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Wahlprüfstein
 

DAZ.online

Internetausgabe der Deutschen Apotheker Zeitung

1.
Wie bewerten Sie die derzeitige Situation rund um die Arzneimittel-Versorgung in Berlin? Ist die Arzneimittel-Versorgung gewährleistet?

Die Arzneimittelversorgung in Berlin ist in der Fläche ausreichend gut.

2.
Wie beurteilen Sie das Problem der Lieferengpässe in Kliniken, aber auch in öffentlichen Apotheken? Wer trägt aus Ihrer Sicht die Schuld daran? Wie könnte man Lieferengpässe in Zukunft vermeiden?

Ein Lieferengpass ist eine über voraussichtlich zwei Wochen hinausgehende Unterbrechung einer Auslieferung im üblichen Umfang oder eine deutlich vermehrte Nachfrage, der nicht angemessen nachgekommen werden kann. Die Gründe für Lieferengpässe sind vielfältig. Inwieweit solche Engpässe tatsächlich Auswirkungen auf die Standardversorgung mit Medikamenten haben, wird unterschiedlich beurteilt, weil in der Regel andere Hersteller wirkstoffgleiche oder ähnliche Medikamente anbieten. Unstrittig ist, dass bei kurzfristig steigendem Bedarf z.B. an Impfstoffen manifeste Versorgungsprobleme aufgetreten sind.

Sie wissen: Ein Großteil der pharmazeutischen Produktion erfolgt außerhalb Europas. Allein die langen Lieferwege verhindern, dass auf eine akut steigende Nachfrage nicht flexibel reagiert werden kann. Ein weiteres Problem besteht in der Monopolisierung des Arzneimittelmarktes. Einige Arzneimittel werden weltweit nur noch von einem einzigen Hersteller produziert. Lösungsansätze lägen in einem verpflichtenden Meldeverfahren, mit dem die Hersteller auf drohende Probleme rechtzeitig hinzuweisen hätten. Ob die Lagerhaltung auf Vorrat bei staatlichen Stellen ein sinnvoller Ansatz sein könnte, ist im Einzelfall zu prüfen. Bei Medikamenten mit kurzem Verfallsdatum dürfte das wenig Sinn machen.

3.
In Berlin gibt es derzeit 859 Apotheken. Die Zahl ist den vergangenen Jahren leicht zurückgegangen. Auf 4.600 Einwohner kommt im Schnitt eine Apotheke. Wie beurteilen Sie die Apothekendichte in Berlin?

Die Apothekendichte erscheint uns ausreichend.

4.
In Deutschland gilt eine Niederlassungsfreiheit für Apotheker. In der Politik/den Krankenkassen gibt es immer wieder anmerken, dass es aufgrund dieser Niederlassungsfreiheit insbesondere in städtischen Regionen eine zu hohe Apothekendichte gibt. Ist die Niederlassungsfreiheit aus Ihrer Sicht noch richtig? Oder sollten Situationen vermieden werden, in denen in einer Einkaufsstraße mehrere Apotheken neben einander stehen?

Die Niederlassungsfreiheit hat sich bewährt. Es sind die Apotheker selber, die entscheiden, ob und wo sie sich niederlassen wollen. Ggfs. wäre über die Selbstverwaltung zu klären, ob z.B. Mindestabstandsgebote aus Konkurrenzgründen zu definieren wären.

5.
Insbesondere in Berlin wächst der Trend zur Filialisierung bei den Apotheken. Die Apotheken werden auch immer größer, weil sie beispielsweise in Einkaufszentren oder Einkaufsstraßen schnell wachsen. Die kleine »Kiez-Apotheke« muss auf ein solches Laufpublikum größtenteils verzichten. Sollten die kleinen Apotheken aus Ihrer Sicht gesondert geschützt werden? Wenn ja, wie?

Ein besonderer Schutz »kleiner« Apotheken obläge auch der Verantwortung der Selbstverwaltung durch die Apothekerkammer. Allerdings stellt sich dann schon die Frage, wie denn »kleiner« zu definieren wäre.

6.
Berlin ist eine moderne Stadt. In Apotheken gehen aber immer noch Papierrezepte über den Tisch. Wie beurteilen Sie den Stand der Digitalisierung im Gesundheitswesen und insbesondere in Apotheken? Sollten sich Apotheker digital besser mit anderen Heilberuflern vernetzen? Wenn ja, wie?

Wir können den Stand der Digitalisierung weder in den Arztpraxen noch in den Apotheken beurteilen. Sicher sind sowohl eine weitere Digitalisierung wie auch eine bessere Vernetzung im Gesundheitsbereich im Interesse der Patienten sinnvoll. Über die Art und Weise muss im Alltag der Apotheke und nicht in einem Wahlprüfstein zur Abgeordnetenhauswahl in Berlin entschieden werden

7.
Im neuen Präventionsgesetz der Bundesregierung spielen die Apotheker faktisch keine Rolle. Politisch drängen die Pharmazeuten aber seit Jahren darauf, mehr Kompetenzen zu bekommen, zum Beispiel in den Bereichen Ernährungsberatung, Medikationsmanagement oder Diabetes-Beratung. Sollten Apotheker Ihrer Meinung nach mehr solcher Aufgaben übernehmen? Wenn ja, sollten die Apotheker dafür aus Ihrer Sicht auch angemessen bezahlt werden? Oder sind solche Leistungen aus Ihrer Sicht bereits mit dem »normalen« Apothekenhonorar abgedeckt?

Wir gehen davon aus, dass die geschilderten Aufgaben zum originären Berufsbild eines Apothekers gehören und dass diese dann auch angemessen in den Honoraren widergespiegelt werden müssen.

8.
Viele Berliner Arztpraxen sind überlastet. Könnten Apotheker die Ärzte aus Ihrer Sicht entlasten? Wenn ja, mit welchen Services? Wie sollte das bezahlt werden? Privat vom Patienten oder von den Krankenkassen?

Nein.

9.
Es gibt viele alternative/innovative Modelle zur Sicherstellung der Versorgung mit Arzneimitteln. In Hüffenhardt will DocMorris bald einen Video-Abgabeautomaten testen. Der Patient wird per Video vom Apotheker beraten, über den Automaten kann er ein OTC- oder verschreibungspflichtiges Medikamente abgeben. Was halten Sie von einem solchen Konzept für Berlin?

Nichts.

10.
Was halten Sie von einer verstärkten Versorgung der Landbevölkerung durch Versandapotheken? Könnten Versandapotheken insbesondere älteren, nicht mobilen Menschen aus Ihrer Sicht helfen?

Versandapotheken helfen bei akut benötigten oder rezeptpflichtigen Medikamenten nur bedingt. Den persönlichen Kontakt halten wir für die auch immer wieder mal notwendige spontane Beratung für unabdingbar. Alternativ sollten die ortsansässigen Apotheken über Lieferdienste nachdenken.

11.
Die AOK Nordost hat Probleme mit ihren exklusiven Rabattverträgen zur Versorgung mit Zytostatika. Wie bewerten Sie diese Entwicklung? Welche Nachteile/Vorteile haben solche exklusiven Verträge aus Ihrer Sicht?

Das Bundessozialgericht hat ein wegweisendes Urteil gefällt und darin einem Krebspatienten bei onkologischen Zubereitungen das Recht auf die freie Apothekenwahl abgesprochen, wenn solche Rabattverträge bestehen. Dazu ist eine Verfassungsbeschwerde eingereicht. Wir halten solche Rabattverträge in der Tat für problematisch und teilen die Bedenken dagegen.

12.
Der EuGH verhandelt derzeit darüber, ob Apotheken ihren Kunden Boni auf verschreibungspflichtige Medikamente geben dürfen. Erlaubt das Gericht den Apothekern solche Rabatte zu gewähren, könnte die Arzneimittelpreisbindung kippen. Arzneimittelpreise wären dann nicht mehr gesetzlich vorgeschrieben. Jeder Apotheker könnte die Preise ALLER Medikamente frei festlegen, so die Befürchtung. Was halten Sie von dieser Entwicklung? Würden Sie es begrüßen, wenn der EuGH die Preise freigibt? Oder sehen Sie eine Verbindung zwischen Arzneimittelpreisen und Gesundheitsschutz?

Wenn die Gesundheitsversorgung dem Spiel der freien Kräfte des Marktes ausgesetzt wird, schlägt das auch solche Kapriolen wie »Heute im Angebot dieser Apotheke«.