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LAZ | Ausgabe Juni 2002, Seite 2

Gewaltursachen oft in der Kindheit

Pro: Verbote als letztes Mittel, wenn alles andere versagt

Ich trete für das Verbot von menschenverachtenden Darstellungen in den Medien ein. Darstellungen, die das Leben missachten und die Würde des Menschen verletzen, haben auf den Bildschirmen nichts zu suchen.

Die Gesellschaft hat eine Verantwortung dafür, Kinder zu schützen. Das heisst nicht, dass sie in ein Glashaus gehören. Doch die allgegenwärtige Gewalt in schlimmster und brutalster Form, das Schießen, Schlagen, Töten in den Medien haben doch Auswirkungen auf die Entwicklung von Kindern, auf ihr Denken, ihre Gefühle, ihr Handeln – auch wenn die Wirkungsforschung kaum in der Lage ist, diese Wirkung zu messen. Doch es erzählt mir keiner, dass es ohne Wirkung auf die Persönlichkeitsentwicklung bleibt, wenn bereits kleine Kinder stundenlang in Videospielen wetteifern und letztendlich der belohnt wird, der die meisten Opfer zur Strecke gebracht hat.

Harmlos? Sicher, für die Entwicklung eines Kindes sind viele andere Faktoren wichtiger als z.B. der Fernseher. Dort wo ein Kind Liebe, Wärme, Geborgenheit und Anregungen vielfältiger Art findet ist kaum zu erwarten, dass es Schaden nimmt. Nicht automatisch wird aus den Konsumenten von Gewalt auch ein Gewalttäter. Doch für Kinder in schwierigen Lebensverhältnissen, in problematischen Situationen, für Kinder, die selber jeden Tag Gewalt erfahren, kann der ungehinderte Konsum von Mord und Totschlag in kaum vorstellbarer Brutalität Fehlentwicklungen begünstigen.

Nicht erst seit den Erfurter Ereignissen beklagen wir die Gefühlskälte von Menschen, ihre Unfähigkeit normale Alltagskonflikte in friedlicher Form auszuhalten und auszutragen. Jeder von uns kennt Beispiele dafür. Das hat doch Ursachen, die oft in der Kindheit ihren Ursprung haben.

Kinder werden in ihrem Alltag auf vielfältige Weise mit Gewalterfahrungen konfrontiert. In der Familie, im Freundeskreis, in der Gesellschaft. Kriegerisch ausgetragene internationale Konflikte bestimmen die Tagesmeldungen. Wie sollen Kinder lernen, damit umzugehen und Alternativen zu entwickeln, wenn die Medien suggerieren, dass sie sich völlig normal verhalten, wenn sie nur an sich selber denken und rücksichtslos gegen andere sind – verbal, aber auch mit der Faust oder mit einer Waffe.

Nein, die Kinder von heute leben wirklich nicht im Glashaus. Gerade deshalb wäre es so wichtig, dass die Medien Verantwortung übernehmen und Kindern und Familien Angebote unterbreiten, die Humanismus, Toleranz und die Fähigkeit, sich in die Gefühls- und Gedankenwelt anderer Menschen hineinzuversetzen und Konflikte friedlich auszutragen, vermitteln.

Sicher, Verbote sind das letzte Mittel, doch wenn die Medien ihrer Verantwortung nicht gerecht werden, Selbstkontrolle und Selbstregulierung nicht funktionieren, dann ist der Gesetzgeber gefordert. Das Grundgesetz bestimmt ausdrücklich, dass Meinungs- und Pressefreiheit ihre Schranken finden in den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend (Artikel 5). Maßstab ist für mich der Artikel 1 Absatz 1 des Grundgesetzes. Dort heißt es: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.


Dr. Margrit Barth

kinder- und familienpolitische Sprecherin der PDS-Fraktion