke, unter anderem für Angebote der Jugendberufshilfe und für sozial-integrative Leistungen sowie Personalressourcen für die aufsuchende Arbeit.
  • Die Kooperationsvereinbarungen auf Landes- und bezirklicher Ebene müssen verbindlich den konkreten Beitrag beinhalten, den die jeweiligen Partner einbringen. Dazu gehören unter anderem auch Angebote für Ausbildungsplätze im dualen System sowie ausbildungsplatzbegleitende Hilfen und Angebote der assistierten Ausbildung.
  • Zumindest modellhaft muss eine rechtskreisübergreifende Zusammenarbeit zur Entwicklung und Finanzierung gemeinsamer Maßnahmen für die individuelle Unterstützung junger Menschen beim Übergang in Ausbildung und Beruf ermöglicht werden.
  • Für die Integration von jungen Geflüchteten in Ausbildung und Beruf, jungen Mädchen und Frauen, jungen Müttern und Vätern sowie jungen Menschen mit Behinderungen müssen in Zusammenarbeit mit den Partnern der Jugendberufsagenturen, insbesondere den Berliner Betrieben und allen voran den Unternehmen des Landes Berlin, im Bedarfsfall spezialisierte Angebote bereitgestellt werden, die ihnen und allen jungen Menschen eine Perspektive für ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen.